Was ist abnorme Psychologie?

19. März 2019

Du hast den Ausdruck „abnorme Psychologie“ vielleicht noch nie zuvor gehört, denn im deutschen Sprachraum wird häufiger von der klinischen Psychologie gesprochen. Wie wir in diesem Artikel sehen werden, ist die abnorme Psychologie jedoch sehr bekannt.

Die klinische bzw. abnorme Psychologie konzentriert sich auf das Studium und die Behandlung von psychischen Störungen, welche die Fähigkeit einer Person beeinträchtigen, sich wie sie selbst zu fühlen und ihre täglichen Aufgaben auszuführen. Diese Störungen können das Ergebnis eines physischen oder emotionalen Traumas, eines Gendefekts oder eines chemischen Ungleichgewichts im Gehirn sein. Menschen, die an derartigen Störungen leiden, benötigen im Allgemeinen eine pharmakologische Behandlung, eine Psychotherapie oder beides.

Die abnorme Psychologie untersucht somit Menschen, die im Vergleich zu Mitgliedern einer bestimmten Gesellschaft „abnorm“ oder „atypisch“ sind. Um dieses spezielle Feld zu verstehen, müssen wir also definieren, was wir unter „abnorm“ verstehen. Auf den ersten Blick erscheint es offensichtlich: „Abnorm“ beschreibt etwas Außergewöhnliches. Aber was ist eigentlich „normal“?

Die verschiedenen Ansätze der abnormen Psychologie

Die abnorme Psychologie verfolgt verschiedene Ansätze. Obwohl sich einige Psychologen oder Psychiater auf nur eine der Perspektiven konzentrieren, verwenden viele andere Elemente aus verschiedenen Bereichen, um psychische Störungen zu verstehen und besser zu behandeln. Diese Perspektiven sind der psychoanalytische Ansatz, der Verhaltensansatz, der medizinisch/biologische Ansatz und der kognitive Ansatz.

Der psychoanalytische Ansatz

Die psychoanalytische Perspektive der abnormen oder klinischen Psychologie rührt von Sigmund Freuds Theorien her. Zu den Hauptgedanken dieses Ansatzes gehört Freuds Überzeugung, dass Abnormalitäten psychische und nicht physische Ursachen haben. Er glaubte, dass ein ungelöster Konflikt zwischen dem Ich und dem Über-Ich zu Abnormalitäten führen könnte.

Der psychoanalytische Ansatz legt nahe, dass abnorme Verhaltensweisen auf unbewussten Wünschen, Gedanken und Erinnerungen beruhen. Obwohl diese unbewusst seien, beeinflussen sie unsere bewussten Handlungen.

Fachleute, die diesen speziellen Ansatz verfolgen, sind überzeugt, dass die Analyse von Erinnerungen, Gedanken und sogar Träumen helfen könne, die psychischen Probleme ihrer Klienten zu behandeln. Sie glauben, dass diese zu Fehlanpassungen und Angstzuständen führen können und deshalb auch der Schlüssel zu mehr Wohlbefinden seien.

Eine Karikatur von Sigmund Freud

Der Verhaltensansatz

Der Verhaltensansatz konzentriert sich auf beobachtbares Verhalten. Behavioristen glauben, dass unsere Erfahrungen unsere Handlungen weitgehend beeinflussen. Sie lehnen die Annahme ab, dass unsere Handlungen auf bestehenden Pathologien unbewusster Kräfte beruhen würden. Infolgedessen meinen sie, dass sich Abnormalität manifestiere, wenn ein Individuum maladaptive und damit schädliche Verhaltensmuster entwickele.

Diese Perspektive legt den Schwerpunkt auf die Umwelt und untersucht, wie das Individuum ungewöhnliches Verhalten erlangt. Der Behaviorismus argumentiert, dass alles Verhalten, einschließlich abnormen Verhaltens, aus der Umgebung ge- bzw. erlernt wird. Er geht auch davon aus, dass jede Verhaltensweise „verlernt“ werden kann. Genau nach dieser Vorstellung wird ungewöhnliches Verhalten behandelt.

In der Verhaltenstherapie konzentrieren sich die Fachleute auf die Stärkung des positiven Verhaltens. Sie versuchen auch, alles zu beseitigen, was das unangepasste Verhalten verstärkt. In diesem Sinne berücksichtigt der Verhaltensansatz die Informationsverarbeitung kaum und konzentriert sich stattdessen auf Präzedenzfälle, auf Stimuli und Verstärkung, sowie auf verhaltensrelevante Folgen.

Der medizinisch/biologische Ansatz

Der medizinisch/biologische Ansatz geht davon aus, dass Störungen eine organische oder physische Ursache haben. Die Fachleute, die diesem Ansatz folgen, konzentrieren sich auf die Suche nach biologischen Ursachen für psychische Erkrankungen.

Diese Perspektive betont das pathophysiologische Verständnis der Störung. Diese Experten argumentieren, dass der Ursprung jeder Störung genetisch bedingt sein oder durch einen verwandten physischen Zustand, eine Infektion oder sonstiges Ungleichgewicht verursacht werden könnte.

Es geht darum, dass psychische Störungen mit der physischen Struktur und Funktion des Gehirns zusammenhängen. Folglich werden diese Störungen mit Medikamenten behandelt. Allerdings verwenden viele Fachleute Medikamente zusammen mit einer Art der Psychotherapie.

Der kognitive Ansatz

Der kognitive Ansatz konzentriert sich auf die Kraft, die unsere Gedanken darauf haben, wie wir uns fühlen und wie wir uns verhalten. Diese Perspektive untersucht, wie das Gehirn Informationen verarbeitet und welche Folgen dieser Prozess auf unsere Verhalten hat.

Nach diesem Ansatz gilt:

  • Fehlerhafte oder irrationale Wahrnehmungen führen zu Fehlanpassungen.
  • Die Gedanken, die eine Person über ein Problem hat, sind das, was psychische Störungen verursacht.
  • Menschen können psychische Störungen überwinden, wenn sie lernen, angemessenere Erkenntnisse einzusetzen.

Der kognitive Ansatz sieht den Einzelnen als aktiven Informationsprozessor. Die Art, wie eine Person Ereignisse antizipiert, wahrnimmt und auswertet, macht ihr Verhalten aus. Darüber hinaus argumentiert man hier, dass viele unserer Gedanken automatisch seien, ohne dass wir sie überhaupt bemerken.

Die Illustration einer Patientin die traurig ist.

Abnormalität und atypisches Verhalten

Die abnorme Psychologie konzentriert sich auf atypisches Verhalten. Es geht jedoch nicht darum, sämtliche Individuen passend zu einer engen Definition von „normal“ zu gestalten. In den meisten Fällen geht es darum, Probleme zu erkennen und zu behandeln, die im Leben eines Menschen zu Angstzuständen oder anderweitiger Einschränkung führen. Wenn Forscher und Therapeuten herausfinden, was „abnorm“ ist, also was Schaden verursacht, können sie ihren Patienten auch behandeln.