Von der Bürde, der Beste zu sein

1. Juli 2017 en Psychologie 91 Geteilt

Der Beste zu sein ist nicht immer so positiv, wie wir meist denken. Menschen, die etwas besonders gut können, werden manchmal von anderen abweisend behandelt, verspottet oder beschimpft. Das typische Beispiel sind Kinder, die ausgezeichnete Schüler sind, aber statt Bewunderung von Gleichaltrigen zu ernten, werden sie zu Mobbing-Opfern.

Wir haben alle schon erlebt, dass sehr erfolgreiche Menschen von ihrem Umfeld nicht unterstützt werden. Manchmal werden sie beneidet, was ihre Mitmenschen durch Kritik und Verachtung anzeigen. Manchmal werden sie sogar von anderen für deren Zwecke ausgenutzt.

„Gib dich nicht damit ab, besser als deine Zeitgenossen oder deine Vorgänger zu sein. Versuche, besser als du selbst zu sein.“

William Faulkner

Es gab schon viele Männer und Frauen, die auf ihrem Gebiet die Besten waren, aber mit Einsamkeit und Zurückweisung zu kämpfen hatten. Warum geschieht das? Kann man es ändern?

Die Verpflichtungen, die es oft mit sich bringt, der Beste zu sein

Adriana arbeitete in einem Bildungszentrum an einem tollen Projekt für Kinder, die von ihren Eltern verlassen wurden. Sie leistete hervorragende Arbeit und erhielt am Ende ihres ersten Jahres erstaunliche Neuigkeiten: Sie würde in Zukunft auf 30 Kinder mehr aufpassen können: „Du bist die Beste, deshalb sind wir sicher, dass du mit dieser Herausforderung gut klarkommst.“  Aber sie bekam keine Gehaltserhöhung oder irgendeinen anderen Anreiz, der sie für diese Mehrarbeit motiviert hätte. In Wirklichkeit wurde sie also zur Belohnung bestraft, und das passiert im Berufsleben sehr häufig.

Aber auch zu Hause. Kann das ältere Geschwisterkind besser zeichnen, werden die Eltern es mit höherer Wahrscheinlichkeit darum bitten, dem jüngeren Kind beim Zeichnen zu helfen, und dasselbe gilt für Fähigkeiten wie Sprachen oder Mathematik. Wenn das jüngere Geschwisterkind verantwortungsbewusster ist, wird es Zeit seines Lebens mit mit den Aufgaben beauftragt werden, die mehr Verantwortungsbewusstsein erfordern.

Wenn die Besten einmal etwas vergessen, kommen sofort die Beschwerden. Sie müssen immer alles perfekt und rechtzeitig erledigen und als Dank für ihren Einsatz und ihr Durchhaltevermögen werden ihnen nur weitere Forderungen zugetragen.

Zurückweisung, weil man der Beste ist

In der Schule wird mit den besten Schülern ebenfalls auf eine interessante Weise umgegangen. Sie werden von ihren Mitschülern als Streber bezeichnet und ihre Intelligenz wird als eine Schwäche, nicht als eine Stärke betrachtet. Lehrer haben es allerdings auch nicht leicht, die Situation zu entschärfen. Sie möchten den intelligenten Schüler fördern und tragen ihm regelmäßig auf, seinen Mitschülern zu helfen. Wenn er ihnen aber hilft, wird er von denselben nur als nützlicher Trottel betrachtet.

In der Arbeitswelt ist es nichts anderes. Wer am meisten weiß oder kann, muss immer da sein, bereit, allen anderen zu helfen. Ansonsten wird er als unkollegial bezeichnet, diskriminiert oder ausgegrenzt.

Das passiert nicht nur besonders intelligenten oder begabten Menschen, sondern auch denjenigen, die bestimmte Persönlichkeitsmerkmale aufweisen:

  • Personen mit großem Verantwortungsbewusstsein müssen häufig den Großteil der Arbeit in einer Gruppe übernehmen, damit das Team Aufträge fristgerecht erledigen kann.
  • Jene, die am meisten Verständnis für andere haben, müssen bald unzählige Konflikte regeln und ihre Kollegen heulen sich bei ihnen aus.
  • Die Mutigsten müssen all jene Aufgaben übernehmen, die Mut erfordern, als ob sie immun gegen Angst wären.

Und wenn diese Personen die in sie gesetzten Erwartungen nicht erfüllen, werden sie beschuldigt, sich egoistisch zu verhalten.

Gibt es einen Ausweg?

Es ist ohne Zweifel eine Bürde, der Beste zu sein. Wer über bessere Fertigkeiten und Fähigkeiten verfügt, trägt auch mehr Verantwortung. Leider wird das manchmal ausgenutzt, um den Personen, die am meisten wissen, können oder wollen, zusätzliche Lasten aufzubürden.

Einige Menschen, die immer versuchen, hervorragende Leistungen zu bringen und nie eine Herausforderung ablehnen, fühlen sich sogar schuldig, wenn sie den Erwartungen anderer nicht entsprechen. Sie sind davon überzeugt, dass sie die Schwächen und Grenzen anderer ausgleichen müssten, überlasten sich aber schließlich mit Verantwortlichkeiten und verlangen so viel von sich, dass sie an ihren Aufgaben zerbrechen.

Der Ausweg liegt darin, Grenzen zu setzen. Jede Gabe sollte geteilt werden, aber die anderen sind dafür verantwortlich, dass die Gefallen, die man tut, oder die Hilfe, die man leistet, wieder ausgeglichen wird. Es bleibt zu hoffen, dass es nicht nur mehr Verantwortung und Verpflichtungen mit sich bringt, etwas am besten zu können, sondern dass man im Gegenzug auch mit Dankbarkeit und Anerkennung rechnen kann.

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