Warum haben wir Angst vor der Stille?

30 Oktober, 2020
Fühlst du dich in der Stille unwohl? Löst sie in dir Gefühle von Einsamkeit und Angst oder schmerzhafte Erinnerungen aus der Vergangenheit aus, die du lieber vermeiden würdest? Dann ist dieser Artikel für dich. Erfahre, wie du die Beziehung zu dir selbst verbessern kannst, wenn du lernst, die Stille anzunehmen.

Du steigst ins Auto und drehst das Radio an. Wenn du nach Hause kommst, schaltest du den Fernseher ein. Und während du unter der Dusche stehst oder dein Geschirr abwäschst, läuft die Musik von deinem Smartphone. So viele Menschen haben Angst vor der Stille. Und diese Angst zeigt sich unzählige Male während des Tages.

Manche Menschen haben beinahe Panik, wenn sie keine Geräusche hören. Wenn du auch zu diesen Menschen gehörst, dann solltest du dir bewusst machen, dass deine Angst vor der Stille dazu führen kann, dass du viele wichtige Gelegenheiten verpasst. Aber wenn du mehr über den Wert der Stille wüsstest, würdest du sie möglicherweise nicht mehr so angestrengt vermeiden wollen.

Wann warst du das letzte Mal in vollkommener Stille? Kannst du dich an das Fehlen jeglicher äußerer und innerer Geräusche erinnern? Für die meisten Menschen ist dies ein Zustand, den sie beinahe unmöglich erreichen und aufrechterhalten können. Aber nicht nur das. Darüber hinaus empfinden viele Menschen diese Stille sogar als bedrohlich und sehr störend. Aber warum ist das so? Gibt es etwas, das du unternehmen kannst?

Angst vor der Stille - Mann am Fenster

Angst vor der Stille

Vielleicht hast du dies bereits an dir selber oder auch an anderen Menschen bemerkt. Sobald du dir darüber bewusst bist, ist sie leicht zu erkennen, diese Angst vor der Stille.

Die meisten Menschen umgeben sich heute mit technischen Geräten, die permanente visuelle und auditorische Reize vermitteln. Und dies nicht nur, wenn du etwas freie Zeit hast und einfach ein wenig Unterhaltung suchst. Du nutzt sie vermutlich auch während beinahe all deiner täglichen Aktivitäten. Externe Geräusche sind präsent, während du kochst, putzt oder trainierst.

Das Gleiche passiert, wenn du Zeit mit deinen Arbeitskollegen, deiner Familie oder Freunden verbringst. Sogar wenn du im Aufzug deinen Nachbarn triffst, wirst du vermutlich eine banale Konversation beginnen, anstatt zu schweigen. Und oftmals hat dabei keiner etwas wirklich Wichtiges zu sagen. Dennoch wirst du vermutlich versuchen, diese befremdliche Stille mit Worten zu füllen.

Obwohl es schon sehr schwer ist, den Außengeräuschen zu entkommen, kann es noch weitaus schwieriger sein, die innere Stimme zum Schweigen zu bringen. Vielleicht liegst du auch manchmal im Bett, in der Stille der Nacht, aber in deinem Kopf rasen Tausende von Gedanken über die Vergangenheit und die Zukunft. Auch das ist ein Mechanismus, um die Stille des Augenblicks zu vermeiden.

Warum hast du Angst vor der Stille?

Du kennst dich selber nicht wirklich

Stille kann beängstigend sein, weil sie auch bedeutet, dass du mit dir selber in Kontakt bist. Du vermeidest die Stille, weil du dich letztendlich selber vermeidest. Das ist die Angst davor, mit jener Seite deiner selbst zu sein, die du nicht sehen möchtest. Mit all den Ängsten und Schmerzen, die du so gut wie es nur geht ignorieren möchtest. Daher ist es auch so beängstigend, wenn du deine eigene Stimme hörst, die dich beinahe anschreit, damit du sie trotz all der Außengeräusche noch wahrnimmst.

Du kennst dich selber nicht, weil du niemals wirklich alleine bist. Du kennst dich selber nicht und du hast auch Angst davor. Wenn die Stille kommt, dann kommt sie in Begleitung all der dunklen Seiten und Schatten, über die du lieber gar nicht nachdenken möchtest. Die Angst, Einsamkeit, Leere und Wut, die an die Oberfläche kommen, wenn Stille einkehrt, sind aber auch ein Teil von dir. Selbst, wenn du sie stets ignoriert hast.

Du bist nicht daran gewöhnt

Dafür bist du gar nicht unbedingt vollkommen selber verantwortlich. Du wurdest in eine Gesellschaft hineingeboren, die dir nicht beibringt, dir selber zuzuhören. Stattdessen wirst du dazu erzogen, beschäftigt zu sein und dich permanent abzulenken.

Selbstkenntnis, Persönlichkeitsentwicklung und Meditation mögen vielen Menschen wie Praktiken erscheinen, die für jene bestimmt sind, die in irgendeiner Weise psychisch beeinträchtigt sind und daher Hilfe benötigen. Allerdings solltest du wissen, dass diese Praktiken in Wahrheit dein Wohlbefinden verbessern können.

Stille ist beinahe ein Tabu und die Gesellschaft lehrt uns, sie als etwas Negatives zu betrachten. Wenn ein Mensch ruhig ist, bedeutet das, dass er wütend, beleidigt, traurig oder geistig abwesend ist. Stille ruft Gefühle von Einsamkeit, Leere, Schüchternheit und Negativität hervor. Allerdings muss all das überhaupt nicht unbedingt so sein.

Angst vor der Stille - Frau mit einem Schmetterling

Praktiziere Stille und Schweigen

Wenn du Stille praktizierst, kann dir das dabei helfen, dich mit deinen Ängsten und Wünschen zu verbinden. Sie erlaubt dir, dich selber kennenzulernen, zu heilen und wieder zu dir selber zu kommen. Das Verweilen in Stille gibt dir die Möglichkeit, neue Wünsche und Meinungen zu entdecken und deine Stärke und innere Stimme wiederzugewinnen. Es gibt nichts Schöneres, als sich selber zu kennen, sich zu akzeptieren, sich zu lieben und zu wissen, wie man bei sich selber bleiben kann.

Nur du kannst diese Leere füllen, deine Wunden heilen und deine Ängste überwinden. Nur du kannst an der Erreichung deiner Ziele und der Verwirklichung deiner Träume arbeiten. Warum hast du dann so große Angst davor, mit dir alleine zu sein? Gib der Stille eine Chance!

  • Le Breton, D. (2006). El silencio. Madrid: Sequitur.
  • Hanh, N. T. (2016). Silencio: el poder de la quietud en un mundo ruidoso. Barcelona, España: Urano.