Warum verfallen wir in emotionale Abhängigkeit?

· 20. Mai 2018

Jeder Einzelne von uns, egal ob Mann oder Frau, jung oder alt, kann sich in einer Beziehung wiederfinden, deren Basis emotionale Abhängigkeit ist. Manchmal nehmen wir fälschlicherweise an, dass uns Derartiges nicht passieren könnte. Aber wir sollten bedenken, dass Menschen in solchen Beziehungen auch nie glaubten, dass sie jemals in diese bitteren Abgründe fallen würden.

Bevor wir also so radikale Aussagen treffen, sollten wir uns selbst etwas fragen: Was führt uns in emotionale Abhängigkeit, in solche Beziehungen? Was fühlen wir in dieser Art von Beziehung? Wie können wir feststellen, ob unsere Beziehung auf emotionaler Abhängigkeit basiert oder nicht?

Wenn wir uns bewusst machen, was eine dominant-abhängige Beziehung ist, dann können wir leichter feststellen, ob wir Teil einer solchen sind, ob wir Teil einer dysfunktionalen Verbindung geworden sind. Dies kann uns zusätzliche Stärke geben, um die Situation zum Besseren zu verändern. Wir können andererseits vielleicht auch erkennen, ob sich andere in dieser Art der Zwangslage befinden. Außerdem können wir versuchen, sie zu warnen.

Was führt uns in eine Beziehung, die von emotionaler Abhängigkeit geprägt ist?

Wir alle haben Erwartungen an uns selbst und an unseren Partner, denen wir gerecht werden möchten. Diese sind von sozialen und kulturellen Vorstellungen beeinflusst: Uns wurde beigebracht, dass wir eine romantische Beziehung pflegen sollten, um glücklich zu sein. Außerdem müssten wir unseren Partner vor alles andere stellen.

Wir suchen deshalb nach jenen idealisierten romantischen Beziehungen, die eine Leere in uns füllen können. Wir suchen in der Außenwelt nach Erfüllung, anstatt nach innen zu schauen. Wir sind einfach uns selbst nicht gut genug. Wir schüren unsere Ängste und sehnen uns nach Dritten, damit sie diese verschleiern. Wenn wir das Gefühl haben, uns selbst nicht genug zu sein, dann schaffen wir die Basis für die Abhängigkeit von anderen.

Eine Frau ist an eine Bärenfalle angekettet, in der ein Herz steckt

Auf der anderen Seite sind die Art und Weise, wie wir Beziehungen zu anderen aufbauen, stark von den Verhaltensweisen, die wir uns in unserer Kindheit angewöhnt haben, abhängig. Wenn wir beispielsweise übermäßig beschützt wurden, werden wir uns unsicher fühlen und andere Menschen brauchen, die uns beschützen. Wenn wir im Gegensatz dazu nur wenig oder keine Zuneigung erfahren haben, werden wir verzweifelt nach jemandem suchen, der uns diese Zuneigung gibt, der diese Leere füllt.

Was der Affe sieht, macht er nach

Die Art der Beziehung, die wir zwischen unseren Eltern beobachten, beeinflusst auch unsere romantischen Beziehungen. Wenn wir als Kinder Zeuge einer Beziehung wurden, die auf Dominanz und Abhängigkeit basierte, in der Liebe und Misshandlung Hand in Hand gingen, könnten wir als Erwachsener die gleiche Art der Beziehung eingehen, weil wir nämlich aus eigener Erfahrung die Mechanismen kennen, die sie aufrechterhalten.

Auf jeden Fall wäre es ideal, nicht nach jener besseren Hälfte zu suchen, die uns vervollständigt. Denn diese existiert einfach nicht. Die Wahrheit ist, dass wir alle vollständig und ganz sind. Wir sind für unser eigenes Glück verantwortlich.

Zudem sollten wir unsere eigenen Kriterien dazu entwickeln, wie wir mit unserem Partner kommunizieren und leben möchten. Wir sollten uns von vorgegebenen Mustern nicht zu sehr beeinflussen lassen. Es ist wichtig, dass wir klarstellen, was wir in einer Beziehung möchten und nicht möchten.

Was fühlen wir in dieser Art von Beziehung?

