Vergessen ist schwieriger als sich zu erinnern

22 Juni, 2020
Unangenehme Erfahrungen und peinliche Erlebnisse... Hast du schon einmal versucht, diese aus deinem Gedächtnis zu streichen? Dann wirst du sicherlich wissen, wie schwer das ist. Erfahre heute, warum das so ist.

Vergessen ist schwieriger als uns lieb ist. Aber auch für das Gehirn ist dies keine leichte Aufgabe. So gerne du bestimmte Erfahrungen und Ereignisse vergessen würdest, dein Gehirn besteht darauf, dass du dich an sie erinnerst. Aber warum ist das so? Mit dieser Fragen wollen wir uns heute beschäftigen.

Sicherlich hast auch du schon einmal versucht, eine unangenehme Erinnerung oder ein traumatisches Erlebnis aus deinem Gehirn zu “löschen” und dann bemerkt, dass das wirklich nicht einfach ist. Offensichtlich möchte dieses faszinierende Organ, dass du dich weiterhin erinnerst, weil deine Erinnerungen die Essenz deiner Erfahrungen sind.

Obwohl diese Realität offensichtlich nicht immer erfreulich ist, solltest du wissen, dass im Universum der Neurowissenschaften alles ein Ende hat. Deine Erinnerung repräsentiert, wer du bist. Wenn du also ein Kapitel deines Lebens einfach auslöschen könntest, würdest du aufhören, du selbst zu sein. Letztendlich haben wir alle Licht- und Schattenseiten, erleben Erfolge, begehen Fehler und durchleben Tragödien.

Dennoch fragen sich Wissenschaftler und sehr viele Menschen, warum das so ist. Warum kann das Gehirn nicht gezielt bestimmte Dinge vergessen? Und warum vergessen Menschen manche Ereignisse, während andere Ereignisse immer wieder im Gedächtnis aufblitzen und uns schmerzhafte Erinnerungen bescheren? Vergessen ist schwieriger als sich zu erinnern, aber warum?

Vor kurzem haben Wissenschaftler eine Studie veröffentlicht, die Antworten auf diese Fragen enthüllte.

“Wenn du nicht davon betroffen bist, dann ist es einfach, Dinge zu sagen wie “Die Zeit heilt alle Wunden, auch das wird wieder vorübergehen. Menschen vergessen.” Aber wenn es dich selber betrifft, dann vergeht die Zeit nicht, die Menschen vergessen auch nicht und du befindest dich inmitten einer Situation, die sich nicht verändert.”

-John Steinbeck-

Vergessen ist schwieriger - Gehirn im Wasser

Warum ist es für das Gehirn schwieriger, zu vergessen, als sich zu erinnern?

Die Universität Texas in Austin hat eine Studie durchgeführt, um herauszufinden, warum das Vergessen für das menschliche Gehirn schwieriger ist als die Erinnerung. Obwohl jeder weiß, dass dies regelmäßig geschieht, ist es wichtig zu verstehen, welche neuronalen Mechanismen diese psychologische Realität steuern.

Jarrod Lewis-Peacock, der Hauptautor der Studie und Professor für Psychologie an dieser Universität, hat auf etwas Wichtiges hingewiesen. Das Gehirn löscht permanent Daten und Erfahrungen und dies geschieht fast immer, während du schläfst. Es ist ein unbewusster Prozess, über den du keine Kontrolle hast. Der Grund hierfür ist der, dass das menschliche Gehirn unwichtige und transzendentale Fakten verwirft. Denn das übergeordnete Ziel ist die Verbesserung der Effizienz.

Außerdem konnten Forscher mithilfe der Magnetresonanztomografie beobachten, dass sich die Anstrengung auf drei Hirnregionen konzentriert, wenn ein Mensch versucht, etwas Bestimmtes zu vergessen. Du hast beispielsweise versucht, die Aufmerksamkeit einer Person zu erregen, die du sympathisch findest und diese Bemühungen haben zu einer unglücklichen Situation geführt. Diese Erfahrung fand in allen drei Hirnarealen statt: im präfrontalen Kortex, im ventralen temporalen Kortex und im Hippocampus. 

