Wenn man die Mauer der Einsamkeit nicht einreißen kann

· 11. Mai 2018

Jeder ist anderer Meinung, wenn es um Einsamkeit geht: Manche Menschen loben Einsamkeit in den Himmel und können anerkennen, dass sie eine Realität ist, der wir uns alle früher oder später stellen müssen, wobei der Zeitpunkt von den Umständen abhängt. Andere haben Angst vor ihr und tun alles, um die Mauer der Einsamkeit einzureißen, sobald sie ein paar Fuß hoch ist. Viele Menschen haben gelernt, Einsamkeit auszugleichen – sie fühlen sich nicht schlecht, wenn sie allein sind, aber wissen auch, wie man mit dem Alleinsein umgeht. Wieder andere können sie effektiv für sich nutzen.

Dieser Artikel ist an diejenigen gerichtet, die sich unheilbar einsam fühlen und deshalb leiden. Es geht um die Fälle, in denen sich Menschen ein Gefängnis der Einsamkeit errichten, selbst wenn das für andere unsichtbar bleibt. Das Leben hat sie an einen Punkt gebracht, an dem sie keine Freunde oder Familie haben, sondern nur funktionale, vorübergehende Bindungen. Wenn dich das betrifft und du dich in dieser Position befindest, weißt du wahrscheinlich nicht, wie du Menschen finden kannst, denen du vertrauen kannst.

„Beachte: Ein einsames Herz ist kein Herz.“

Antonio Machado

Das beschriebene Szenario ist leider nicht ungewöhnlich. Tatsächlich ist es so, dass die ganze Welt von einer Epidemie der Einsamkeit geplagt wird. Und es sieht so aus, als ob sie sich immer weiter ausbreiten. So viele Menschen haben den Individualismus verfechtet, dass wir uns eine Realität geschaffen haben, in der soziale Isolation mehr und mehr zur Norm wird. Auf der Welt fühlen sich Millionen von Menschen chronisch allein. Und diese Krankheit unterscheidet nicht nach Alter, Nationalität oder sozialem Status.

Hände, die Blumen halten

Chronische Einsamkeit, ein dumpfer Schmerz

Wir wissen nicht genau, wann die Idee entstand, dass absolute Unabhängigkeit eine erstrebenswerte Eigenschaft sei. Man hört immer und immer wieder, dass man von niemandem abhängig sein soll. Dass es am besten sei, wenn man alle Schwierigkeiten allein meistern könne. Man lebe idealerweise allein, baue Gemüse in seinem eigenen Garten an, habe sein eigenes Unternehmen und brauche somit niemanden. Zu viel Intimität oder Nähe fangen sogar an, wie eine Bedrohung zu erscheinen, weil wer sie mit Abhängigkeit verwechseln. Warum laufen wir vor diesem Wort davon, vor unserer Natur, wenn wir im tiefsten Inneren alle auf die ein oder andere Art abhängig sind?

Das Ergebnis von all dem ist die Welt, in der wir heute leben, in welcher man sich persönliche Begleitung kaufen kann. Es gibt unzählige Firmen in aller Herren Länder, die Begleitservices anbieten, nicht nur sexuelle, sondern auch persönliche. Heutzutage kann man jemanden mieten, der mit einem eine Weile redet oder ausgeht und sich einen Film anschaut. Ist das Angebot vorhanden, heißt das, dass es auch eine entsprechende Nachfrage gibt. Und wenn eine solche Nachfrage besteht, kommt das daher, dass wir etwas vermissen, das wir bisher auf natürliche Weise erhalten konnten.

Schatten einer Rose fällt auf den Pullover eines Mannes

Die Schatten der Mauer der Einsamkeit sind nicht immer leicht zu erkennen. Diese Schatten fallen auf Seele und Körper, jedoch macht sich die Einkehr der Dunkelheit nicht immer sofort bemerkbar. Einer der Schatten ist besonders gefährlich. Wir meinen damit die Veränderungen, die in unserem Gehirn stattfinden. Verbringt man zu viel Zeit allein, fängt man unbewusst damit an, andere Menschen als Gefahren zu bewerten. Das ist wirklich tragisch, denn es bedeutet, je mehr man alleine ist, desto mehr bleibt man auch allein. Und das passiert nicht, weil man sich das so ausgesucht hat, sondern deshalb, weil wir unseren Geist darauf Kondition ihren. In diesem Zustand wird die Mauer immer höher, der Schatten immer größer. Und es steigt das Risiko, physisch oder psychisch zu erkranken.

Die Mauer der Einsamkeit einzureißen wird unmöglich

Wie bereits erwähnt, ist es sehr ernst, wenn jemand allein ist und es für eine lange Zeit bleibt. Nach dieser Zeit entwickelt derjenige einen innerlichen Widerstand, der ihn davon abhält, aus dem Gefängnis der Einsamkeit auszubrechen. Es werden Gründe gegen den Schritt in die Freiheit erfunden, die tatsächlich nicht als solche bezeichnet werden sollten. Sie sind eher Ausreden. „Es gibt niemanden, der die Umstände wert ist,“  wird dann gesagt. „Wir sterben sowieso alle allein,“ wird hinzugefügt. Worüber diejenigen dann nicht reden, sind die Momente, in denen ihre Angst oder Betrübtheit die Führung übernimmt. Im Grunde finden sich diese Menschen mit etwas ab, dass sie ohne große Gegenwehr akzeptiert, aber noch nicht zu ändern versucht haben.

Chronische Einsamkeit macht krank. Es gibt viele Studien, die diese These belegen. Wir wissen, dass sie unser Immunsystem schwächt. Es gibt einen sichtbaren Zusammenhang zwischen Einsamkeit und einem frühzeitigen Tod. Einsame Menschen sind insgesamt kränker und zerbrechlicher.

Zwei Stühle stehen vor dem Meer

Man kann eine Mauer der Einsamkeit nicht durch mehr Kontakte in den sozialen Netzwerken überwinden. Außerdem gibt es viele Menschen, die nicht allein leben, sich aber trotzdem alleine fühlen. Der wichtigste Aspekt ist hier nicht die Anzahl der Personen, zu denen man Kontakt hat. Das Wichtige ist die Qualität der Bindungen, die man zu ihnen pflegt. Lernen, ein guter Freund zu sein und bereichern die Freundschaften zu schließen, ist ein Akt des Überlebens und der Selbstliebe. Alle zwischenmenschlichen Beziehungen benötigen die Komponente der aufrichtigen Freundschaft, selbst wenn diese in manchen Bindungen ausgeprägter ist als in anderen.

Menschen sind soziale Wesen. Chronische Einsamkeit verstößt gegen unsere Natur und geht von keinem Bedürfnis oder echtem Verlangen aus. Fühlt man sich allein und kann keine Bindungen zu anderen aufbauen, stimmt irgendetwas nicht. Das Problem könnte aus der Erziehung oder anderen Erfahrungen herrühren, die man nicht verarbeitet hat. Es kann auch sein, dass man nur unzureichend sozialen Fähigkeiten entwickelt hat und nicht weiß, wo man anfangen soll, den Rückstand aufzuarbeiten. Was auch immer der Fall ist, so viel ist klar – wenn Einsamkeit chronisch ist, braucht man Hilfe. Bitte um Unterstützung, dafür muss man sich nicht schämen!