Was verbirgt sich wirklich hinter Beziehungsstress?

· 30. Oktober 2018

Dank unserer idealisierten Vorstellung von Liebe und etlichen Selbsthilfebüchern, die uns weismachen wollen, dass wir ein Leben ohne Stress und Streit führen könnten, fällt es uns schwerer und schwerer, bedingungslos zu lieben. Früher sind wir mit Beziehungsstress auf natürlichere Weise umgegangen, oder zumindest sahen Paare ihn nicht als etwas Außergewöhnliches an. Sie haben ihn als dann und wann auftauchenden Besucher akzeptiert.

Bis heute hat sich einiges geändert. Es scheint als Norm zu gelten, dass Liebe nur echt sein könnte, wenn es keine Probleme zwischen den Liebenden gäbe. Stress in der Beziehung wird als leuchtendes Warnsignal verstanden, als Beweis, dass etwas nicht stimmt.

„Liebe ist etwas Physisches. Ehe ist eine Angelegenheit der Chemie.“

Alexandre Dumas

Wir scheinen die Tatsache nicht akzeptieren zu wollen, dass sich zwei Menschen gegenseitig verletzen können, obwohl sie sich lieben. Das eine schließt das andere jedoch nicht aus. Eigentlich ist genau das Gegenteil die Regel: Die meisten unserer Beziehungen entsprechen nicht unseren Idealen, jedoch können sie stark und langlebig sein.

Wenn wir eine neue Beziehung eingehen, ist dies kein Anfang von etwas völlig Neuem. Es ist eher so, als würden wir uns an ein Drehbuch erinnern, das wir aus unserer Vergangenheit mitbringen. Dieses handelt von jener unvollendeten Liebesgeschichte, die wir seit unserer Geburt schreiben. Es beinhaltet all die gescheiterten oder fantastischen Verhältnisse, an denen wir einmal teilhatten. Aufgrund dessen gehen wir niemals unvoreingenommen in eine neue Beziehung.

Bild von überlagerten Köpfen eines Pärchens

Die Gründe für Beziehungsstress

Was regelmäßig zu Beziehungsstress führt, ist, dass unsere romantischen Erwartungen an unseren Partner zu zerbröckeln beginnen, wenn die Phase der Idealisierung ausläuft. Das geschieht nicht zwangsweise aus dem Grund, dass die andere Person uns hintergangen hat. Es liegt daran, dass sich das Bündel von Träumen und Zielen zumindest teilweise auflöst, das wir mit in die Beziehung genommen haben. Dies ist umso wahrscheinlicher, wenn wir die Liebe unseres Lebens gefunden zu haben glauben.

Es ist völlig normal, dass wir unseren Partner zunächst auf ein idealisiertes Podest stellen. Dies ist Teil des Pakets aus psychologischen Prozessen, die eingeleitet werden, wenn wir uns verlieben. Manche tun es mehr als andere, aber zu einem gewissen Grad tun wir es alle.

Es ist auch normal, dass es immer mal wieder kleine Enttäuschungen gibt. Wir realisieren nach und nach, dass unserem perfekten Puzzle tatsächlich einige Teile fehlen. Im Gegensatz zum Beginn der Beziehung fängt unser Partner nun an, uns manchmal wirklich zu langweilen oder zu nerven. Und vielleicht ist er gewöhnlicher, als er zunächst schien.

Das ist der Beginn vom Ende für viele Paare. Für andere ist es nur eine weitere Phase, denn Spannungen in der Beziehung müssen nicht mehr als eine kurzzeitige Angelegenheit sein. Nur wenn wir uns dazu entscheiden, überdramatisch zu reagieren, wird die Partnerschaft an unseren Erwartungen und unserer imaginären Realität zerbrechen. Wenn gemeinsame Interessen bestehen bleiben, bleibt es auch unsere Kompatibilität. Folglich ist die Zuneigung zueinander stärker als die Enttäuschungen.

Besorgte Frau schaut nach unten, ihr Partner im Hintergrund

Nach einer Weile wird sich alles fügen

Der Rückgang der romantischen Erwartungen ist nur der Anfang. Zwei Menschen können sehr intelligent und realistisch sein, aber wenn sie ein Paar werden, wandeln sich Aspekte wie Ideen, Emotionen und Verhaltensweisen. Es gibt ab und zu Momente, in denen sich beide fragen, ob sie nicht den falschen Partner gewählt hätten.

So ist die Liebe eben: widersprüchlich. Ungereimtheiten in der Beziehung sind die Norm, nicht die Ausnahme. Es gibt keine Beziehung, die so paradox ist wie eine Liebesbeziehung. Alle Leidenschaften, Wut einbegriffen, sind Teil unserer emotionalen Routine. Und ein Fehler, den wir einem Kind oder einem Freund leicht verzeihen würden, könnte bei unserem Partner einen riesigen Streit auslösen.

Unsere Partnerschaften beruhen nicht nur auf Zuneigung. Sie basieren auch auf starken psychologischen Mechanismen, die normalerweise unbewusst stattfinden. Jedes Pärchen erarbeitet individuelle Regeln, ohne dies zu bemerken. Einer soll stark sein und der andere sich von ihm beschützen lassen. Einer soll verständnisvoll sein und der andere fordernd. Einer soll sich genug für beide aufregen und der andere die Wogen wieder glätten. Wenn nun einer der Partner diese ungeschriebenen Regeln bricht, kommt es zu Beziehungsstress.

Manche von uns wollen einfach nicht akzeptieren, dass dies wahre Liebe ist und können die Fantasie einer perfekt ausbalancierten Beziehung nicht aufgeben. Wir wollen zwar die Liebe nicht ablehnen, die unsere Fehler ausgleicht. Die Art von Liebe, in der es keine Beziehungsdramen gibt, nur konstante Glückseligkeit und ein „glücklich bis ans Lebensende“. Die Art von Liebe, die keiner Vergebung bedarf. Aber diese Liebe wird niemand finden, da sie schlicht nicht existiert.