Unsere Fähigkeit, das Ungesagte zu hören

· 20. Januar 2016

„Es war zu Beginn des Vietnam-Krieges, als die Soldaten einer US-Truppe während einer Schießerei mit dem Vietcong inmitten eines Reisfeldes hockten. Plötzlich ging eine Reihe von sechs Mönchen zu Fuß entlang der kleinen Hügel, die ein Reisfeld vom anderen trennten. Mit Ruhe und perfekter Haltung gingen sie direkt in Richtung der Schusslinie. Sie schauten nicht nach rechts und nicht nach links. Sie gingen geradeaus. Es war wirklich seltsam, denn niemand erschoss sie. Und nachdem sie über die Hügel gegangen waren, verließ mich plötzlich der Wunsch zu kämpfen. Ich hatte keine Lust mehr, weiterzumachen, zumindest nicht an diesem Tag. Es muss für alle so gewesen sein, denn keiner wollte weiterkämpfen. Wir haben einfach aufgehört.“

Ein US-amerikanischer Soldat

Die Macht des gefassten Mutes der Mönche, um die Soldaten in der Hitze des Gefechts zu beschwichtigen, zeigt ein Grundprinzip des sozialen Lebens: Emotionen sind ansteckend.

Stellen wir uns eine Kaffeerunde mit Freunden vor, plötzlich fängt einer an zu lachen und kann nicht mehr aufhören. Dann fangen auch die anderen an, ohne zu wissen, worüber eigentlich gelacht wird. Das nennt man ansteckendes Lachen.

Hier noch ein anderes interessantes Beispiel: In einem vollen Kindergarten fängt ein Kind plötzlich an, untröstlich zu weinen. Die anderen Kinder schauen es an und fangen fast unmittelbar auch an zu weinen, als würde es sich um eine Einladung zu einem Trauerfest handeln.

Wir übermitteln und begreifen unsere Stimmungen auf eine wahrhaft magische Art und Weise. Emotionen sind ansteckend, und in der Tat kann sich unser emotionaler Zustand erstaunlich schnell ändern. Wir führen immer einen emotionalen Austausch durch, bewusst oder unbewusst, und in unterschiedlichem Ausmaß. Am häufigsten jedoch geschieht die emotionale Kommunikation auf der subtilen Ebene, also unbewusst.

Darüber hinaus nehmen wir Menschen mit der Fähigkeit, ihre Emotionen zu modulieren, als angenehm wahr. Es sind jene Personen, bei denen wir uns nur durch ihren lächelnden Gruß gut und behaglich fühlen.

Es gibt Hinweise darauf, dass wir beim Kontakt mit anderen Personen nicht nur die Emotionen unseres Gegenübers wahrnehmen, sondern dass sogar unsere Muskeln dazu tendieren, eine ähnliche Haltung wie die unseres Partners einzunehmen. Beim Gespräch mit einer lächelnden Person neigen wir auch dazu, zu lächeln.

Dies bedeutet mehr als nur die Nachahmung einer Geste, denn es handelt sich um eine emotionale Annäherung, die sich, je nach Sensibilität der jeweiligen Personen, in unterschiedlichem Maße ausdrückt.

Dem Psychologen John Cacioppo zufolge ist es so, dass wir unabhängig davon, ob wir die Mimik des Gegenübers verstehen oder nicht, einen ähnlichen Status produzieren, weil wir unbewusst versuchen, uns anzunähern, und deshalb mit synchronisieren oder unsere Stimmung auf eine Stufe stellen.

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Sicherlich geht es letztendlich um die Zusammensetzung der Melodie, die sie harmonisch macht – abhängig davon, wie wir unsere Bewegungen anpassen, wie wir uns nähern oder entfernen, und wie wir unsere Position anpassen.

Das heißt, umso mehr Anpassung stattfindet, desto mehr Verbundenheit gibt es, sowohl für den Ausdruck, als auch zum Empfang von positiven oder negativen Geisteszuständen. Wenn zum Beispiel unser Partner in der Beziehung einige Wochen traurig oder gereizt ist, werden wir uns sicherlich irgendwann ähnlich fühlen, unabhängig von unserem eigenen gefühlsmäßigen Ausgangszustand.

Darüber hinaus gilt, dass bei engerer Verbindung zwischen zwei Menschen mehr Synchronie zwischen ihnen besteht. Also hat dieses Phänomen viel mit der existierenden Beziehung zwischen zwei Menschen zu tun. Forscher wie Cacioppo bleiben davon überzeugt, dass einer der Faktoren, die die Wirksamkeit und den Erfolg unserer Beziehungen bestimmen, die Geschicklichkeit, uns auf den Gegenüber einzustellen, ist.

In der Tat sind die Personen, die wir als stark wahrnehmen, Menschen mit der Fähigkeit, die Stimmungen anderer zu identifizieren oder zu verändern. Wenn einer es schafft, jemanden zu motivieren, dann funktioniert es, weil die Motivationsperson den Kommunikationston gut anpasst.

Die Tatsache, dass wir auf unsichtbare Weise so verbunden sind, ist wahrlich immer wieder erstaunlich, und es scheint, dass die Wissenschaft immer mehr Hinweise darauf findet. Seit einigen Jahren belaufen sich die Erklärungen für solche Phänomene auf die sogenannten Spiegelneuronen im Gehirn. Diese Neuronen sind Gehirnzellen, deren Aufgabe es ist, die Aktivität, die wir gerade wahrnehmen, zu reflektieren. Zum Beispiel sind diese auch schuld daran, dass wir auch gähnen, wenn das jemand anderes vor uns tut.

Um es mit den Worten von Peter F. Druncker zu sagen:

„Die wahren Zuhörer können sogar hören, was nicht gesagt wird. Die größte Kommunikationsgabe ist es, das Ungesagte zu verstehen.“