Nightcrawler – ein Film über Freiheit und ihre Grenzen

Lou Bloom ist ein Krimineller, der davon träumt, ein erfolgreiches Unternehmen zu gründen. Eines Tages findet er zufällig eine Möglichkeit, die jedoch einen hohen Preis erfordert. Nightcrawler ist eine verstörende Geschichte, die sich mit der Debatte über die Grenzen der Freiheit beschäftigt.
Nightcrawler – ein Film über Freiheit und ihre Grenzen
Cristina Roda Rivera

Geschrieben und geprüft von der Psychologe Cristina Roda Rivera.

Letzte Aktualisierung: 21. September 2022

Der US-amerikanische Film “Nightcrawler – Jede Nacht hat ihren Preis” von Dan Gilroy spricht von einem grundlegenden Menschenrecht: von Freiheit als individuelle und soziale Verantwortung. Wir alle sollten uns dafür einsetzen, dass die Grundrechte nicht verletzt werden. Allerdings dürfen wir dabei nicht vergessen, dass Freiheit manchmal auch bedeutet, sich selbst zu kontrollieren, um bessere Entscheidungen treffen zu können.

Die Freiheit beruht also auf der Fähigkeit, nach dem eigenen Willen zu denken und zu handeln, dafür aber auch die Verantwortung zu übernehmen. Sie gibt uns besispielsweise das Recht, uns zu einer bestimmten Religion zu bekennen, unsere Meinung zu äußern oder einer sexuellen Neigung zu folgen – solange sie auch die Freiheit anderer respektiert.

“Nightcrawler”: ein fesselnder Thriller

Der Thriller, mit dem wir uns heute beschäftigen, untersucht die Grenzen der institutionellen Macht und der individuellen Freiheit. Das uneingeschränkte Handeln kann in beiden Fällen negative Folgen haben, welche die Gesellschaft als Ganzes belasten.

“Nightcrawler” erzählt die Geschichte eines einsamen Mannes namens Lou Bloom, der nach Geld und Macht giert. Sein Alltag besteht darin, nachts herumzuwandern, Schrott aufzusammeln und Diebstähle zu begehen.

Als Lou eines Abends auf der Autobahn unterwegs ist, wird er Zeuge eines Verkehrsunfalls. Daraufhin erscheint nicht nur ein Krankenwagen, sondern auch ein Kamerateam, das die Szene filmt. Nach den Dreharbeiten erzählen ihm die Kameraleute, wie einfach es ist, einen Auftrag für das Filmen reißerischer Szenen zu erhalten. Da sieht Lou Bloom – eine gefühllose, aber ebenso asoziale Umkehrung von Travis Bickle (Taxi Driver) – seine große Chance, zum Unternehmer zu werden.

Er wird Amateurkameramann und gründet ein erfolgreiches Kleinunternehmen, indem er betrügt, manipuliert und andere ausbeutet. “Nightcrawler” beschreibt, wie Soziopathen Grenzen überschreiten, um ihre Ziele zu erreichen. Der Film ist eine Mediensatire im Stil von “Network” oder  “Zu allem bereit”.

Demokratische Systeme garantieren bestimmte individuelle Freiheiten, wie die Rede- und Informationsfreiheit. Doch jede Freiheit erfordert Verantwortung. “Nightcrawler” lädt zur Reflexion über die perverse Nutzung von Medien ein, nur um persönliche Vorteile zu erlangen.

Die Geschichte eines Soziopathen, der sich durch den Fernsehkonsum der Massen legitimiert

Das englische Wort “nightcrawler” bezeichnet eine Person, die einen großen Teil ihrer beruflichen Tätigkeit nachts ausübt. Ein Begriff, der den jungen Bloom perfekt beschreibt. Er ist ein scheinbar höflicher Mann mit einem oberflächlichen Charme und überangepasst an die verschiedenen sozialen Situationen, in denen er sich befindet. Bloom ist ein Produkt der extremen kapitalistischen Gesellschaft, die sein soziopathisches Verhalten in gewisser Weise sogar fördert.

Er hat zwar keine konventionelle Ausbildung, doch er verschlingt alle nur möglichen pseudophilosophischen Lehren und Selbsthilfetechniken, die ihn zu Engagement und Durchhaltevermögen ermuntern, bis er um jeden Preis Erfolg hat.

