Wie Armut das menschliche Gehirn verändert

06 August, 2020
Es besteht kein Zweifel darüber, dass Armut das menschliche Gehirn verändert. In der Tat sind die ärmsten Menschen mit dem Mangel an verschiedensten Ressourcen konfrontiert: Bildung, Ernährung und Freizeit. All dies ist ein Hindernis für ihre Entwicklung. 

Stimmt es wirklich, dass Armut das menschliche Gehirn verändert? Nun, sehr viele Gehirnstudien, die in den vergangenen 50 Jahren durchgeführt wurden, konzentrierten sich auf die Auswirkungen, die ein stimulierendes und angereichertes Umfeld auf das Gehirn hat. Wissenschaftler fanden heraus, dass vermehrte soziale und intellektuelle Stimulation zu strukturellen und funktionellen Veränderungen im Gehirn führt.

Auf der Basis dieser Erkenntnisse begannen Forscher, die Auswirkungen der gegenteiligen Situation zu untersuchen. So stellten sie fest, dass ein Mangel an Ressourcen und Armut ebenfalls zu Veränderungen des menschlichen Gehirns führen.

Die ersten Studien konzentrierten sich darauf, wie sich sozioökonomische Unterschiede im Verhalten und der Kognition eines Menschen widerspiegeln. Andere befassten sich mit der Lokalisierung verschiedener Netzwerke, Funktionen und Strukturen im Gehirn von Menschen aus unterschiedlichen sozioökonomischen Schichten.

Dennoch haben die Wissenschaftler noch keine genaue Erklärung dafür, wie diese Unterschiede entstehen. Allerdings gibt es ausreichende Beweise, mit denen sich belegen lässt, dass Armut das menschliche Gehirn verändert.

“Unabhängig davon, wo auf der Welt extreme Armut auftritt, ist dies eine Bedrohung für die menschliche Sicherheit auf der ganzen Welt.”

-Kofi Annan-

Armut - Gehirn

Auswirkungen von Armut auf die Entwicklung des Gehirns

Diese Erkenntnisse beziehen sich hauptsächlich auf Kinder, da ein Gehirn, welches sich noch in der Entwicklung befindet, anfälliger für externe Faktoren ist.

Neben den genetischen Faktoren sind Umwelteinflüsse entscheidend bei der Entwicklung des Gehirns. Daher kann der sozioökonomische Status eines Menschen diese Phase definitiv beeinflussen.

Infolgedessen stellten Forscher fest, dass der genetische Einfluss auf die Entwicklung der Gehirnstruktur und der Kognition bei Menschen mit hohem sozioökonomischem Status größer ist. Demzufolge könnten Umweltfaktoren bei Menschen mit niedrigerem sozioökonomischem Status größere Auswirkungen haben.

Erkenntnisse

Die Sprache ist eine der Fähigkeiten, die während des Heranwachsens am meisten mit dem sozioökonomischen Status verbunden ist. Forschungen zu diesem Thema haben gezeigt, dass ärmere Kinder in den Gehirnarealen, die mit der Sprache zusammenhängen, eine geringere Spezialisierung aufweisen.

In Bezug auf das Gedächtnis haben die ärmsten Kinder einen kleineren Hippocampus. Darüber hinaus hält dieser Effekt für die nächsten fünf Lebensjahrzehnte an und dies unabhängig von ihren sozialen und wirtschaftlichen Umständen im Erwachsenenalter.

Auch die Amygdala ist eine Gehirnstruktur, die mit Verarbeitung von Emotionen, Lernen und Motivation zusammenhängt. Daher haben die ärmsten Kinder auch eine kleinere Amygdala, welche sich verändern und zu einer schlechteren emotionalen Regulationsfähigkeit führen kann.

Darüber hinaus führt ein Mangel an Stimulation und Ressourcen auch in Bezug auf die exekutiven Funktionen (komplexere kognitive Prozesse wie Entscheidungsfindung oder Planung) zu Veränderungen und Defiziten.

Wie bei den vorher beschriebenen Prozessen besteht auch hier ein Zusammenhang zwischen einem niedrigen sozioökonomischen Status und schlechterer exekutiver Leistungsfähigkeit. Außerdem sind auch die betreffenden Hirnareale kleiner.

Wie Armut das erwachsene Gehirn des Menschen verändert

Die meisten Auswirkungen von Armut, die bei erwachsenen Menschen festgestellt wurden, lassen sich auf einen niedrigen sozioökonomischen Status in der Kindheit zurückführen. Allerdings gibt es auch einige Effekte, die unabhängig von der Kindheit auftreten, die sie verlebt haben.

Eine interessante Studie, die im Wissenschaftsmagazin Science publiziert wurde, fand heraus, dass alleine das Vorhandensein eines wirtschaftlichen Problems die kognitive Leistungsfähigkeit und insbesondere die exekutiven Funktionen beeinträchtigt.

Für die Studie teilten die Forscher Menschen in zwei Gruppen auf. Dabei ging es nur um ein einziges Kriterium: Schwierigkeit bei arithmetischen Operationen. Und im nächsten Schritt mussten sich die Probanden beider Gruppen mit Situationen auseinandersetzen, in der größere oder kleinere ökonomische Probleme vorhanden waren.

In beiden Gruppen waren die Ergebnisse bei geringen wirtschaftlichen Schwierigkeiten sehr ähnlich. Genauso erzielten Menschen mit größeren finanziellen Problemen schlechtere Ergebnisse bei schwierigen Variablen. Mit anderen Worten, sie zeigten eine beeinträchtigte Fähigkeit, unangemessene Reaktionen zu unterdrücken. Darüber hinaus konnten sie auch schlechter entsprechende Reaktionen und relevante Informationen auswählen und bewerten.

Armut - besorgter Mann

Mechanismen

Obwohl Wissenschaftler die verborgenen Mechanismen, die das menschliche Gehirn aufgrund von Armut verändern, nicht genau kennen, gibt es viele mögliche Faktoren, die hierbei zusammenwirken:

  • Mangel an Ressourcen. Die Begrenzung von Ressourcen wie Bücher, Spielzeug und Bildungsmöglichkeiten beeinträchtigt zweifelsohne die Quantität und Qualität der Stimulation, die ein Mensch erfährt.
  • Ernährung. Nährstoffe spielen eine fundamentale Rolle für das menschliche Gehirn, insbesondere bei der Entwicklung von Neuronen. Daher beeinträchtigt ein Mangel an Vitamin B12, Omega-3-Fettsäuren, Zink und Eisen die Entwicklung des Gehirns. Das liegt daran, dass diese Nährstoffe die Plastizität und den genetischen Ausdruck modulieren und die Bildung und Qualität neuronaler Netzwerke regulieren.
  • Stress. Sowohl Kinder als auch Erwachsene, die in Armut leben, leiden unter den Auswirkungen von Stress. Wenn Menschen in einem verarmten Umfeld leben, erhöht sich ihre Cortisol-Produktion und dies hat verheerende Konsequenzen.
  • Umweltverschmutzung und -vergiftung. Menschen mit niedrigem sozioökonomischem Status leben häufig in giftigen Umgebungen. Beispielsweise sind Sozialwohnungen häufig in der Nähe von Fabriken, weshalb die Umwelt dort verschmutzter ist.

Die Bekämpfung von Armut ist also nicht nur eine Frage der Gesundheit. Es ist eine Variable und Generator eines Kontextes mit spezifischen Umständen, der sehr häufig ein Hindernis für die kognitive Funktion der betroffenen Menschen darstellt.

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