Warum müssen wir alles und jeden ständig bewerten?

Wir leben im Bewertungswahn und orientieren uns anhand von Likes und Sternchen. Stattdessen sollten wir lernen, Unvollkommenheit zu akzeptieren und Vorurteile abzubauen.
Warum müssen wir alles und jeden ständig bewerten?
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 10. Januar 2023

Gehörst du zu den Menschen, die bei einem Cappuccino oder einer Tasse Tee in einem Coffee Shop nicht zögern, eine Bewertung auf Google zu schreiben? Viele bewerten oft völlig unbedeutende Ereignisse, einen Friseurbesuch, ein Buch, ein Restaurant oder ein Hotel mit Sternchen oder dem Daumen-Symbol, um ihren Unmut oder ihre Zufriedenheit auszudrücken.

Symbole und kurze Texte beschreiben Empfindungen, die wir erleben, und anderen Informationen liefern sollen. Wir können damit einem Unternehmen Sichtbarkeit verleihen oder es ausgrenzen und ihm schaden. Es ist jedoch eine offensichtliche Tatsache, dass wir in einer Gesellschaft leben, die von Etiketten besessen ist.

Was wären wir ohne die Etiketten und Bewertungen, die wir vergeben (und die uns zugewiesen werden)? Wir haben gelernt, uns von Rezensionen, von Kommentaren in sozialen Netzwerken, von Likes und Sternchen leiten zu lassen. All das gibt uns ein größeres Gefühl der Sicherheit, aber treiben wir es nicht auf die Spitze?

Wir leben in einer Zeit, in der wir davon besessen sind, dass alles perfekt, einzigartig und unübertreffbar ist. Nur dann werden wir dem Leben 5 Sterne geben.

Mit Sternen bewerten
Ist es sinnvoll, alles und jeden ständig zu bewerten?

Gesellschaft im Bewertungswahn

In der Schule gewöhnen wir uns daran, mit Noten bewertet zu werden. Diese Zahlen prägen unseren weiteren Werdegang und die Berufswahl. In unserer modernen Gesellschaft bewerten wir praktisch alles und orientieren uns an diesen Bewertungen, obwohl wir gar nicht wissen, wie verlässlich sie sind.

Dieser Bewertungswahn verfolgt uns im Alltag überall: Wenn wir das gekaufte Produkt nicht automatisch mit Sternchen beurteilen, dann erhalten wir eine Nachricht, die uns daran erinnert, dass dieser Schritt noch fehlt. Wir reagieren oft, ohne lange nachzudenken, denn wer hat Zeit, alle Aspekte tatsächlich zu analysieren und eine faire Bewertung zu schreiben?

Menschen, Unternehmen und Produkte erhalten ihren Wert in unserer modernen Gesellschaft durch Likes und Sternchen.

Bewerten, der goldene Weg zum Status oder zur Katastrophe

“Likes=Sozialstatus”. Die Tyrannei der Gleichheit und der Bewertungswahn bestimmen jetzt, was jeder von uns wert ist. Wir sind alle an virtuellen Börsen notiert, wodurch andere unbestreitbar Macht über uns haben. Das ist der Preis, den wir (gerne) bezahlen.

Eine Studie der Universität München sowie andere Forschungsarbeiten führen uns vor Augen, dass das Feedback auf Instagram unseren sozialen Status definiert – und damit auch unser Selbstwertgefühl. Etwas Ähnliches passiert mit den Unternehmen und Fachleuten, die sich ständig der Bewertung von Kunden unterziehen.

Es ist offensichtlich, dass sie davon profitieren können und dass wir uns als Kunden auch von den Bewertungen anderer leiten lassen. Das kann ihnen aber auch eine gewisse Angst einjagen. Eine schlechte Bewertung kann manchmal zur Katastrophe führen. Fast alles in unserem täglichen Leben wird bewertet und nichts entgeht dieser öffentlichen Prüfung, den Kriterien der Massen.

Alles muss perfekt sein

Die sozialen Netzwerke und der Bewertungswahn lassen uns glauben, dass alles perfekt sein muss. Wir suchen die ideale Person, den besten Service, das perfekte Erlebnis.

Wir wollen, dass der Kaffee uns auf die Piazza di Spagna in Rom bringt, dass das Kissen im Hotel, in dem wir schlafen, weich wie Satin ist und dass das Taxi, das wir nehmen, glänzende Felgen hat. Nur dann geben wir dem Service fünf Sterne und eine gute Bewertung.

Wir erleben die Tätigkeit oder das Ereignis durch den Filter der Bewertung und haben es fast verlernt zu leben, ohne alles zu etikettieren.

Da die Realität nicht perfekt ist, erleben wir Frustration und Unzufriedenheit. Manchmal ist der Kaffee kalt und bitter, aber das ist nicht das Ende der Welt. Unvollkommenheit ist Teil des Lebens und auch das hat seinen Reiz.

Die Marketingindustrie hat uns glauben gemacht, dass Glück in “Premium”-Erlebnissen zu finden ist, d.h. in dem, was uns am meisten befriedigt und an Perfektion grenzt.

Frau trinkt Kaffee in einem Hotel und denkt daran, dass sie es bewerten muss
Nicht alles im Leben kann bewertet werden, nicht alles muss perfekt sein. Es ist wichtiger zu lernen, die Unvollkommenheit zu schätzen und zu genießen.

Die Welt ist nicht nur 5 Sterne wert

Das ständige Bewerten ist Teil unserer Kultur, ein Leitfaden, der uns hilft ein Produkt oder eine Dienstleistung auszuwählen. Das kann zwar nützlich sein, doch wir dürfen nicht vergessen, dass die Welt vielseitig und facettenreich ist – 5 Sterne werden ihr noch lange nicht gerecht. Das Leben lässt sich nicht pauschal kategorisieren und bewerten.

Dazu kommt, dass Likes und Kommentare in sozialen Netzwerken die Gesundheit unserer Jugend gefährden. Denn auch davor macht der Bewertungswahn nicht halt. 

Wir dürfen diesen Wahn nicht auf die Spitze treiben und müssen Grenzen setzen. Das ermöglicht es uns, unsere Erfahrungen entspannt, vorurteilsfrei und gelassen wahrzunehmen. Entscheide selbst, was dir gefällt und lerne, die Unvollkommenheit zu akzeptieren und zu genießen.

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    • Diefenbach, S., & Anders, L. (2022). The psychology of likes: Relevance of feedback on Instagram and relationship to self-esteem and social status. Psychology of Popular Media, 11(2), 196–207. https://doi.org/10.1037/ppm0000360
  • Wang, Ming-Hung. (2019). Understanding Mass Media Using Facebook Like Activities. 10.36370/tto.2019.24.

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