Wenn du zu sehr nach etwas strebst, was nicht kommen wird

· 8. Juni 2019

Wenn du kurz innehältst und nachdenkst, erkennst du vielleicht, dass es in deinem Leben viele Situationen gibt, in denen du etwas mit aller Kraft haben willst und dich deshalb enorm anstrengst, es zu erreichen, du aber doch keinen Erfolg hast. Es scheint, dass es dir entrinnt, weil du zu sehr danach strebst. Sehr oft jedoch, wenn du aufhörst, dieses Ziel mit solcher Intensität zu verfolgen, eröffnet sich dir plötzlich die Möglichkeit, die dir es Realität werden zu lassen.

Wenn du zu sehr danach strebst, dass etwas passiert oder dass etwas zu dir kommt, trittst du bereits in einen Zustand der Unruhe und einer gewissen Unzufriedenheit ein. Stunden ziehen sich wie Tage und Tage wie Wochen. Du versuchst, all die Geduld aufzuwenden, die du zur Verfügung hast, aber du kannst dieses Etwas, von dem du träumst, nicht aus deinem Kopf bekommen. Manchmal ist es ein Mensch, manchmal ein Job oder Geld, oder die eigene Gesundheit … Es erscheint dir unabdingbar, deinen Wunsch umzusetzen, und du fühlst, dass dein Wohlbefinden davon abhängt, aber offensichtlich liegt dieser Traum in unerreichbarer Ferne.

Die Situation, in der du zu sehr nach etwas strebst und es nicht erreichst, ist sozusagen der Gegenpol zum Glück. Du tust, was notwendig ist, und aus dem einen oder anderen Grund tritt trotzdem nicht das ein, was du erwartest, passiert nicht, woran die so sehr liegt. Wie kommt es dazu? Wie lässt sich dieses Phänomen aus psychologischer Sicht erklären?

„Wenn du ein Boot bauen willst, fange nicht damit an, nach Holz zu suchen, Bretter zu schneiden oder die Arbeit zu verteilen, sondern wecke zunächst die Sehnsucht nach dem offenen Meer.“

Antoine de Saint-Exupéry

Frau macht Seifenblasen am See

Warum strebst du zu sehr nach etwas?

Die erste Frage, die du dir in solchen Fällen stellen solltest, ist, warum du so sehr nach diesem Etwas strebst. Der Schlüssel dazu liegt im „so sehr“ oder „zu sehr“. Dieser Exzess zeigt, dass du Umstände konstruiert hast, die zu einer zwanghaften Situation geführt haben. Du verspürst ein sehr starkes Bedürfnis und die Befriedigung desselben wird zum entscheidenden Faktor für dein Wohlbefinden. Du fühlst, dass dieses Etwas, das du beinah ängstlich verfolgst, für dein Wohlbefinden unerlässlich aber dennoch illusorisch ist.

Die nächste Frage dreht sich dann darum, ob das, wonach du so sehr strebst, wirklich die transformative Kraft hat, die du ihm zuschreibst. Viele Menschen glauben, dass eine große Liebe sie von Einsamkeit, Traurigkeit oder Isolation befreien würde. Andere glauben, dass ein hochangesehener Beruf ihrem Leben einen Sinn verleihen könnte. Es gibt auch diejenigen, die das Gefühl haben, dass, wenn sie viel mehr Geld hätten, ihre Probleme sich von allein lösen würden, oder dass bei Überwindung eines bestimmten Gesundheitszustandes ihr Leben von da an friedlich verlaufen müsste. Diese Praxis, die Quelle allen Glücks an einem einzigen Punkt zu suchen, lässt uns die Realität verzerrt wahrnehmen.

Solche Verzerrungen sind sowohl Ursache als auch Folge eines Idealisierungsprozesses. Am Ende gehen wir davon aus, dass es einen Zustand des vollen Lebens gäbe, ein Paradies, das erreicht werden sollte. Angeblich ist es das Nichterreichen jenes Paradieses, was uns unzufrieden macht. Dabei erliegen wir einem schweren Irrtum.

Mann am Meer

Warum kommt das, wonach du zu sehr strebst, nicht zu dir?

Die Frage, warum du nicht das erreichst, wonach du dich sehnst, kann auf unterschiedliche Weise beantwortet werden. Eine erste Annäherung lässt uns zu dem Schluss kommen, dass wir manchmal einfach Dinge wollen, die gar nicht existieren oder nicht die Wirkung haben, die wir uns von ihnen erhoffen. Oftmals sind wir in unmöglichen Wünschen und unerfüllbaren Fantasien gefangen, wie z. B. gerettet zu werden oder ein Attribut zu erlangen, das unserer Existenz Gewicht verleihen würde. Soziale Anerkennung etwa gäbe uns das Gefühl der Transzendenz, das wir bislang nicht verspüren. Oder die Liebe eines anderen Menschen soll unseren Mangel an Selbstliebe auflösen. Letzten Endes hoffen wir, dass das Leben, wie wir es führen, wie wir es uns aufgebaut haben, plötzlich verschwindet und zu einer Existenz ohne Mängel oder Fehler würde. Erkennst du dich darin wieder?

Obwohl es politisch korrekt ist, zu sagen, dass „alles erreicht werden kann“, ist dies in Wahrheit nicht der Fall. Es gibt Ziele, die unmöglich zu erreichen sind, und es ist wichtig, sie zu erkennen. Wir können zum Beispiel nicht ewig leben. Es ist auch nicht möglich, zu verhindern, dass Leiden in unser Leben kommt. Danach zu streben muss in Frustration enden.

Weiterhin ist zu berücksichtigen, was Jung „Synchronizität“ nannte: Umstände, die mit den unbewussten Prozessen übereinstimmen, die wir durchleben. Manchmal schauen wir nur auf unseren Verstand und sehen, dass es eine große Sehnsucht gibt, die sich aber nicht materialisiert. Vielleicht wollen wir unbewusst etwas anderes, und manchmal ist es genau das, was wir erreichen.

  • Jung, C. G., Kahnemann, H., & Butelman, E. (1964). La interpretación de la naturaleza y la psique: la sincronicidad como un principio de conexión acausal. Paidós.