Was ist kognitive Umstrukturierung?

19. Februar 2019

Was würde passieren, wenn unser Partner uns verließe? Wir würden uns wahrscheinlich schrecklich fühlen. Aber wäre es wirklich so schlimm? Wie viele andere schreckliche Dinge passieren auf der Welt? Wie viele von ihnen sind schlimmer als die Trennung von unserem Partner oder das Nichtbestehen eines Tests? Wir werden uns vielleicht fragen, woher all diese Fragen kommen. Nun, sie entstammen einer kognitiven Umstrukturierung.

Die kognitive Umstrukturierung ist eine Technik, die sich auf unsere Gedanken konzentriert. Durch sie lernen wir, schädliche Gedanken durch andere zu ersetzen, die besser angepasst sind. So ist die kognitive Umstrukturierung ein suggestivstes kognitiven Therapieverfahren. Wenn wir bestimmte Gedanken umgestalten, werden wir die damit verbundenen Emotionen verändern, was zu mehr Wohlbefinden führen kann.

Gedankengänge

Gedanken sind Hypothesen

Die kognitive Umstrukturierung besteht darin, unsere fehlangepassten Gedanken zu identifizieren und zu hinterfragen. Dann können wir sie durch geeignetere ersetzen, um die emotionale Belastung, die die früheren Gedanken verursacht haben, zu reduzieren oder zu beseitigen.

In der kognitiven Umstrukturierung werden Gedanken als Hypothesen betrachtet. Der Therapeut arbeitet mit uns zusammen, um Daten darüber zu sammeln, ob diese Hypothesen korrekt und nützlich sind. Anstatt uns alternative, gültige  Gedanken vorzugeben, stellt der Therapeut eine Reihe von Fragen, entwirft Verhaltensexperimente, die wir auswerten können, um unsere negativen Gedanken zu testen.

Am Ende kommen wir zu dem Schluss, ob besagte Gedanken gültig und von Nutzen sind. Wie wir sehen können, zwingt uns der Therapeut nichts auf. Wir ziehen unsere eigenen Schlussfolgerungen.

Theoretische Grundlagen der kognitiven Umstrukturierung

Die kognitive Umstrukturierung basiert auf den folgenden theoretischen Annahmen:

  • Die Art und Weise, wie wir Menschen unsere Erfahrungen strukturieren, übt einen grundlegenden Einfluss auf unsere Empfindungen und unser Verhalten sowie auf körperliche Reaktionen aus. Mit anderen Worten: unsere Reaktion auf ein bestimmtes Ereignis hängt hauptsächlich davon ab, wie wir es wahrnehmen, einschätzen und interpretieren.

Stellen wir uns vor, wir haben ein Date mit einer Person, die wir kaum kennen. Wir haben eine halbe Stunde gewartet und sie ist immer noch nicht erschienen. Wenn unsere Interpretation ist, dass sie sich nicht für uns interessiere, werden wir sie wohl nie wieder kontaktieren. Wenn wir jedoch annehmen, dass der Grund, warum sie zu spät kommt, ein Rückschlag oder ein simpler Irrtum ist, wird sich unsere emotionale und verhaltensrelevante Reaktion ganz anders gestalten.

Auf der anderen Seite beeinflussen sich Zuneigung, Verhalten und körperliche Reaktionen gegenseitig und tragen dazu bei, angepasste und weniger angepasste Gedanken zu erhalten.

  • Wir können die Gedanken von Menschen durch Methoden wie Interviews, Fragebögen und Selbsteinschätzungen identifizieren. Viele dieser Gedanken erreichen das Bewusstsein, während andere unterbewusst bleiben. Allerdings hat die Person Zugang zu ihnen.
  • Es ist möglich, die Gedanken von Menschen zu verändern. Tatsächlich wird dieser Umstand verwendet, um im Rahmen einer Psychotherapie Veränderungen zu erreichen.
Mädchen in Therapie

Das ABC-Modell der kognitiven Umstrukturierung

Die kognitive Umstrukturierung basiert auf einem Modell, das viele Autoren das ABC-Modell nennen:

  • In diesem Modell bezieht sich der Buchstabe A auf eine aktivierende Situation, ein Ereignis oder eine Erfahrung. Etwa auf den Umstand, dass wir von einer Person verurteilt werden, die wir lieben, oder dass wir einen Test nicht bestehen.
  • Der Buchstabe B repräsentiert unsere angemessenen oder unangemessenen Gedanken zur Situation (A), wie sie in kognitiven Prozessen entstehen. Unter ihnen finden wir Wahrnehmung, Aufmerksamkeit, Erinnerung, Argumentation und Interpretation. Unsere Annahmen und Überzeugungen verursachen Fehler und Verzerrungen bei der Informationsverarbeitung, etwa Übergeneralisierung, Filterung, dichotomes und Katastrophendenken.
  • Schließlich bezieht sich der Buchstabe C auf die emotionalen, verhaltensrelevanten und körperlichen Folgen von (B). Laut ABC-Modell gehen kognitive Prozesse den Emotionen stets voraus. Wir mögen beispielsweise Angst empfinden und wegzulaufen, wenn ein bellender Hund auf uns zukommt und wir darin eine Gefahr erkennen. Emotionen, Verhalten und körperliche Reaktionen beeinflussen sich gegenseitig und helfen, die Kognition aufrechtzuerhalten.

Wie wir sehen können, sind Ereignisse nach der kognitiven Umstrukturierung nicht per se für unsere emotionalen und verhaltensbezogenen Reaktionen verantwortlich: Unsere Erwartungen und Interpretationen dieser Ereignisse sowie die damit verbundenen Überzeugungen sind für unsere Gefühle und unser Handeln verantwortlich.

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