Wenn wir unsere Mutter zwar brauchen, sie uns aber daran hindert, uns zu verwirklichen

4. Januar 2017 en Psychologie 492 Geteilt

Den patriarchalischen Einflüssen des emotionalen Erbes ein Ende zu bereiten, das wir durch die Verbindung zu unserer Mutter erhalten, ist manchmal der Preis, den wir zahlen müssen, um die ersehnte Authentizität und Freiheit zu erlangen.

Es gibt eine unumstrittene Prämisse, die unser Leben anführt, und zwar, dass jede Tochter eine Mutter hat. Es ist eine endlose Verbindung, die wir niemals trennen können. Wir werden immer irgendetwas von unserer Mutter behalten. Deshalb ist es undenkbar, diese Ungereimtheiten, die wir durch unsere Erziehung und den Einfluss unserer Mutter in der Vergangenheit und in der Gegenwart verinnerlicht haben, zu bereinigen oder zurechtzubiegen.

Es ist ein komplizierter Prozess, keine leichte Erfahrung, bei dem uns zwangsläufig auffällt, dass wir wegen eines Erbes, das die Abhängigkeit mithilfe einer Erziehung bewahrt, die auf veralteten Vorstellungen von Erziehung beruht, unterbewusst in einer Bedeutungslosigkeit versinken.

Das ist ein unschönes Gefühl, weil der Wunsch, sich abzukoppeln Hand in Hand mit dem Bedürfnis geht, umsorgt zu werden, und mit dem Gedanken daran, dass der Mensch, der dir die meiste Zuneigung und Unterstützung schenkte, deine Selbstermächtigung als einen eigenen Verlust ansieht. Es ist ein menschliches (oder besser gesagt erzieherisches) Bedürfnis, dass eine Mutter manchmal versucht, ihre Tochter, weit entfernt von ihrer Verwirklichung als Individuum, zu formen und anzupassen.

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Normalerweise ist das kein bewusster Prozess, kein bewusstes Bedürfnis. Eine Mutter kann intuitiv wissen, dass das Leben ihrer Tochter einfacher sein wird, je weniger kompliziert und intensiv es sich gestaltet. Aus diesem Grund möchte sie, dass sie sich als Frau die von einer „patriarchalischen Gesellschaft“ als attraktiv wahrgenommenen Qualitäten aneignet.

Subtile Etiketten, wie „die Rebellin“, „die Einsiedlerin“, „das nette Mädchen von nebenan“,  etc. vermitteln lediglich die folgende Botschaft: „Du sollst nicht wachsen, damit du geliebt wirst.“  In diesem Punkt sollte unser Bewusstsein Alarm schlagen und wir sollten dieses Wesen heilen, obwohl das bedeutet, dass wir uns von unserer Mutter abkapseln müssen, was letztendlich schmerzlich sein kann.

Das Patriarchat wird immer schwächer, wodurch sich die Macht der Frau von Generation zu Generation bemerkbar macht, drängt und auch notwendig ist. Auf eine gewisse Art und Weise dringt durch dieses kollektive Unbewusste die Notwendigkeit, dass die Frau sich verwirklichen soll.

„Patriarchalische Vorstellungen begünstigen einen unbewussten Knoten in der Verbindung von Müttern und Töchtern, in der nur eine der beiden die Macht haben kann. Es ist eine Dynamik im Sinne von ,eine der beiden‘, basierend auf der Leere, die das bei beiden ohne jeglichen Kraftaufwand erzeugt. Für Mütter, die besonders von ihrer Macht eingenommen sind, können ihre Töchter zu ihrem ,Nährstoff‘ für ihre verkümmerte Identität und zur Müllkippe für ihre Probleme werden.“

Bethany Webster

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Die Sehnsucht, sich zu verwirklichen, und die Sehnsucht der Mutter

Bethany Webster fasste diesen Verwirklichungsprozess auf eine treffende Weise zusammen. Aus dem obigen Zitat können wir herauslesen, welches die grundlegenden Punkte sind, um diesen Prozess in die Wege zu leiten.

„Für Töchter, die im Patriarchat groß geworden sind, ist das ein Dilemma. Die Sehnsucht danach, sich zu verwirklichen und umsorgt zu werden, führt zu Bedürfnissen, die sich gegenseitig auslöschen. Es scheint so, als müssten wir uns für eine der beiden entscheiden. Das passiert, weil die Selbstermächtigung der Tochter insoweit eingeschränkt ist, weil die Mutter patriarchalische Vorstellungen verinnerlicht hat und erwartet, dass die Tochter sie erfüllt.“

Der Zwang deiner Mutter, dich nicht wachsen zu lassen, hängt hauptsächlich von zwei Faktoren ab:

1) Von dem Grad, in dem sie diese einschränkenden patriarchalischen Vorstellungen von ihrer eigenen Mutter erlernt hat.

2) Von der Tragweite ihrer eigenen Leere, weil sie selbst von ihrem wahren Ich getrennt ist.

Diese zwei Punkte verringern die Fähigkeit der Mutter, ihre Tochter ihr eigenes Leben leben zu lassen.

