Wenn exzessives Tagträumen zu einem Problem wird

19. Januar 2019

Exzessives Tagträumen ist eine Erkrankung, bei der Menschen einen großen Teil ihres Lebens in komplexe und abwechslungsreiche Fantasien eintauchen. Dieser Verlust des Kontakts zur Realität greift in die Verantwortlichkeiten der Person ein, einschließlich derer, die mit ihrem Job zu tun haben.

Wir alle träumen gelegentlich auch tagsüber, daran besteht kein Zweifel. Und seien wir ehrlich: Das hilft uns, unserem Alltag und dem Druck unserer alltäglichen Probleme zu entkommen. Sich diese zeitlich begrenzten und sehr lohnenswerten Ausflüchte hin und wieder zu erlauben, ist weit davon entfernt, etwas Pathologisches zu sein. Es ist ganz normal, gesund und sogar eine notwendige Maßnahme.

Unser Gehirn braucht diese Fantasien und diese imaginäre Welt, um Stress abzubauen und Raum zu schaffen, in dem wir unsere Kreativität reflektieren und erweitern können. Der Geist liebt es, zu wandern. In der Tat gibt es mehrere Hirnregionen, wie beispielsweise die Großhirnrinde und das limbische System, die dieses Abdriften sogar fördern. Dadurch können wir unsere Emotionen effektiver steuern und bessere Entscheidungen treffen.

Nun, die meisten von uns wissen, wie sie jene Momente kontrollieren können, in denen der Geist auf Tour geht. Ein kleiner Teil der Bevölkerung ist jedoch nicht in der Lage, diesen Impuls zu steuern. So kann es sein, dass die Betroffenen übermäßig viel Zeit außerhalb der Realität verbringen. Sie tauchen dann in ihre eigene Welt ein und vernachlässigen ihr wahres Leben. Dies ist dann tatsächlich ein ernster medizinischer Zustand, über den es sich lohnt, mehr zu erfahren.

Ein Mann hängt seinen Tagträumen nach.

Übermäßiges Tagträumen – gefangen in zwanghaften Fantasien

Es ist zunächst nichts Schlimmes daran, Fantasien zu haben. Wenn diese jedoch zwanghaft werden, kann das gefährlich sein. Das kontinuierliche Fantasieren ist oft eine grundlegende Störung, die fachmännisch geklärt werden muss. Denn es ist nicht besonders einfach, unter diesen Bedingungen zu leben. Aus diesem Grund gibt es zahlreiche Plattformen und Unterstützungsgruppen (wie zum Beispiel das englischsprachige „Wild Minds Network“), in denen Patienten Erfahrungen, Informationen und Ratschläge austauschen.

Andererseits muss darauf hingewiesen werden, dass der Diagnostische und statistische Leitfaden psychischer Störungen auch in seiner fünften und bisher letzten Version übermäßiges Tagträumen noch nicht als Störung klassifiziert hat. Dank ausführlicher Beschreibungen von Fällen und verschiedener Studien, insbesondere der von Dr. Eliazer Somer von der Universität Haifa in Israel, ist es jedoch sehr wahrscheinlich, dass diese Störung in den kommenden Jahren in das Handbuch aufgenommen werden wird.

Dr. Somer ist ein Psychiater, der seit 2002 Fälle und Symptome beschreibt, die mit exzessivem Tagträumen verbunden sind. Er testet auch entsprechende Therapieansätze. Betrachten wir nun das klinische Bild, welches Patienten mit übermäßigem Tagträumen häufig zeigen:

  • Sie erleben sehr komplexe Geschichten, erschaffen aus ihren Fantasien detaillierte Charaktere.
  • Sie leben ihre Fantasien sehr lebhaft aus. Tatsächlich ist es üblich, dass sie Gesichtsausdrücke entsprechend ihrer Fantasien hervorbringen und dementsprechend auch gestikulieren.
  • Die betroffenen Personen widmen dem Fantasieren, Tagträumen und der Schaffung einer Parallelwelt viel Zeit. Sie vernachlässigen oft wichtige Bereiche ihres realen Lebens, wie beispielsweise Essen und Körperhygiene.
  • Sie sind nicht in der Lage, die Verantwortung für ihr Studium, ihre Arbeit, zwischenmenschliche Beziehungen usw. zu übernehmen.
  • Ebenso wirken diese Fantasien wie Suchtmittel. Das plötzliche Verlassen oder erzwungene Unterbrechen ihrer Fantasie macht sie wütend und ängstlich.

Exzessives Tagträumen ist wie eine Wolke, die den Kopf umgibt.

Wie behandelt man exzessives Tagträumen?

Dr. Somer entwickelte eine Skala zur Diagnose dieser Art von Störung. Er nennt sie die „Maladaptive Daydreaming Scale“, die gültig und effektiv ist und anhand derer sich eine genaue Diagnose stellen lässt. Vergessen wir nicht, dass diese Störung manchmal mit anderen Erkrankungen wie Schizophrenie oder einer Psychose verwechselt werden kann. Auch dabei handelt es sich um Erkrankungen, die durch ständige Fantasien sowie ein Gefühl der Unwirklichkeit gekennzeichnet sind.

Auf der anderen Seite muss vor der Entscheidung über die jeweilige Behandlung, die einer Person mit dieser Erkrankung zuteilwird, die Ursache ermittelt werden. Exzessives Tagträumen resultiert oft aus sehr komplexen psychologischen Ursachen, die allesamt beachtet und voneinander abgegrenzt werden müssen.

  • Menschen, die ein traumatisches Ereignis erlitten haben, nutzen Tagträume oft als Fluchtweg.
  • Auch eine Depression kann zu diesem Zustand führen.
  • Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen ebenso dazu, zu fantasieren.
  • Eine obsessiv-zwanghafte Störung und eine Borderline-Persönlichkeitsstörung gehen ebenfalls mit dieser Symptomatologie einher.

Sobald ein Psychologe oder anderer Fachmann die Ursachen erkannt, die Bedürfnisse des Patienten und seinen allgemeinen Zustand analysiert hat, wird er sich für einen pharmakologischen und/oder psychotherapeutischen Ansatz entscheiden. Im Allgemeinen konnten unter Anwendung von Fluvoxamin, einem Antidepressivum, gute Erfahrungen gemacht werden. In Bezug auf die psychologische Betreuung ist auch die kognitive Verhaltenstherapie sehr hilfreich.

In der Therapie wird alles ganz genau analysiert.

Daran wird der Psychologe schließlich mit dem Patienten arbeiten:

  • Er wird ihn dazu ermutigen, neue Interessen zu finden, sich Ziele zu setzen und den Kontakt zur Realität zu suchen.
  • Er wird einen Zeitplan festlegen und dem Patienten vorgeben, was zu jedem Zeitpunkt des Tages von ihm erwartet wird, damit er seine Zeit kontrollieren und verwalten kann.
  • Er wird die Fähigkeit des Patienten fördern, seine Aufmerksamkeit zu fokussieren.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass diese Störung zwar ungewöhnlich erscheint, aber man dennoch sagen kann, dass nichts entkräftender ist, als außerhalb der Realität zu leben. Nicht am wirklichen Leben teilzunehmen, hält uns auch von uns selbst fern. Die Wahrheit ist, dass es niemand verdient, so zu leben.