Wenn ein Vater sein Kind verlässt, hinterlässt das eine tiefe Spur

· 25. November 2016

Wenn ein Vater seine Tochter oder seinen Sohn verlässt, hinterlässt das bei dem betroffenen Kind eine tiefe Spur, die eine unglaublich große emotionale Leere entstehen lässt. Diese enorme Leere führt dazu, dass das Kind sich isoliert und deprimiert ist, und beeinträchtigt seine emotionale Realität in jeglicher Hinsicht.

Dank jahrzehntelanger Erforschung zur sogenannten Bindungstheorie wissen wir, dass gesunde Bindungen Bedingung für ein erfüllten Lebens sind, in dem gesunde Beziehungen, ein gesundes Selbstwertgefühl, Selbstsicherheit und Vertrauen in andere vorhanden sind. Eine unsichere Bindung führt daher zu Unsicherheit, einem geringen Selbstwertgefühl und Misstrauen gegenüber dem Umfeld.

Eine negative Bindung zwischen einem Vater und seinem Kind hat zerstörerische Verhaltensweisen und große Ängste zur Folge. Uns selbst zu beobachten und in Zukunft Abstand von diesem Ereignis zu nehmen, kann uns demnach dabei helfen, es zu verstehen und es aufzuarbeiten, um uns emotional gesehen zu befreien, und dadurch unsere Persönlichkeit neu zu strukturieren. Das soll heißen, dass wir somit unsere Verhaltensweisen uns und unseren Mitmenschen gegenüber ändern können.

Aus diesem Grund versuchen wir mit diesem Artikel, Licht in diese Thematik zu bringen und ein besseres Verständnis unserer emotionalen Realität zu ermöglichen.

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Von der Schwierigkeit, die Situation zu erklären, wieso uns unser Vater verlassen hat

Heutzutage spricht man viel häufiger über familiäre Beziehungen als früher. Doch wenn sich jemand mit der Tatsache konfrontiert sieht, dass er mit seinem Vater keinen Kontakt mehr hat, dieser aus irgendeinem Grund die Familie verlassen hat, tun wir uns schwer damit, das Unbeschreibliche zu beschreiben.

Wenn in solchen Fällen dann jemand nach seinem Vater gefragt wird, bleibt diesem Menschen nichts anderes übrig, als irgendetwas daherzustammeln, den Blick zu senken und auf eine verwirrende Art und Weise und ausweichend zu antworten. Dadurch zeigt sich, wie schwierig es ist, diese emotionale Leere zu definieren und mit den Wunden des Verlassenwerdens umzugehen.

In diesem Zusammenhang sollten wir nicht ungesagt lassen, dass es viele Arten gibt, verlassen zu werden. Die häufigsten sind:

  • Der Vater, der emotional abwesend, aber physisch anwesend ist. Wenn wir dabei die sozioemotionale Realität unseres Umfeldes beachten, verstehen wir, dass es im Laufe der Zeit weit verbreitet geworden ist, auf diese Art und Weise aufzuwachsen.
  • Der Vater, der uns früher, während oder nach unserer Kindheit verließ. Der Schmerz, physisch und emotional verlassen zu werden, weil sich eine Bezugsperson dazu entschieden hat, hat starke Auswirkungen auf unser Erwachsenenalter. Es ist schwierig, mit dieser Realität zu leben. Denn wie können wir verstehen, dass ein Mensch, der uns viele Jahre in unserem Leben begleiten sollte, sich freiwillig dazu entschließt, sich von uns zu distanzieren?
  • Der Vater, der uns physisch oder emotional betrachtet in der Jugend oder im Erwachsenenalter verließ. Wenn wir so verlassen werden, fassen wir das höchstwahrscheinlich als Verrat auf. Deshalb ist es wichtig, diese Problematik bewusst zu verarbeiten.
  • Wenn der Vater fast vollständig in unserem Leben fehlt. Hierfür gibt es verschiedene Gründe:
    • Der Vater verstarb sehr früh und hatte nicht die Möglichkeit, eine Rolle in unserem Leben zu spielen.
    • Der Vater verstarb, doch wir haben ihn kennengelernt. Hierbei sind Sehnsucht und Idealisierung für unsere Leere verantwortlich.
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Wie wir mit einer zerstörten oder einer zerstörerischen Bindung umgehen können

Die psychische Entwicklung eines Kindes auf emotionaler und mentaler Ebene hängt nicht nur von dem Kind selbst, sondern von seinem ganzen Umfeld ab. Der Schatten eines Vaters, der uns verlassen hat, wird das Familienleben für immer mehr oder weniger negativ beeinflussen.

Es ist nicht einfach, nachzuvollziehen, dass unser Vater, der neben der Mutter die wichtigste Bezugsperson ist, nicht weiter an unserem Leben teilhaben will. Deshalb bestimmt seine Abwesenheit unsere emotionale Entwicklung erheblich.