Was Bloom jedoch zu einem furchterregenden und gefährlichen Wesen macht, ist nicht sein gestörtes und hemmungsloses Verhalten. Vielmehr ist es der berufliche Erfolg, den er dadurch erreicht und ihn zusätzlich bestärkt. Er schmeichelt seinen Kollegen und geht beim Filmen bis ans Äußerste, um vom erbärmlichen Nachtwanderer zum erfolgreichen Geschäftsmann aufzusteigen.

Der Film ist eine inspirierende Geschichte für Menschen, die Multimillionäre werden wollen.

Sensationslüsterne Nachrichten auf unseren Bildschirmen

Was in “Nightcrawler” passiert, entsetzt uns zwar, doch dieser Film berichtet nur von der Passivität und Gleichgültigkeit, die sich hinter der Kamera im Umgang mit Nachrichten über Unfälle und Morde abspielt. Wenig sensationslüsterne Journalisten werden schnell schubladisiert, denn sie sind in diesem Geschäft nicht wettbewerbsfähig.

Das Publikum konsumiert jedoch die täglichen Nachrichten, die der “Nightcrawler” präsentiert: die Geschichte eines toten Mädchens, reiche Menschen, die von Einwanderern angegriffen werden und andere reißerische und sensationslüsterne Meldungen und Bilder. Frauen in Cocktailkleidern und Männer in Sakkos zeigen uns, wie sich Moralvorstellungen, falsche Empörung und Leichtfertigkeiten durchsetzen. Man könnte sich jahrelang von diesen Inhalten berieseln lassen, ohne auch nur eine einzige wertvolle Lehre fürs Leben daraus zu ziehen.

Diese Sendungen erzeugen Angst und treffen die schwächsten Menschen besonders hart: ältere Menschen, kriminalisierte Gruppen von Ausländern usw. Persönliche Dramen und Tragödien, die für die Bequemlichkeit der Zuschauerzahlen ausgenutzt, ausgequetscht und eliminiert werden.

Nightcrawler

“Nightcrawler” und der Verfall der traditionellen Medien

Die zunehmende Anzahl von Bildschirmgeräten wirkt sich auch auf die Produktion von Inhalten aus: Immer mehr Unternehmen versuchen, ihre Leser zu fesseln und Tag und Nacht anzuziehen. Eigentlich sollten die Medien die Öffentlichkeit informieren, damit sie von ihrem Grundrecht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machen kann. “Nightcrawler” macht jedoch deutlich, dass alles zulässig ist, um Zuschauer zu gewinnen, die nach außergewöhnlichen und grausamen Realitäten dürsten.

Die Nachrichtenchefin Nina, an die Bloom sein Material verkauft, verkörpert besonders reißerische Medien, die ihre Inhalte über verschiedene Kanäle verbreiten. Die Priorität ist dabei der Profit, der durch hohe Einschaltquoten erzielt wird. Nur so ist es möglich, in diesem harten Konkurrenzkampf zu überleben. Nina muss explizite Bilder anbieten, die Gewalt zeigen, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer zu erreichen: “Je blutiger, desto besser.” Sie arbeitet deshalb fast ausschließlich mit Bloom zusammen, der vor nichts zurückschreckt.

Fazit: Bloom zeigt soziopathisches Verhalten, präsentiert sich jedoch als erfolgreicher Kameramann

Der Film endet mit Blooms Worten an seine neuen Mitarbeiter: “Ich werde euch nie bitten, etwas zu tun, was ich nicht selbst tun würde.” Der Hauptdarsteller ist davon überzeugt, dass Erfolg fast alle Mittel rechtfertigt. Warum eine erfolgreiche Gelegenheit ablehnen, wenn sie allen Geld bringt? Das ist das eigentliche Drama des Films: In diesem System ist niemand ganz unschuldig.

Die Polizei kann nicht gegen eine Person vorgehen, die ein eindeutig schädliches, aber nicht strafbares Verhalten an den Tag legt. Am Ende des Films schaut Lou Bloom in einem fast leeren Raum zum Verhör direkt in die Kamera: Er weiß genau, dass er und seine Kamera die Kontrolle bewahren, solange es auf der anderen Seite Zuschauer gibt.

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  • Alcolea, F. R. (2004). Psicología y sociopatía según Michel Foucault. EduPsykhé: Revista de psicología y psicopedagogía3(1), 59-71.