Es ist nicht leicht, ein Kind zu sein, in einer Welt voll müder Erwachsener

19. Juli 2017 en Psychologie 767 Geteilt

So etwas wie ein „schwieriges Kind“ gibt es nicht. Was schwierig ist, ist Kind zu sein, in einer Welt voll müder, geschäftiger, ungeduldiger Erwachsener, die immer in Eile sind. Viele Eltern, Lehrer und Betreuer vergessen oftmals eine der wichtigsten Verpflichtungen im Zusammenhang mit der Kindererziehung: Begleite sie auf ihren Abenteuern.

Dieses Problem ist so real, dass wir uns schon Sorgen machen, wenn ein Kind einfach unruhig, laut, glücklich, quietschvergnügt und facettenreich ist. Dabei ist es ganz normal, dass Kinder herumrennen, mit ausgebreiteten Armen wie Flugzeuge umherschwirren, schreien, Blödsinn treiben, Neues ausprobieren und ihre Umgebung in einen Themenpark verwandeln. Es ist genauso normal, dass Kinder – wenigstens, wenn sie noch klein sind – einfach so sind, wie sie sind. Und nicht so, wie die Erwachsenen sie gern hätten. Manche Eltern und Erzieher wollen aber eigentlich keine Kinder, sondern lieber Blumentöpfe.

Wir sollten zunächst zwei grundlegende Dinge verstehen:

  • Bewegungsdrang ist keine Krankheit. Wir wünschen uns eine Selbstkontrolle, die weder die Natur noch die Gesellschaft fördert.
  • Wir erweisen Kindern einen Gefallen, wenn wir sie der Langeweile aussetzen und keiner Reizüberflutung.

Warum verabreichen wir unseren Kindern Medikamente?

Obwohl in den Bereichen Gesundheit und Bildungswesen ein entsprechender Trend zu beobachten ist, ist es eher fraglich, ob es die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung (ADHS) wirklich gibt – zumindest so, wie sie erdacht wurde. Gegenwärtig wird dieser Terminus als Sammelbegriff für eine Vielzahl verschiedener „Probleme“ verwendet, die sich immer höher stapeln: von neurologischen Problemen über Verhaltensstörungen und fehlende Ressourcen bis hin zu der Unfähigkeit, mit sich selbst in der jeweiligen Umgebung zurechtzukommen.

Die Statistiken sind überwältigend. Daten aus den USA und dem Diagostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM)  zufolge tritt bei 3 bis 7 von 100 Kindern ADHS auf. Anlass zur Sorge gibt, dass zu den kausalen Faktoren bisher nur Hypothesen existieren. Man versucht, sie zu untermauern, indem man das Prinzip aus Versuch und Irrtum anwendet: Verabreichen wir unseren Kindern doch Medikamente, weil sie störende Verhaltensweisen an den Tag legen. Weil sie nicht aufpassen und weil sie anscheinend nicht nachdenken, bevor sie eine Aufgabe ausführen.

Dies ist ein sensibles Thema. Deshalb muss man sich besonders vorsichtig und verantwortungsvoll zeigen und gute Kinderpsychiater und -psychologen aufsuchen, wenn es Grund zu der Annahme gibt, dass das Kind ein Problem hat.

An diesem Punkt sollten wir darauf hinweisen, dass es keine klinischen oder pathologischen Befunde gibt, die die Existenz der ADHS bestätigten. In der Tat wird die Diagnose auf der Basis von Eindrücken und Leistungen in verschiedenen Tests gestellt. Man misst beispielsweise die Zeit, die ein Kind zur Umsetzung einer Aufgabe benötigt, und beurteilt es subjektiv. Das ist erschütternd, oder?

Lassen wir dabei nicht außer Acht, dass unsere Kinder mit Medikamenten wie Amphetaminen, Neuroleptika und Anxiolytika behandelt werden. Diese können verheerende Auswirkungen auf ihre neurologische Entwicklung haben. Wir wissen nicht, welche Langzeitwirkungen diese Arzneimittel haben. Diese Pharmaka vermindern nur die momentan lästigen Symptome, aber heben die „Störung“ in keinerlei Weise auf.

Das erscheint grausam, aber warum geschieht es weiterhin? Ein Faktor sind sicherlich wirtschaftliche Gründe. Wenn man zum Beispiel sieht, wie die pharmazeutische Industrie viele Milliarden Dollar durch die medikamentöse Behandlung von Kindern erwirtschaftet. Und da gibt es auch das Motto, das die aktuelle Behandlung ja zumindest besser sein müsse, als nichts zu tun. Der Selbstbetrug mit der „Glückspille“ ist der gemeinsame Nenner vieler Krankheiten.

Lassen wir einmal fragwürdige Etiketten und Diagnosen beiseite: Wir sollten auf die Bremse treten und uns darüber klar werden, dass eigentlich wir Erwachsene krank sind. Und dass das vorherrschende Symptom das mangelhafte Management in Bildungspolitik und Schulen ist.

Immer mehr Spezialisten werden sich dieser Tatsache bewusst. Sie versuchen, Eltern und Pädagogen aufzuhalten, die das Bedürfnis haben, die ADHS für Probleme verantwortlich zu machen, die oft mehr mit dem Umfeld und dem Mangel an Möglichkeiten, das Kinder ihr Potenzial ausleben, zu tun haben. Oder wie es Marino Pérez Álvarez, Spezialist für klinische Psychologie und Professor für Psychopathologie und Interventionstechniken an der Universität von Oviedo in Spanien formuliert hat:

„ADHS ist nicht mehr als ein Etikett für problematische Verhaltensweisen bei Kindern, die keine solide neurologische Grundlage haben. Ganz im Gegenteil dazu, wie diese Verhaltensweisen gern und oft präsentiert werden. Es ist ein unglücklich gewähltes Etikett, das lästige, aber ganz normale Probleme umfasst.“

„ADHS existiert nicht. ADHS ist eine Diagnose ohne klinisches Gewicht. Und die Verabreichung von Medikamenten ist keine Behandlung [unserer Kinder], man setzt [sie] unter Drogen“,  sagt Pérez Álvarez. Die Idee verbreitet sich, dass ein neurochemisches Ungleichgewicht verschiedene Probleme verursacht. Aber es ist nicht gesichert, ob es sich dabei um eine Ursache oder eine Konsequenz handelt. Mit anderen Worten, neurochemische Ungleichgewichte können angeboren sein, von der Beziehung mit der Umwelt herrühren, oder gar durch die Psychopharmaka induziert sein.

Es ist wichtig, eine kritische Haltung einzunehmen. Und sich die Welt anzusehen, die Lehre des Gehirns propagiert. Dazu sucht sie für alles und jedes nach körperlichen Ursachen. Ohne einmal innezuhalten und darüber nachzudenken, was denn eine Ursache und was eine Konsequenz ist. Vielleicht sollten wir einmal genau hinsehen, wie wir die Gesellschaft gestalten und welche wissenschaftliche Beweise erbracht worden sind.

Dann sollten wir uns fragen, welche Bedürfnisse und Stärken jedes Kind und jeder Erwachsene hat, die eine solche Diagnose erhalten. Wenn wir einen individuell zugeschnittenen Ansatz wählen, werden wir als Ergebnis bessere Gesundheit und größeres Wohlbefinden ernten – sowohl für die Kinder im einzelnen, als auch für die Gesellschaft im Ganzen. Die erste Amtshandlung, die wir also angehen müssen, heißt, uns in Selbstkritik zu üben.

Auch interessant