Epigenetik: Können wir Tragödien erben?

24. Juni 2019
Die Sozialpsychologie hat verschiedene Massenexperimente zur Vererbbarkeit von Traumata durchgeführt, und die Ergebnisse könnten aufschlussreicher nicht sein. Diese über Generationen hinweg realisierten Studien zeigen uns, dass wir Tragödien erben können.

Selten gibt es eine Generation, die keine Tragödie erlebt hat. Wenn es keine Kriege gab, gab es Hungersnöte, Völkermorde oder brutale Wirtschaftskrisen. Wir kennen die oft verheerenden physischen und psychischen Folgen, die Menschen nach einer solchen Erfahrung entwickeln können. Aber können wir Tragödien auch erben?

Bis vor wenigen Jahren wurde noch nicht in Betracht gezogen, dass diese Erlebnisse einen genetischen Rückstand hinterlassen können, der auch auf zukünftige Generationen übertragen werden kann. Das zeigen zumindest Studien mit Tieren.

Dennoch stellt die Forschung am Menschen ein klares ethisches Problem dar. Das macht es enorm schwierig, festzustellen, inwieweit wir auch genetisch Tragödien und Leiden unserer Eltern und Großeltern erben.

Sozialpsychologie, der erste Zugangsweg

Doch die Ergebnisse verschiedener Massenexperimente auf dem Gebiet der Sozialpsychologie sind sehr aufschlussreich. Diese über Generationen hinweg durchgeführten Studien zeigen uns, dass wir wie auch Tiere Tragödien erben können.

Welcher genetische Mechanismus, Mutationen oder welche Gene genau dafür verantwortlich sind, ist derzeit unbekannt. Doch Sozialpsychologen haben festgestellt, dass es Vererbungsmuster gibt, die nach Geschlechtern differenziert sind. Das ist zweifellos eine Revolution in der Welt der Psychologie, Soziologie und Genforschung.

DNS

Finnland und der Zweite Weltkrieg

Eine Studie des Teams von Dr. Torsten Santavirta von der Universität Uppsala ergab, dass die Töchter von Kindern, die im Zweiten Weltkrieg aus Finnland evakuiert wurden, aufgrund psychischer Störungen viel mehr Krankenhausaufenthalte hatten als andere Menschen, deren Eltern nicht evakuiert wurden.

Die Forschung zeigte auch, dass die Söhne der evakuierten Kinder nicht davon betroffen waren. Mit dieser faszinierenden Tatsache wurde zu erklären versucht, dass psychische Erkrankungen bei Männern in der Regel weniger häufig sind. Dennoch ist der „Zufall“ erstaunlich.

„Unsere Beobachtung des langfristigen psychiatrischen Risikos, das an die nächste Generation weitergegeben wird, ist beunruhigend und unterstreicht die Notwendigkeit, potenzielle Risiken bei der Gestaltung von Maßnahmen zum Schutz der Kinder abzuwägen.“

Dr. Torsten Santavirta

Die konföderierten Soldaten

Eine weitere Studie über die Nachkommen konföderierter Soldaten, die während des amerikanischen Bürgerkriegs im Gefangenenlager Andersonville in Georgia eingesperrt waren, ergab sehr ähnliche Daten wie in Finnland.

Die Kinder der Überlebenden des Gefangenenlagers lebten deutlich schlechter als die Kinder anderer Kriegsveteranen, die nicht inhaftiert worden waren. Es wurde sogar festgestellt, dass viele von ihnen viel jünger gestorben waren als ihre älteren Geschwister, die vor dem Krieg geboren worden waren. Das heißt, bevor ihre Eltern das Trauma durchlitten hatten und es übertragen konnten.

„Sicherlich gibt es einen generationsübergreifenden Transfer von Eigenschaften beim Menschen, der durch bekannte Methoden wie genetische Vererbung, kulturelle Vererbung oder Lernen erfolgen kann.“

Neil Youngson, Professor an der University of New South Wales

Die Enkel des Holocaust können Tragödien erben

Eine der ersten veröffentlichten Studien wurde mit Überlebenden von Konzentrationslagern unter dem Nazi-Regime durchgeführt. Das Forschungsteam des Mount Sinai Hospital in New York untersuchte die genetische Ausstattung einer Gruppe von Juden, die im Konzentrationslager überlebt hatten, und verglich sie mit der ihrer Kinder.

Die Studie konzentrierte sich auf eine bestimmte Region eines Gens, das mit der Regulation von Stresshormonen assoziiert wird, und fand heraus, dass dieses Gen sowohl bei Überlebenden als auch bei ihren Kindern beeinträchtigt war.

Um korrekte Ergebnisse zu erhalten, wurden parallele genetische Analysen durchgeführt, um die Möglichkeit auszuschließen, dass sich bei den Kindern (zweite Generation) das Gen durch ihre eigene traumatische Erfahrung verändert haben könnte.

Konzentrationslager

Die unerklärliche Geschlechterdifferenzierung in der Vererbung von Tragödien

Zusätzlich zu den erwähnten Fakten ist die Geschlechterdifferenzierung besonders interessant. Bei den aus Finnland evakuierten Kindern wurden die Traumata anscheinend nur an Töchter weitergegeben, doch bei den Kriegsgefangenen sind die Studienergebnisse genau umgekehrt. In diesem Fall scheinen nur die Söhne die Traumata geerbt zu haben.

Alle diese Untersuchungen bringen ein Wissen ans Licht, das für die Zukunft der körperlichen und geistigen Gesundheit des Menschen von großer Bedeutung sein kann. Es scheint, dass wir Menschen die Tragödien erben können, die unseren Vorfahren widerfahren sind. Im Moment werfen Studien jedoch mehr Fragen auf, als Antworten zu geben.