Welches Selbstbild haben Menschen, die an Depressionen leiden?

2. Februar 2020
Es gibt viele verschiedene Ursachen für Depressionen. Heute wollen wir uns mit dem Selbstbild beschäftigen, das Menschen haben, die an Depressionen leiden.

Wir alle kämpfen mit unseren eigenen Herausforderungen. Arbeit, Familie, Beziehungen… Jeder Tag fordert uns auf vielfältige Weise. Wenn unser Selbstbild dabei sehr weit von unserem Idealbild abweicht, kann das ernsthafte Konsequenzen nach sich ziehen. Der Kampf, den du mit dir selber führst, ist oft derjenige, der zu lähmenden Depressionen führen kann.

Experten sagen, dass Menschen mit Depressionen dazu neigen, ihre Symptome zu verstärken. In einem von Dr. Kopala-Sibley veröffentlichten Bericht wird daher empfohlen, dass du dich weniger auf die Symptome, sondern mehr auf dein Selbstgefühl und dein Selbstbild konzentrieren solltest, wenn du an Depressionen leidest. Denn dein Selbstbild könnte die Ursache für deine Depressionen sein. Daher sind viele Experten auch der Ansicht, dass es besser ist, die Grundursache der Erkrankung zu behandeln, nicht nur die Symptome.

Die Schlussfolgerungen aus dieser Studie stützen die Selbstdiskrepanz-Theorie von Higgins. Diese Theorie besagt, dass das Selbst drei verschiedene Selbstbilder hat: das aktuelle, das ideale und das „geforderte“ Selbst. Kopala-Sibleys Forschungen zeigen, dass Depressionen entstehen, wenn eine Diskrepanz zwischen dem aktuellen Selbst und dem idealen Selbst besteht.

Selbstbild - Frau mit gesenktem Kopf

Abweichung vom Selbstbild: Wodurch wird Selbstdiskrepanz verursacht?

Du baust dein Selbstkonzept auf der Basis verschiedener Variablen auf. Obwohl viele Menschen glauben, dass das „Selbst“ eine Einheit ist, entspricht dies nicht den Tatsachen. Es gibt ein Selbst, das dich definiert, die Person, die du wirklich bist: dein aktuelles Selbst.

Allerdings gibt es noch weitere Selbstbilder, die neben deinem aktuellen Selbst existieren. Eines davon ist die Person, die du gerne wärst, dein ideales Selbst. Darüber hinaus gibt es noch das verantwortliche Selbst oder wie Higgins es nannte, das „geforderte“ Selbst.

Dieses Selbst umfasst all das, was du aufgrund der Sitten und sozialen Rollen deines Umfeldes glaubst, sein zu müssen. Wir wollen dies an einem Beispiel verdeutlichen. Du bist eine kompetente, intelligente und fleißige Person. Wenn du diese Eigenschaften in deinem Job aber gar nicht wirklich zum Ausdruck bringen und beweisen kannst, entsteht daraus ein Konflikt. Diese Diskrepanz zwischen deinem aktuellen und deinem idealen Selbst bildet einen sehr guten Nährboden für das Entstehen von Depressionen.

Darüber hinaus gibt es noch einen weiteren Aspekt, der mit der wahrgenommenen Diskrepanz zwischen dem aktuellen und dem idealen Selbst zusammenhängt: das Selbstwertgefühl. Dieses hängt sehr eng mit deinem psychischen Wohlbefinden zusammen. Wenn du ein niedriges Selbstwertgefühl hast, bist du wesentlich anfälliger für Depressionen. Wissenschaftliche Forschungen haben ergeben, dass Menschen mit geringem Selbstwertgefühl weniger graue Substanz in den Hirnarealen haben, die uns dabei unterstützen, zu verstehen, was andere Menschen von uns halten.

Menschen mit Depressionen und ihr innerer Dialog

Die Beziehung, die dein aktuelles und dein ideales Selbst zueinander haben, hängt von der Geschichte ab, die du dir über dich selbst erzählst und wie andere dich sehen. Wenn es nur wenige Unterschiede zwischen den beiden gibt, ist dein Selbstwertgefühl größer. Wenn du an Depressionen leidest, könnte es sein, dass diese Symptome die Folge einer erheblichen Diskrepanz zwischen deinem aktuellen und deinem idealen Selbst sind.

Der innere Dialog, den Menschen mit Depressionen führen, lässt sie oft glauben, dass ihr aktuelles Selbst viel zu weit von ihrem idealen Selbst entfernt ist. Wenn du diese Diskrepanz und Distanz beseitigen möchtest, könntest du beispielsweise versuchen, deine innere Geschichte zu verändern. Idealerweise solltest du dich auf die Dinge konzentrieren, die du auch tatsächlich ändern kannst, um dich deinem idealen Selbst anzunähern.

Achtsamkeit kann das Selbstbild verbessern

Wenn es dir nicht hilft, deine Geschichte und die Art, wie du sie dir erzählst, zu verändern, dann gibt es eine weitere Möglichkeit, die du ausprobieren solltest. Die Praxis der Achtsamkeit ist ebenfalls eine großartige Strategie. Achtsamkeit kann dir dabei helfen, die Diskrepanz zwischen deinem aktuellen und deinem idealen Selbst zu verringern und diese Lücke zu schließen.

Diese Form der Meditation bietet dir den unmittelbaren Vorteil, dass du lernst, deine eigenen Gedanken zu beobachten, ohne sie dabei zu bewerten. Wenn es dir gelingt, dich nicht permanent zu beurteilen, werden sich die Symptome der Depression maßgeblich verbessern. Allmähliche Selbstakzeptanz ist ein weiterer Weg, um das aktuelle und ideale Selbst näher zusammen zu bringen.

Selbstbild - Frau mit geschlossenen Augen

Bringe dein Selbstbild mit deinem Idealbild in Einklang

Perfektion ist nicht das Ziel. Es geht vielmehr darum anzuerkennen, dass du dich noch verbessern kannst. Wenn du sanft und liebevoll mit dir umgehst, schaffst du ein Umfeld, in dem es dir viel leichter fallen wird, neue Ziele zu setzen und diejenigen zu verwerfen, die du nicht brauchst.

Ein negativer emotionaler Zustand vergrößert häufig die Diskrepanz zwischen deinem aktuellen und deinem idealen Selbst. Dadurch könnten sich deine Depressionen weiter verschlimmern. Daher solltest du damit beginnen, die von uns vorgeschlagenen Strategien regelmäßig anzuwenden und zu praktizieren.

Sie werden dir helfen, besser mit deinen eigenen Erwartungen umzugehen. So kannst du auch die Frustrationen, die sich durch falsche Erwartungen ergeben könnten, besser handhaben und verringern.

In diesem Sinne sind Depressionen ein Weckruf, der dich darauf aufmerksam machen möchte, besser auf deine inneren Diskrepanzen zu achten. Sie sind ein Hinweis darauf, dass du sie identifizieren und an ihnen arbeiten solltest. Deine psychische Gesundheit und dein Wohlbefinden werden es dir sicher danken.

Bak W. (2014). Self-Standards and Self-Discrepancies. A Structural Model of Self-Knowledge. Current psychology (New Brunswick, N.J.), 33(2), 155–173. doi:10.1007/s12144-013-9203-4

Kopala‐Sibley, Daniel; Zuroff, David C. (2019) The self and depression: Four psychological theories and their potential neural correlates. US National Library of Medicine National Institutes of Health. doi: 10.1111/jopy.12456.

Pillay, Srini (2019) How Does Your “Sense of Self” Relate to Depression? New research explains why self congruence matters. Psychology Today