In einer auf Abhängigkeit basierenden Beziehung können wir nicht wir selbst sein. Wir fühlen uns eingeschränkt und außer Kraft gesetzt, immer darauf bedacht, unseren Partner zu beschwichtigen und nicht zu verärgern. Sorgen, Misstrauen, Schuldgefühle und Angst sind allgegenwärtige Emotionen. Das sind „Symptome“, die durch ein geringes Selbstwertgefühl entstehen können. Wir fühlen uns dann so, als wären wir im Vergleich zum Partner wertlos oder unterlegen. Wir brauchen ihn übermäßig und wir haben Angst vor der Einsamkeit.

„Wenn wir nicht wir selbst sind, wenn wir nur innerhalb einer anderen Person existieren können, wenn wir eine Reflexion sind, dann hängt unser Selbstwertgefühl davon ab, ob das Licht an oder aus ist. Wie der Mond: wenn er nicht von dem Licht der Sonne beleuchtet wird, dann ist es so, als würde er nicht existieren.“

Villegas

Frau klammert sich in emotionaler Abhängigkeit an einen Mann

Außerdem tendieren wir in toxischen Beziehungen dazu, mehr zu erlauben, als wir sollten. Wir ertragen unangenehme, entwertende Kommentare, anklagende Blicke und mit Schweigen gestraft zu werden, Vorwürfe, Vertrauensbrüche, ständige Fragen und Kontrolle, Lügen und vieles mehr. Wir tolerieren verbale und manchmal auch körperliche Aggressionen. Zeitweise führt die Idealisierung des Partners dazu, dass wir Ausreden für seine Verhaltensweisen finden. Oft glauben wir irrigerweise, dass er sich ändern würde. In anderen Fällen ist es, was wir von außen mitbekommen, das uns zum Bleiben bewegt.

Woher wissen wir, ob unsere Beziehung auf emotionaler Abhängigkeit basiert oder nicht?

Es ist nicht leicht zu erkennen, ob eine Beziehung auf emotionaler Abhängigkeit beruht oder nicht. Aber es gibt immer Hinweise und Anzeichen, die diese Dysfunktion aufzeigen. Unsere Gefühle sind beispielsweise ein klares Indiz. Unsere eigenen Emotionen können uns darauf hinweisen, dass die Beziehung nicht gut läuft. In einer gesunden Beziehung sollten wir keine Angst haben, sollten nicht leiden.

„Emotionen decken Probleme auf, die wir bei objektiver Herangehensweise lösen können.“

Greenberg

Wenn wir in einer Beziehung sind, können wir unsere Perspektive verlieren und nur noch die Dinge sehen, die wir an unserem Partner mögen. Genau genommen schließen wir die Augen vor dem, was wir nicht sehen möchten. Häufig wachen wir erst auf, wenn wir uns schon lange auf dem falschen Weg befinden. Deswegen ist es wichtig, dass wir den ehrlichen Ratschlägen derjenigen, die uns gut kennen, zuhören und sie zu reflektieren. Das gilt, obwohl es niemand gern hört,  dass der Partner nicht gut für ihn sei. Unser Freund und Berater könnte recht haben.

Zwei Arme mit je einem Flügeltattoo als Zeichen von emotionaler Unabhängigkeit

Liebe ist schließlich eine freie Entscheidung

Aber warum ertragen wir eine Beziehung, die uns so zusetzt? Wir haben doch eine freie Entscheidung getroffen, eben weil wir unseren Partner als jemanden ansahen, der eine wichtige Quelle des Vertrauens und der Unterstützung war. Sollte dies nicht der Fall sein, ist es umso mehr notwendig, diese Dynamik aufzubrechen und die Situation zu überdenken.

In Wahrheit können wir eine gesunde Beziehung haben, ohne leiden zu müssen und ohne dass emotionale Abhängigkeit ein Problem wird. Eine Beziehung, die auf Vertrauen und Respekt basiert. Deswegen dürfen wir nicht vergessen, dass wir einen Teil der Verantwortung tragen. Wir sind nicht dafür verantwortlich, was die andere Person macht, aber wir sind dafür verantwortlich, was wir machen. Wenn wir uns ändern, handeln oder um Hilfe bitten, wird sich die Situation ebenfalls wandeln.