Der Karren der Gefühle

27. Oktober 2015 en Bücher 145 Geteilt

Ein kleines Mädchen lief an der Seite ihres Vaters, als dieser plötzlich an der Kurve eines Weges anhielt.

Nach einer kurzen Zeit der Stille fragte er sie:

„Was hörst du mein Kind?“

Das Mädchen spitzte seine Ohren. Einige Sekunden später antwortete sie:

„Papa ich höre den Lärm eines Karren, der sich uns nähert.“

„Sehr gut“, antwortete ihr Vater. „Du hast recht. Wir laufen einem leeren Karren entgegen.“

Sie fragte ihn erstaunt:

„Wie kannst du wissen, dass der Karren leer ist?“

Und der Vater entgegnete ihr:

„Wegen der Geräusche, die er verursacht, ist es sehr einfach zu wissen, ob er beladen ist oder nicht.“ „Je weniger sich im Karren befindet, desto mehr Lärm macht er.“

Das Mädchen wurde erwachsen und immer, wenn sie auf jemanden traf, der damit prahlte, was er doch alles besitze, überkam sie das Gefühl, dass sie die Stimme ihres Vaters sagen hörte:

„Je weniger sich im Karren befindet, desto mehr Lärm macht er.“

                                                                                                                                                              (Volksmärchen)

Jetzt versuche, dir den Karren vorzustellen.

Man würde meinen, dass der Karren umso schöner und malerischer erscheint, je weniger sich in ihm befindet.

Ich stelle ihn mir mit großen klingenden Schellen in prächtigen Farben vor, und unglaublich sauber, ohne ein einziges Staubkörnchen oder Dreck an den Rädern. Als ob man vergessen hätte, wofür er dient, für welchen Zweck er gebaut wurde. Ich sehe ihn ganz anmutig und laut mit seinen Schellen läutend auf dem Weg stehen. Und er ist sehr laut.

Mit den Menschen ist es das Gleiche. Umso leerer ihr Inneres, desto lauter geben sie sich, als wären sie Schellen, die man schon aus der Ferne hören kann.

Menschen mit einer leeren Seele, die also keinen „seelischen“ Reichtum besitzen, vertuschen diesen Mangel mit leeren Reden. Sie füllen diese Leere mit materiellen Dingen und verschwenden ihre Zeit mit banalen Sachen, weil sie sich dadurch wertvoll fühlen.

Sie teilen dir mit, woher sie kommen, so wie der siebte Mann einer Kavallerie, da seine größte Angst darin besteht, anwesend zu sein und von uns nicht bemerkt zu werden.

Es kann sein, dass sein Karren so leer ist, dass er ihn mit deinen seelischen Reichtümern beladen will. Und dieser Raub an Energie ist zwar sehr subtil, kann aber die Eigenschaften und Gefühle, mit denen dein Karren beladen ist, stark zerstören.

Schütze dich selbst vor Menschen, die sich an dir bereichern wollen. Lerne solch toxische Beziehungen zu erkennen. Erkenne sie an der Lautstärke, so wie der Vater in dem Volksmärchen. Das Gleichgewicht zu bewahren ist das A und O.

Wenn wir vom Grundgedanken ausgehen, dass wir keinen leeren Karren möchten, dann ist der nächste Schritt die Überlegung, womit wir ihn füllen wollen. Aber hier ist Vorsicht geboten! Denn wenn wir ihn überladen, wird der Druck auf die Achsen zu groß und er geht kaputt.

Nur du kannst entscheiden, womit du deinen Karren befüllen möchtest, aber denke daran, dass in der Harmonie des Ganzen der Erfolg liegt.

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Belade ihn nicht zu sehr, du brauchst auch noch Platz. Packe die richtigen und nötigen Emotionen auf ihn. Im Gleichgewicht liegt das Wohlbefinden.

Vergiss nicht, deinen Karren mit Liebe, Freude, Traurigkeit, Begeisterung und Schmerz zu beladen. Die Grundgefühle sind am wichtigsten. Denn ohne sie können alle anderen nicht existieren. Um eine von ihnen zu entwickeln, benötigst du die Hilfe der anderen vier.

-Liebe, um zu wachsen

-Freude, um sie zu teilen

-Traurigkeit, um die Freude schätzen zu lernen

-Begeisterung, um dich selbst zu erfinden

-Schmerz, um weiterzumachen

Die Grundgefühle allein wiegen schon sehr viel. Somit wird sich der Lärm deines Karren erheblich verringern.

Pass auf, dass du keine negativen Emotionen, wie z.B. Eifersucht, Neid oder Groll, auf deinen Karren packst. Die Präsenz dieser Gefühle wird die Wirklichkeit deiner richtigen Gefühle verfälschen. Wenn du Gewicht verlieren willst, dann zögere nicht lange und befreie dich von ihnen.

Das Wichtigste aber ist: bleibe immer bescheiden. Die Bescheidenheit macht den Unterschied zwischen einem vollen und einem leeren und ohrenbetäubend lauten Karren. Lasse niemals zu, dass der Hochmut ein großes Loch in deinen Karren reißt, denn die Bescheidenheit erschafft Dinge, doch der Hochmut zerstört sie.

Lade dir keine 15 Freunde auf, sondern einen einzigen Menschen, den du magst, der so wertvoll wie 20 Freunde ist. Jemand, der dir stets treu zur Seite steht, um diese Liebe, Freude und Begeisterung zu erfahren und dir in Stunden der Traurigkeit und des Schmerzes seine Hand reicht. Verschwende keinen Platz auf deinem Karren.

Die Trophäen und Medaillen, die du gewonnen hast … schmeiß sie raus. Befreie dich davon. Denke daran, dass dich zu viel Gewicht zum Stolpern bringen und dich sogar von deinem Weg abkommen lassen kann.

Die wahren Erfolge trägst du im Herzen. Also trenne dich von materiellen Dingen.

Nur so ist dein Karren mit den wirklich wichtigen Dingen gefüllt. Wenn du dann so leise bist, kann es sein, dass dich eine mysteriöse Aura umgibt und andere Weggefährten herausfinden möchten, was das ist, das du so leise in deinem Inneren versteckt hältst – welcher Schatz mag das wohl sein?

Deine Geheimnisse zu erkunden ist die wahre Bescheidenheit. Paradoxerweise ist dein Karren dann der schönste von allen.

Lebe nicht so, dass es deine Mitmenschen bemerken, sondern so, dass sie auf deine „Stille“ aufmerksam werden.

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