Auf der anderen Seite ist es möglich, dass abhängig von unserer Position in der Familienhierarchie ein anderes Familienmitglied die Rolle des Vaters einnimmt, ohne biologisch gesehen der Vater zu sein, weil derjenige das so möchte oder weil die Notwendigkeit besteht. Es kann auch sein, dass wir selbst den Druck verspüren, mit gewissen Umständen fertig werden zu müssen.

Hier könnten wir uns mit der nicht zu beantwortenden Frage beschäftigen, was einen Vater ausmacht. Die Biologie? Die Psychologie? Der emotionale Vater ist normalerweise der, der uns in Kindheit und Jugend begleitet. Dennoch ist das nicht immer so, wie wir in unserem Umfeld sehen können.

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Somit können wir sagen, dass wir abhängig vom Entwicklungsmoment und den Umständen, die das Verlassenwerden umgeben, gewisse Eigenschaften entwickeln, Aufgaben,Verpflichtungen oder Rollen übernehmen, die nicht zu uns passen.

  • Wenn uns diese Bezugsperson in der frühsten Kindheit (0-6 Jahre) fehlt, ist es schwierig, die vollkommene emotionale Erfüllung zu finden, die in dieser Phase unseres Lebens benötigt wird und die die Grundlage für unser geistiges Wachstum bildet.
  • Wenn wir in der späteren Kindheit (6-12 Jahre) verlassen werden, wird keine angemessene Basis für gesunde Bindungen entstehen können, aber sie ist wenigstens in ihren Grundfesten vorhanden.
  • In der Jugend, in der es von großer Bedeutung ist, unterstützt zu werden, eine Bezugsperson und feste Grenzen zu haben, kann es leicht passieren, dass wir ohne Vater in eine Identitätskrise geraten.

Die Kindheit und Jugend sind Phasen der Entwicklung, in denen die Persönlichkeit geprägt wird. Angst, Trauer und die durch den Verlust verursachten Schmerzen formen unsere Persönlichkeit und unsere Art, wie wir mit der Welt in Kontakt treten. Anders gesagt entsteht in dieser Zeit eine innere Struktur, die keiner neuen Definition bedarf. Aber der Verlust führt zur Umstrukturierung. Deshalb ist solch ein Erlebnis besonders dramatisch.

  • Wenn wir in später Jugend oder sogar im Erwachsenenalter verlassen werden, müssen wir mit diesem Verlust anders umgehen, denn die Abwesenheit und das Verlassenwerden durch den Vater bringt uns ins Ungleichgewicht mit uns selbst und das beeinträchtigt neue Beziehungen. Es ist normal, dass wir dann Gefühle wie Unsicherheit, Misstrauen und Angst davor, verraten zu werden, verspüren. Denn im Erwachsenenalter von seinem Vater verlassen zu werden gleicht einem Verrat. Zu diesem Zeitpunkt können wir uns mit unseren Gefühlen aber bewusster auseinandersetzen und daher verspüren wir das Bedürfnis, ihnen Ausdruck zu verleihen.

Wir kennen die Geheimnisse, sind uns der Realität bewusst und können zwischen den Zeilen lesen. Aber niemand ist jemals darauf vorbereitet, sich von der Vorstellung des Vaters als Mentor, Beschützer und Held zu lösen.

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Dem Schmerz ein Ende bereiten, um mit dem Verlust leben zu können

Hierbei sollte gesagt sein, dass wir nicht davon reden, den Verlust zu überwinden, sondern zu lernen, mit ihm zu leben. Wir können es verkraften, Schlüssel und auch ein Lieblingsspielzeug verloren zu haben, aber es ist unmöglich, den Verlust eines Vaters zu verkraften.

Wir sollten das verstehen, denn wenn wir versuchen, uns davon zu überzeugen, dass uns der Verlust unseres Vaters nichts ausmacht, bauen wir Luftschlösser. Es ist nicht real, zu glauben, dass uns solch eine emotionalen Last irgendwann nicht mehr beeinflusst.

Um mit dem Verlust umgehen zu können, müssen wir individuell und zusammen mit der Familie vergeben, was nicht immer leicht ist. Wenn unser Umfeld die Vaterfigur immer wieder anfeindet, wenn wir sehen, wie sehr unsere Mutter, unsere Geschwister oder unsere Großeltern verletzt sind, projizieren wir diesen Schmerz wahrscheinlich auch auf uns. Wenn wir uns dessen bewusst werden, können wir langsam damit abschließen, denn wir müssen den Schmerz anderer von unserem trennen. Denn offensichtlich wird beides zu einer Mischung, die uns in gewisser Weise für immer verletzlich macht.

Aber wenn es uns gelingt, die Verbindung zum Schmerz zu kappen und jedes Ereignis getrennt zu betrachten, werden wir das Erlebte besser verstehen. Das wird uns helfen, den Schmerz und damit verbundene Gefühle nicht länger zu unseren Wegbegleitern zu machen, um unseren emotionalen Weg leichter gehen zu können.