Der Preis, den du dafür zahlst, du selbst zu sein, hat häufig damit zu tun, dass du die Verbindung zu den mütterlichen Überlieferungen in gewisser Weise „kappst“:

„Wenn das geschieht, dann gehen auch die patriarchalischen Verbindungen seitens der Mutter in die Brüche, was für ein gesundes und erfüllendes Erwachsenenleben notwendig ist. Für gewöhnlich macht sich das durch einen gewissen Schmerz oder durch einen Konflikt mit der Mutter bemerkbar.“

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Dieser Bruch der mütterlichen Überlieferung kann sich in verschiedenen Formen zeigen: von Konflikten und Uneinigkeiten bis hin zur Distanzierung und vollständigen Abkapselung. Es ist eine persönliche Reise und für jede Frau gestaltet sie sich unterschiedlich. Im Grunde genommen dient dieser Bruch dem eigenen Wachstum und der Heilung. Er ist Teil des Entwicklungsprozesses des weiblichen Bewusstseins. Er ist die Geburtsstunde der „nicht-patriarchalischen Mutter“ und der Beginn der wahren Freiheit und Individualisierung.

Der Preis, uns zu verwirklichen, ist niemals so hoch wie der Preis, den wir dafür zahlen, nicht wir selbst zu sein.

Einerseits kann der Bruch in den gesündesten Mutter-Tochter-Beziehungen einen Konflikt auslösen, doch eigentlich hilft er dabei, die Verbindung zu stärken und sie authentischer zu machen.

Andererseits kann der Bruch in aggressiven und weniger gesunden Mutter-Tochter-Beziehungen nicht heilen wollende Wunden bei der Mutter zufolge haben und zu einem Kampf mit der eigenen Tochter führen und dazu, dass diese verstoßen wird. Anstatt zu betrachten, was das Ergebnis deines Wunsches nach Wachstum ist, kann die Mutter die Distanz oder diesen Bruch als eine Bedrohung, einen persönlichen und direkten Angriff, eine Zurückweisung ihrer Person auffassen. Angesichts dieser Situation ist es unangenehm, festzustellen, dass die Sehnsucht nach Selbstermächtigung oder einem persönlichen Wachstum zur Folge haben kann, dass die Mutter die Tochter blind als eine Feindin betrachtet.

Aber in vielen Fällen ist es für die Tochter leider die einzige Möglichkeit, für unbestimmte Zeit auf Distanz zu gehen, um ihr emotionales Wohlbefinden zu gewährleisten. In dieser Situation können wir den hohen Preis des Patriarchats in der Mutter-Tochter-Beziehung erkennen.

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„Ich kann nicht glücklich sein, wenn meine Mutter unglücklich ist“  – Kennst du dieses Gefühl?

Der Überzeugung zu sein, dass wir nicht glücklich sein können, wenn unsere Mutter wegen unserer eigenen Sichtweisen unglücklich ist, ist ein weiteres Vermächtnis des Patriarchats. Wenn wir wegen des Wohls unserer Mütter auf unser eigenes verzichten, behindern wir einen unumgänglichen Teil des Prozesses zu Verarbeitung des Schmerzes, den wir einzuschränken versuchen.

Die Tatsache, dass uns unsere Mutter anerkennt und uns akzeptiert, ist ein Durst, den wir stillen müssen, trotz dessen, dass wir dafür leiden müssen. Damit geht ein Verlust der Unabhängigkeit und der Freiheit einher, der uns daran hindert, zu wachsen, und uns verändert.

Wir müssen um unsere Wunde in unserem mütterlichen Erbe trauern, denn wenn wir das nicht tun, stecken wir in einer Sackgasse fest. So sehr wir es auch versuchen, eine Tochter kann ihre Mutter nicht heilen, denn jeder hat für sich selbst die Verantwortung. Deswegen ist dieser Bruch notwendig und wir müssen ein Gleichgewicht suchen, was nur möglich ist, wenn wir die patriarchalischen Zwänge hinter uns lassen und uns nicht um einen oberflächlichen Frieden bemühen.

Um diesen Abnabelungsprozess einzuleiten, braucht es viel Mut. Doch so wie Bethany Webster sagt, befreie es uns als Töchter und als Frauen, um individuelle Wesen zu sein, wenn wir unsere Mütter eigene Individuen sein lassen würden. Es sei nicht nobel, uns den Schmerz anderer aufzuladen, es sei keine Pflicht, die wir auf uns nehmen müssten, nur weil wir Frauen sind, und wir sollten uns nicht schuldig fühlen, wenn wir diese Funktion nicht für uns wollen würden.

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Diese Rolle der emotionalen Beschützerin, die Frauen zugeschrieben wird, ist Teil des Vermächtnisses dieser Unterdrückung. Deshalb sollten wir verstehen, dass das etwas Fiktives ist, wenn es unseren tatsächlichen Bedürfnissen nicht entspricht. Nur wenn wir diese Sichtweise beibehalten, wird uns das dabei helfen, Schuldgefühle von uns zu weisen, damit uns diese nicht kontrollieren.

Die Erwartungen der Welt an die Frau können sehr grausam sein. Meiner Meinung nach sind sie pures Gift, das uns dazu zwingt, unsere Individualität zu vergessen. Es ist an der Zeit, etwas dagegen zu tun.

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