Wahrnehmung des eigenen Körpers: jenseits der fünf Sinne

5. Mai 2019

Die Wahrnehmung des eigenen Körpers, die in der Fachspprache als Interozeption bezeichnet wird, ist die Fähigkeit, die Reize und Empfindungen zu erkennen, die unser Körper uns sendet. Es ist die Kunst, diese physische Sammlung von Verbindungen zu erleben und zu verstehen. Diese Sammlung umfasst Rezeptoren, Zellen und empfindliche Gewebe, die uns alle eine Reihe von Nachrichten senden. Es handelt sich dabei aber um Nachrichten, die wir häufig verpassen. Um uns dabei zu helfen, sie wahrzunehmen, können wir Praktiken wie Achtsamkeit ausprobieren.

So mancher meint, dass wir dankbar sein sollten, diesen Sinn nicht so gut entwickelt oder perfekt abgestimmt zu haben wie unsere anderen Sinne. Weil es wohl niemandem gefallen würde, zu hören, wie ein Leukozyt einem Keim gegenübertritt, und man auch nicht wissen wolle, wie Darm arbeitet oder wie ein Neuron klingt, wenn es untergeht.

Das Gefühl der Wahrnehmung verstehen

Wir müssen jedoch nicht in diese Extreme gehen, um zu verstehen, was der Sinn der Selbstwahrnehmung leisten kann. Der japanische Psychophysiologe Hirokata Fukushima führte 2011 eine Studie durch, die zeigte, dass diese Art der Wahrnehmung eng mit der Fähigkeit zur Empathie zusammenhängt: Wenn wir uns mit jemandem verbinden, um seine Emotionen, Bedürfnisse oder Anliegen zu verstehen, reagiert unser Körper auf eine sehr spezielle und fast faszinierende Weise. Die affektiven Zustände anderer Menschen erreichen uns wie Reize aus dem eigenen Inneren.

Wenn wir die Geheimnisse der Selbstwahrnehmung verstehen könnten, könnten wir mehr über die Beziehung zwischen Körper und Geist erfahren. Ebenso würde es uns helfen, besser auf unsere mentale Gesundheit zu achten. Wir würden dann verstehen, wie unser Körper uns warnt, dass etwas in uns nicht stimmt.

Nackte Frau in Aquarellfarben

Selbstwahrnehmung in unserem täglichen Leben

Normalerweise widmen wir einen großen Teil unserer Zeit der Selbstpflege. Wir kümmern uns um unsere Hygiene, wir ernähren uns ausgewogen und wir trainieren. Ein gutes Image ist uns auch wichtig. So wählen wir schöne Kleidung, stylen unsere Haare und schminken uns. Wir kümmern uns auch um unsere Haut und achten auf erholsamen Schlaf.

So seltsam es auch scheinen mag, es gibt etwas, das wir in dieser Routine übersehen: Wir hören nicht auf unseren eigenen Körper. Wir ignorieren die Zeichen, die er uns sendet. Er versucht uns zu vermitteln, dass etwas nicht stimmt, und nutzt dazu Spannungen, die sich im Nacken konzentrieren, oder Kopfschmerzen, die wir einfach nicht loswerden können. Diese Symptome können bedeuten, dass unser Geist gestresst ist und unser Körper auf diese Destabilisierung reagiert. Und doch lassen wir ihnen nicht die Aufmerksamkeit zuteilwerden, die sie verdienen. Wir erkennen nicht, was in uns passiert.

Wir sollten dabei im Hinterkopf behalten, dass es grundlegende Prozesse gibt, mit denen unsere Selbstwahrnehmung zu tun hat. Dazu gehören Schmerzen, aber auch Durst, Hunger und Müdigkeit. Dies sind Bedürfnisse, die unser Überleben garantieren. Aus diesem Grund sollten wir uns ihrer sehr bewusst sein. Andere wiederum sind subtiler und werden meist viel später nicht bemerkt.

Eine Frau joggt am Strand.

Auf der anderen Seite neigen Sportler dazu, ein ausgeprägtes Gefühl für den eigenen Körper zu haben. Gute Sportler können erkennen, ob eine Empfindung normal ist oder nicht. Sie können feststellen, ob Muskelschmerzen nur auf Überanstrengung zurückzuführen oder ein Zeichen für Muskelschäden sind. Wenn ersteres zutrifft, sind sie mitunter in der Lage, sich gegen den Schmerz durchzusetzen. Sie tun dies, um das Ziel zu erreichen, das sie sich selbst gesetzt haben, oder um in einem Spiel oder Match das Beste zu geben.

Die Verbindung zwischen Körper und Geist ist eine effektive Allianz, die uns helfen kann, unsere Leistung zu steigern, wenn wir sie am dringendsten benötigen.

Selbstwahrnehmung und der Inselkortex

Die Selbstwahrnehmung ist ein interessantes Forschungsgebiet der Psychophysik und der Psychologie von Emotionen, Lernen und Biofeedback. Es gibt viele Studien zu diesem Thema, die uns helfen, ein wenig tiefer in diesen besonderen und äußerst wichtigen Sinn einzutauchen.

Dank einer Studie, die 2012 in der Zeitschrift Neuropsychology  veröffentlicht wurde, wissen wir, welcher Teil unseres Gehirns diesen Sinn reguliert und alles, was er uns zu sagen versucht. Es ist der Inselkortex, ein tiefliegender Bereich im lateralen Gehirn. Mit seiner Hilfe reguliert das Gehirn unter anderem die Wahrnehmung unserer Emotionen und Körperempfindungen. Der Inselkortex funktioniert wie ein Kontrollzentrum, das die faszinierende Verbindung zwischen Körper und Geist beleuchtet.

Achtsamkeit und Selbstwahrnehmung

Wir haben zu Anfang des Artikels erwähnt, dass eine Möglichkeit, sich unseres Gefühls der Wahrnehmung des eigenen Körpers bewusst zu werden, die Achtsamkeit ist. Diese Praxis ermöglicht es uns, die notwendige Verbindung herzustellen. Wir können vom Körper vermittelte Empfindungen dann intensiv spüren, können unser Bewusstsein, unsere Bedürfnisse und den Einfluss der Umgebung auf unseren Körper besser verstehen.

Eine Gewohnheit, mit der wir in unsere Gesundheit und Lebensqualität z investieren, ist, jedes Signal, das unser Körper uns sendet, zu hören und zu reflektieren. Auf diese Weise können wir Stress viel besser bewältigen. Wir können sogar Anzeichen möglicher Krankheiten identifizieren. Darüber hinaus können wir unsere eigenen Grenzen erkennen und dadurch produktiver werden. Dies wird uns helfen, uns bewusst zu werden, dass wir keine Maschinen sind, sondern eher ein wunderbares, aber filigranes Netzwerk von Rezeptoren, Zellen, Geweben, von Emotionen und Gefühlen.

  • Craig, A. D. (2003). Interoception: The sense of the physiological condition of the body. Current Opinion in Neurobiology. https://doi.org/10.1016/S0959-4388(03)00090-4