Vergessen ist schwieriger: Der Grund sind Assoziationen und emotionale Eindrücke

Es gibt neutrale Erinnerungen und solche, die hoch emotional sind. Neurowissenschaftler erklären, dass die meisten Menschen nahezu unverzüglich die visuellen Informationen vergessen, die sie wahrnehmen. Während des Tages vergessen Menschen ungefähr 80 % der Dinge, die sie sehen: die Nummernschilder von Autos, die Gesichter von Menschen, die Farbe der Kleidung anderer Menschen usw.

Wenn es jedoch etwas gibt, das Vergessen beinahe unmöglich macht, dann sind dies alle Erlebnisse und Fakten, die eine emotionale Reaktion in dir hinterlassen haben. Wenn dich etwas verängstigt, beschämt oder fröhlich gemacht hat, dann wird dir dieses Ereignis länger im Gedächtnis bleiben, da dein Gehirn es als bedeutsam erachtet.

Darüber hinaus gibt es noch eine weitere bemerkenswerte Tatsache. Viele unserer Erinnerungen sind so lebendig, weil sie durch Assoziationen entstehen. Wenn du etwas Wichtiges erlebst, führt dein Gehirn Bilder, Gerüche, Geräusche und deine eigenen Eindrücke in Bezug auf vergangene Ereignisse zusammen. Dadurch verfestigen sich bestimmte Erinnerungen noch mehr.

Vergessen ist schwieriger - Gehirn aus Zahnrädern

Deine Erinnerungen – angenehme und unangenehme – definieren, wer du bist

Jede Erfahrung, jede Empfindung, jeder Gedanke, jede Gewohnheit und jede Emotion führt zu einer Veränderung in deinem Gehirn. Auf diese Weise wird eine Verbindung hergestellt und dein Gehirn ordnet sie entweder neu oder modifiziert sie. Vergessen ist schwieriger als sich zu erinnern, weil du auch diese Verbindung, diese zerebrale Synapse, löschen musst, wenn du ein Fragment deiner Vergangenheit auslöschen willst.

In gewisser Weise bereitet jede Erfahrung – angenehm und unangenehm – dein Gehirn auf künftige Erfahrungen vor. Und all diese Synapsen und Veränderungen, die in deinem Gehirn durch jede gefühlte und erlebte Tatsache entstehen, bilden die zerebrale Anatomie, die dich definiert.

Vergessen ist schwieriger, aber unter gewissen Umständen möglich

In der oben zitierten Studie liegt der Fokus auf einem kuriosen Detail. Absichtliches Vergessen ist in bestimmten Fällen möglich.

Laut dieser Studie kannst du eine Erfahrung oder ein Erlebnis vergessen, wenn du eine moderate Gehirnaktivität “erzeugst”. Aber was bedeutet das?

  • Wenn du einer Tatsache nicht übermäßig viel Bedeutung beimisst (beispielsweise, wenn du einen Fehler in der Öffentlichkeit begehst), dann wird es leichter für dich sein, dieses Ereignis zu vergessen.
  • Außerdem ist es hilfreich, wenn du die emotionalen Auswirkungen, die dieses Erlebnis auf dich hat, reduzierst und nicht allzu lange darüber nachdenkst. Denn auch dann ist es für diese Erinnerung einfacher, dein Gehirn wieder zu “verlassen”.
  • Eine moderate Gehirnaktivität ist der Schlüssel zum Vergessen.

Wenn eine Situation dich stark emotional berührt und deine Gedanken permanent um dieses Ereignis kreisen, welches du vergessen möchtest, dann wirst du es mit absoluter Sicherheit nicht vergessen.

Es scheint beinahe absurd, aber genauso funktioniert dein Gehirn. Daraus kannst du eine ganz einfache Schlussfolgerung ziehen: Vergessen löst nicht alle Probleme.

Letztendlich bestehst du aus deinen Erfolgen und deinen Fehlern. Daher ist jeder Verlust, jeder Fehler und jede Enttäuschung ein Teil deiner menschlichen Reise.

  • Tracy H. Wang, Katerina Placek, Jarrod A. Lewis-Peacock. More is less: increased processing of unwanted memories facilitates forgetting. The Journal of Neuroscience, 2019; 2033-18 DOI: 10.1523/JNEUROSCI.2033-18.2019