Susto: Wenn der Geist den Körper verlässt

11. März 2019

Wenn wir jemanden fragen, was er unter „Schrecken“ versteht, wird er höchstwahrscheinlich sagen, dass das eine Reaktion sei, ähnlich dem Schock. Wenn uns etwas Angst macht, kann es uns schockieren, lähmen oder zu erstaunlichen Reaktionen verleiten. Wir sprechen also von einer Empfindung, die aus der Wahrnehmung einer Bedrohung entsteht.

Wenn wir Wikipedia konsultieren, finden wir dafür die folgende Definition: „Die Schreckreaktion ist eine weitgehend unbewusste Abwehrreaktion auf plötzliche oder bedrohliche Reize, wie z. B. Geräusche, Bilder oder andere Sinneseindrücke, und sie ist mit einem negativen Effekt verbunden.“ Beim Menschen beinhaltet die Reaktion eine körperliche Bewegung weg vom Reiz, eine entsprechende Kontraktion der Arm- und Beinmuskulatur sowie weitere Antworten des sympathischen Nervensystems.

Es ist jedoch nicht diese Art von Schrecken, über die wir in diesem Artikel sprechen wollen. Es gibt kulturell bedingte Versionen des Unbehagens, die für bestimmte Gesellschaften spezifisch sind. Das ist der Typ, auf den wir uns heute beziehen wollen.

Der Schrecken als kulturelles Konzept des Unbehagens

Kulturgebundene Syndrome beziehen sich auf „abnormale Verhaltensmuster und störende Erfahrungen, die sich wiederholen und für einen bestimmten Ort spezifisch sind“. Die Mitglieder der jeweiligen Gesellschaft betrachten dabei einige dieser Muster als Krankheiten oder als Leidensursachen. Sie kennen die meisten von ihnen unter umgangssprachlichen Namen, wie in diesem Fall „Schrecken“, im Spanischen „Susto“. Im Folgenden wollen wir uns den lateinamerikanischen Völkern widmen und deshalb den spanischen Terminus verwenden.

Kulturgebunden Syndrome werden als Krankheiten kategorisiert, die auf bestimmte Gesellschaften oder Kulturen beschränkt sind. Es herrscht also eine weitverbreitete Vertrautheit mit der Krankheit innerhalb der Gemeinschaft, aber nicht außerhalb. Diese Syndrome geben bestimmten Gruppen von Erfahrungen und Beobachtungen eine kohärente Bedeutung, die andernorts schwer nachzuvollziehen wäre.

Portrait einer alten Dame

Susto ist eine kulturelle Erklärung für das Unbehagen und das Unglück, das unter den Latinos in den Vereinigten Staaten weitverbreitet ist. Es trifft auch Menschen aus Mexiko, Mittel- und Südamerika. In der Andenregion kennen die Einheimischen ein ähnliches Syndrom und nennen es „Espanto“. Die karibischen Völker erkennen dieses Konzept hingegen nicht als eine Art Krankheit an.

Was aber ist Susto? Es ist eine Krankheit, die auf ein beängstigendes Ereignis zurückgeführt wird, bei dem der Geist den Körper verlässt. Diese Spaltung erfolgt durch Unglück oder Krankheit sowie durch die Schwierigkeiten, die entstehen, wenn Schlüsselrollen in der Gesellschaft zu spielen sind. Symptome können dabei jederzeit auftreten und lange anhalten, von Tagen bis zu Jahren nach dem schrecklichen Vorfall. Im Extremfall kann Susto zum Tod führen.

Wir können Susto als eine „psychologische Wirkung“ unterschiedlicher Intensität definieren, die sich aus verschiedenen Faktoren ergibt. Unter ihnen finden wir solche übernatürlicher Art sowie andere, die durch Naturphänomene und persönliche Erfahrungen verursacht werden, die zu unerwarteten Ereignissen und Angst führen.

Wie wir sehen können, ist Susto eine Krankheit mit klar kultureller Komponente. Seine Eigenschaften, Symptome und Behandlungen gestalten sich je nach geografischer Region etwas anders.

Was sind die Symptome von Susto?

Es gibt keine spezifischen Symptome, die Susto definieren würden. Die Symptome, die Menschen mit Susto normalerweise erwähnen, sind Apathie, Traurigkeit, geringes Selbstwertgefühl, unzureichender und häufig unterbrochener Schlaf und Appetitlosigkeit. Die körperlichen Symptome, die Susto begleiten, können Blässe, Kopfschmerzen, Muskelschmerzen, kalte Extremitäten, Bauchschmerzen und Durchfall sein.

Die Ereignisse, die es verursachen, sind vielfältig. Zu diesen Ereignissen gehören unter anderem Naturphänomene, Tiere, zwischenmenschliche Situationen und übernatürliche Wesen. Die damit einhergehende intensive Angst, oft als übernatürlich verstanden, kann zu einem „Verlust des Geistes“ führen, der diese Krankheit auslösen mag. Verschiedene Studien führen Fälle von Susto auf Hypoglykämie und unspezifizierte organische Krankheiten zurück. Spezialisten bringen die Kondition aber auch mit generalisierten Angststörungen oder Stress durch soziale Konflikte und ein geringes Selbstwertgefühl in Verbindung.

In einigen Fällen haben die Menschen, die an Susto leiden, die traumatisierenden Ereignisse nicht persönlich erlebt. Patienten können ebenfalls erkranken, wenn andere (meist Familienmitglieder) an Susto leiden.

Ein Mann führt ein Ritual zur Behandlung von Susto durch

Arten von Susto

Bisher wurden drei Arten von Susto identifiziert. Jede von ihnen hat dabei unterschiedliche Verbindungen zu psychiatrischen Diagnosen.

  • Gefühle von Verlust, Verlassenheit und mangelnder Liebe durch Familienmitglieder kennzeichnen das zwischenmenschliche Susto. Die Symptome, die damit einhergehen, sind daher Traurigkeit, ein schlechtes Selbstbild und Selbstmordgedanken. Diese Art ähnelt sehr stark der schweren depressiven Störung.
  • Susto kann auch das Ergebnis eines traumatischen Ereignisses sein. Dieses Ereignis und dessen emotionale Verarbeitung spielt eine grundlegende Rolle bei der Entstehung des Leidens. In diesem Fall ähnelt die Diagnose einer posttraumatischen Belastungsstörung.
  • Auf der anderen Seite gibt es auch das Susto, das wiederkehrende somatische Symptome beinhaltet. So mag der Patient die medizinische Versorgung von mehreren Ärzten suchen. Dieser Fall ähnelt daher einer somatischen Symptomstörung.

Wie wir gesehen haben, hat Susto verschiedene Ursachen. Obwohl wir kein Äquivalent zu dieser Volkskrankheit kennen, ist es eine Erkrankung, die aufgrund ihrer Komplexität oft mit anderen verwechselt wird und sogar verschiedene organische Krankheiten verbergen könnte.