Was ist die Wolfsmedizin?

22. Dezember 2018

Die Wolfsmedizin ist die Medizin der Seele. Sie hat nichts mit alternativen Therapien oder anderen fragwürdigen Abwandlungen der Heilkunst zu tun. Sie wurde traditionell so genannt, weil die amerikanischen Ureinwohner glauben, dass die sorgfältige Beobachtung der Wölfe und ihres Verhaltens dazu beitragen könne, die Menschen innerlich zu heilen.

Die amerikanischen Ureinwohner betrachten den Wolf als ein heiliges Tier, ein Totem. So hat sich das Wissen über ihr Verhalten über viele Generationen hinweg gesammelt, was dazu führte, dass sie dieses Wesen immer mehr bewunderten. So sehr, dass sie zu dem Schluss kamen, dass das Nachahmen der Wölfe eine gute Möglichkeit darstelle, um zu wachsen, sich von Wunden zu erholen und die Fähigkeit zu entwickeln, sich trotz jeglicher Widrigkeiten nach vorn zu bewegen.

In der westlichen Welt wissen wir nur wenig über diese Wolfsmedizin. Tatsächlich ist unsere Gesellschaft eher von eine ungerechten Propaganda gegen eben diese Tiere geprägt. In vielen Geschichten für Kinder stellen sie die Antagonisten dar und werden als bösartige Wesen porträtiert. Ebenso gibt es den Mythos des „Werwolfs“, der grausam und gefährlich ist. Im Folgenden werden wir sehen, dass dies nicht der Wahrheit entspricht und wir in Wirklichkeit sehr viel von diesen Tieren lernen könnten.

„Der Wolf ist unsere Kraft und unsere Stärke, mein Junge. Die Lykanthropie ist kein Fluch, sondern ein Geschenk.“

Laura Gallego García

Der Wolf – ein heiliges Tier für die amerikanischen Ureinwohner

Der Wolf ist ein Tier, das in verschiedenen Aspekten ein gut definiertes, ritualisiertes Verhalten offenlegt. Da ist zum Beispiel die Hierarchie im Rudel. Diese ist bei diesen Tieren extrem streng geregelt. Das Alpha-Männchen und das Alpha-Weibchen sind die unbestrittenen Führer der Gruppe. Im Gegensatz zu anderen Tierarten, sind die Anführer nicht notwendigerweise die größten oder die kämpferischsten, sondern die intelligentesten und geschicktesten.

Wolf in bunten Farben

Der Wolf ist weder einsam noch ist er wild – wie es uns vielleicht beigebracht wurde. Wölfe sind sehr gesellige Tiere, die nach Möglichkeit in einem Rudel leben. Wenn sie jemals etwas allein unternehmen, dann tun sie dies nur, um das Wohl der Gruppe zu fördern. Sie verbinden ihre Individualität in ausgewogener Weise mit dem kollektiven Sinn. Nur in extremen Fällen greifen sie auf Gewalt zurück und ebenso versuchen sie stets, den Kampf zu vermeiden oder diesen zumindest so schnell wie möglich zu beenden. Wölfe beißen andere Wölfe nicht in den Hals. Mit anderen Worten, sie töten kein Mitglied ihrer eigenen Spezies.

Die amerikanischen Ureinwohner meinen, dass die drei größten Stärken des Wolfes das Belauern, die Unsichtbarkeit und der Schutz ihrer Familie seien. Diese Tiere prahlen nicht mit ihrer Wildheit oder mit ihrer Kraft. Sie beobachten, analysieren und schleichen unbemerkt an einem vorbei, während sie das tun. Sie vermessen das Gelände, sie berechnen Distanzen, kalkulieren Licht und Schatten. Von ihren Feinden werden sie nicht gesehen, weil sie nur zu gut wissen, wie sie „verschwinden“. Ebenso greifen sie nur an, wenn es unbedingt nötig ist und dann mit einem strategischen Plan.

Die Medizin des Wolfes

Für die amerikanischen Ureinwohner ist der Wolf ein Führer. Wir alle tragen etwas von einem Wolf in uns und es gebe Momente im Leben eines jeden, in denen dieser mutige, weise und kluge Geist erwachen müsse, betonen sie. Darin besteht die Wolfsmedizin: zu dieser inneren Stärke und dieser strategischen Fähigkeit zu gelangen, um lebenswichtige Herausforderungen meistern zu können.

Amerikanische Ureinwohner mit einem Wolf

Die Ureinwohner glauben, dass es Momente im Leben gebe, in denen sich der Geist des Wolfes in einen Verbündeten verwandele. Dies geschehe unter jenen Umständen, in denen in uns diese kühne, loyale, großzügige und freie Facette entstehe.

Der Geist des Wolfes ist rücksichtslos und mutig. Daher erscheint er uns als Verbündeter, wenn wir uns dazu entschließen, etwas zu tun, das wir uns selbst verboten haben oder uns von jemandem verboten wurde –  ohne einen wirklichen Grund. Und die Wolfsmedizin hat mit der Kultivierung und dem Entstehen dieser unbezwingbaren Kraft zu tun.

Die Ureinwohner glauben, dass Wölfe und Hexen nie von einander getrennt werden können und dass sich diese in der Dunkelheit am wohlsten fühlen. Das bedeutet, dass unsere magischste und freiheitsliebende Facette dann entsteht, wenn wir nicht den Augen anderer ausgesetzt sind. Unter diesen Bedingungen können wir eine Lösung für unsere Probleme finden und Wege entdecken, die wir zuvor nicht gesehen haben.

Amerikanischer Ureinwohner gemalt in bunten Farben

Den Wolf, den wir in uns tragen, zum Leben erwecken

Laut der Überlieferungen sei der sicherste Weg, unseren inneren Wolf zum Leben zu erwecken, immer auf unsere Träume fokussiert zu bleiben. Die Kunst der Wolfsmedizin bedeutet vor allem eine Wiedervereinigung mit der Kraft, die tief in unserer Essenz steckt. Mit jenem verborgenen Bereich eines Menschen, der sich durch dessen Träume ausdrückt. Aus diesem Grund ist das Verständnis der Traumwelt von grundlegender Bedeutung, um sich selbst besser kennenzulernen und seinen eigenen Wert zu erkennen.

Ebenso ist es, nach der Wolfsmedizin, von grundlegender Bedeutung, dass wir uns selbst Zeit widmen, um uns zu beobachten. Wir müssen versuchen, uns selbst als die Zuschauer unseres eigenen Schauspiels zu sehen. Versuchen wir, uns selbst zu beobachten, ohne ein Urteil über uns zu fällen und dabei herauszufinden, welches jene Elemente sind, die uns behindern und, wenn wir zu unserem gewohnten Standpunkt zurückkehren, uns erscheinen, als wären wir maskiert. Was ist es, das unseren Geist zurückhält? Ängste? Vorschriften? Erfahrungen aus der Vergangenheit?

Was folgen sollte, ist Handeln. Wenn wir etwas tun möchten, sollten wir nicht warten, bis die Umstände günstiger sind oder die Lage sich entspannt. Wir können schon heute damit beginnen, dafür zu arbeiten, was wir uns wünschen, und dies mit Entschlossenheit, Großzügigkeit und Loyalität verfolgen. Laut der Wolfsmedizin erscheint dieser Geist des Wolfes, der uns leitet, wenn wir diese Einstellung verinnerlichen.

López Portillo, P. (2016). Los Postes totémicos de la costa noroeste de América del norte.