Was verbirgt sich hinter der Stille?

26. Januar 2016 en Psychologie 1 Geteilt

„Es gibt nur wenige Dinge, so ohrenbetäubend wie die Stille.“

Mario Benedetti

Was versteckt sich hinter der Stille? Verwirrung, Wahrheiten, Wortspiele, Hoffnungen, Träume, Lügen, Geheimnisse, Sorgen, Ängste, Ausreden, Phantasie oder vielleicht nichts Besonderes. Alles, was unser Geist denken, aber nicht sagen kann, ist das, was wir verschweigen.

Wir fassen pro Tag etwa 70.000 Gedanken, und zwischen diesem ganzen Gewirr wählen wir die aus, die uns tatsächlich relevant erscheinen. Es ist diese unglaubliche Fähigkeit unseres Geistes, die es uns ermöglicht, wunderbare Geschichten zu erschaffen, und auch dieselbe, die uns verletzlich macht.

Welche Gedanken wählst du? Oder vielmehr, sind sie wirklich alle relevant?

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Die Stille und Gedanken

Wenn wir denken, schweigen wir die meiste Zeit auf der externen Ebene, aber intern hören wir das kontinuierliche Geräusch unserer Gedanken. Darunter auch die automatischen Gedanken: die, die wir zum Interpretieren und schnellen Erklären unserer alltäglichen Situationen haben.

Es sind jene Sätze der inneren Stimme, die uns eine Erklärung zu dem geben, was im Äußeren gerade stattfindet, und auch womit wir die Handlungen der anderen interpretieren, sogar dafür, wie wir selbst sind. Es handelt sich um Sätze, die uns schnell in den Sinn kommen, und in den meisten Fällen fragen wir uns nicht, ob sie wirklich eine reale Grundlage haben oder ob es sich um simple Spekulationen handelt, für die wir nicht einmal ausreichend Anhaltspunkte haben und die eigentlich auf nichts basieren.

Man könnte vermuten, dass diese weniger „entwickelt“ wurden (ihnen kaum etwas zugrunde liegt), aber in Wirklichkeit basieren sie auf unserer tieferen Weltansicht: den Vorstellungen in unserem Unterbewusstsein. Diese Vorstellungen sind die Überzeugungen und Regeln, mit denen wir die Werte etablieren, die wir während des gesamten Lebens formen. Sie werden durch unsere Lebenserfahrungen gebildet. Auf sie und auf der Erziehung, die wir erhalten haben, stützen sich all die Gedanken, die wir zu dem haben, was wir sehen.

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Wie interpretieren wir das Schweigen der anderen?

Wir fügen unsere eigenen Spekulationen und Annahmen – also unsere eigenen Gedanken – hinzu. Wir sind es gewohnt, uns alles irgendwie zu erklären, und Ungewissheit, das, was unserer Kontrolle entgeht, ist uns eher unangenehm.

Wir können nur einen Teil der Realität wirklich sehen und „füllen“ die verbliebene Leere nach unseren eigenen Vorstellungen und Annahmen, wie die Welt sein sollte, zum Beispiel mit Gedanken wie: „Wenn er schweigt, dann weil er etwas Schlimmes verheimlicht“, oder, „wer schweigt, stimmt zu.“  Wenn wir solche Sätze konstant annehmen, ohne unterstützende Anhaltspunkte zu haben, werden wir uns mit Wahrscheinlichkeit täuschen.

Wir sind keine Gedankenleser, und auch Psychologen können unsere Vorstellungen nicht erraten. Entweder verlassen wir uns auf Daten, die bestätigen können, dass das, was wir denken, sich in der Realität widerspiegelt, oder im Gegenteil, auf irrationale Überzeugungen, die uns ein schlechtes Gefühl geben, oder dazu führen, dass wir andere mit den Vorsätzen, die sie angeblich haben, beschuldigen.

Es ist schwieriger, mit dem Schweigen umzugehen als mit Worten.

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Sicherlich ist es besser, wenn uns der andere selbst seine Gedanken mitteilt, und wir sollten ihn respektieren, wenn er nicht alles mit uns teilen möchte. Jeder hat das Recht auf Privatsphäre. Das Verschweigen (auch aus Angst) von Information jedoch wirkt sich auf die freie Wahl des Betroffenen aus und ist eine Art, Schaden zuzufügen. Untreue zum Beispiel.

Im Falle, dass du die Person bist, die lieber schweigt, versichere dich, dass du keine für jemanden wichtigen Informationen vorenthältst. Es gibt einige Dinge, die wir besser sagen, auch wenn es nicht einfach ist, darüber zu reden. Vor allem wenn die Angelegenheit eine geliebte Person betrifft und unsere Geheimnisse ihre Freiheit einschränken, sollten wir fair und bedacht handeln.

Wenn sie unser Geheimnis schließlich irgendwann durch eine dritte Person oder veränderte Lebensumstände erfährt, dann ist der Schlag und das Problem in der Beziehung noch viel schlimmer.

Worte haben eine unglaubliche Macht,
aber die Stille ebenso.

Wir können das Schweigen nicht als Bestätigung der Wahrheit ansehen. Letztendlich interpretieren wir nur die Wirklichkeit. Unsere Wirklichkeit, welche sich von der anderer Personen unterscheidet.

Ja, Stille kann sehr wehtun. Aber es kann auch sein, dass sie nichts Wichtiges verbirgt, nur Einbildung, bis ins Unendliche.

Also mein Sohn, die Stille…
ist eine pulsierende Stille,
eine Stille, die die Stirn zum Boden neigt,
und in der es

Täler und Echos gibt.

Federico García Lorca

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