Unsere alte Bekannte, die Wut

· 6. Januar 2019

Wut ist diese alte Bekannte, die wir alle kennen und die dazu in der Lage ist, innerhalb von wenigen Sekunden einen anderen Menschen aus uns zu machen. Deshalb ist es auch nicht einfach, etwas gegen unsere Wut zu tun. Manche Menschen drücken dieses Gefühl so aus, wie sie es fühlen, andere unterdrücken es oder verstecken es hinter netten Worten. Es gibt sogar Menschen, die daraus ein angenehmeres Gefühl machen. Wut ist ein komplexes Gefühl, über das wir tiefgründig reflektieren sollten.

Viele von uns waren sicherlich schon einmal überrascht darüber, dass sie auf einmal laut geworden sind, oder haben wegen etwas überreagiert, das eigentlich nichts Bedeutendes war. Andere Male sind wir mit Sicherheit auch von unseren Eltern, unserem Vorgesetzten, unserem Partner oder Freunden für etwas gerügt worden, das wir nicht richtig gemacht haben. Doch was steckt eigentlich hinter unserer Wut?

Seit Jahren höre ich Freunde und Bekannte die Überzeugung verteidigen, dass es positiv sei, seine Wut auszudrücken und dass wir alle unsere Gefühle nach außen tragen sollten, um in unserem Inneren wieder Ruhe zu finden. Aber stimmt das wirklich? Sollten wir unserem Gegenüber das Erste, was uns durch den Kopf schießt, auf irgendeine Art und Weise vor den Latz knallen?

Um diese Emotionen etwas besser zu verstehen, möchten wir hinter die Fassade der Wut schauen, weil nicht alles so ist, wie es scheint.

Was ist Wut?

Im Allgemeinen empfinden wir Wut, wenn wir glauben, dass jemand unsere Person absichtlich verletzt. Wir haben das Gefühl, wir würden gedemütigt werden. Es geht also nicht nur darum, etwas nicht erreicht zu haben, was wir uns vorgenommen haben. Auch eine Beleidigung oder ein Angriff sind Auslöser dafür, dass wir diese Emotion verspüren.

Ebenfalls kann Wut in uns aufkommen, wenn wir soziale Ungerechtigkeiten beobachten. Wenn wir die Straße hinuntergehen und sehen, wie eine Mutter oder ein Vater sein Kind misshandelt, kann uns das wütend und fassungslos machen. Hier geht es um eine Verletzung unserer Werte.

„Jeder kann wütend werden – das ist einfach. Aber auf die richtige Person, im richtigen Ausmaß, am richtigen Ort, zur richtigen Zeit, aus dem richtigen Grund und auf die richtige Art und Weise wütend zu werden – das kann nicht jeder und es ist nicht einfach.“

Aristoteles

Wütendes Paar schreit sich an

Viele unserer Leser denken jetzt vielleicht: Ich kenne Menschen, die sehr wütend werden, wenn der Drucker streikt.  Und ja, da haben sie recht. Auch wenn es unglaublich erscheint, findet auch in diesem Fall eine gewisse Demütigung statt. Wie kommt das? Es gibt Menschen, die so negativ eingestellt sind, dass vieles von dem, was in ihrem Leben passiert, von ihnen als Angriff interpretiert wird, ganz gleich, woher dieser Angriff kommt. Wenn der Drucker nicht mitspielt, könnte der Gedanke einer solchen Person sein: Das Leben lacht über mich, indem es dafür sorgt, dass der Drucker jetzt nicht mehr funktioniert.

Anhand dieses Beispiels erkennen wir, dass es nicht notwendig ist, dass ein physischer und externer Faktor uns erniedrigt, sondern dass die scheinbare Intentionalität von etwas Fremdem bereits ausreicht, um wütend zu werden. Dieser Aspekt hat eine besondere Bedeutung, weil er uns dazu bringt, uns auf uns selbst zu konzentrieren: Sind wir von anderen oder von uns selbst genervt?

Unsere Wut und unser Ego

Immer dann, wenn wir mit Wut reagieren, versuchen wir in gewisser Weise, unser Selbstwertgefühl zu bewahren oder zu steigern. Falls wir also das Gefühl haben, dass unser Ego in Gefahr sei, können wir auf diese Situation wütend reagieren.

Oft reagieren wir wütend, wenn wir Auto fahren und jemand wegen uns hupt, weil wir das so interpretieren, dass man uns beschuldige, uns falsch zu verhalten. Dann fühlen wir uns in unserer Würde bedroht, da uns vermittelt wird, dass unsere Art zu sein und zu handeln falsch sei.

Der griechische Philosoph Aristoteles verteidigte die Theorie, dass „nur ein Sklave der Feigheit würdig ist, wütend auf eine Beleidigung zu reagieren und zuzulassen, dass geliebte Menschen ungestraft angegriffen werden“.  Aus dieser Aussage ergibt sich eine Frage, die der Reflexion würdig ist: Lohnt es sich, wütend auf eine Beleidigung zu reagieren? Manchmal investieren wir zu viel Energie in Aufgaben, die so gut wie keinen Aufwand erfordern.

Einmal kamen Buddhas Lehrlinge zu ihm und fragten ihn besorgt: „Meister, wohin wir auch gehen, lacht man uns aus und beleidigt uns. Wie ist es möglich, dass dir das überhaupt nichts ausmacht?“  Darauf antwortete Buddha: „Die Beleidigungen mögen von ihnen ausgehen, aber sie werden niemals bei mir ankommen.“  Diese wertvolle Lehre Buddhas steht im Gegensatz zur aristotelischen Argumentation der Feigheit. Bei ersterem steht das Leiden im Vordergrund, bei letzterem Frieden und Gelassenheit. Wofür entscheidest du dich?

Unsere Wut und unser Verhalten

Wenn wir uns angegriffen fühlen, reagieren wir darauf mit physiologischer Aktivierung. Außerdem neigen wir dazu, jene Person anzugreifen, die wir für den Schmerz verantwortlich halten. Dieser Angriff kann sowohl physischer als auch verbaler Natur sein. Unsere Reaktion hängt davon ab, wie wir die Situation interpretieren und kontrollieren.

Wenn zum Beispiel jemand, von dem wir glauben, dass er uns beleidigt habe, unser Vorgesetzter ist, kann der Weg, unsere Wut auszudrücken, darin bestehen, weniger effizient bei unserer Arbeit zu sein. Wir wissen, dass die Folgen noch schlimmer sein würden, wenn wir aggressiv reagierten. Wir könnten beispielsweise entlassen werden. In Situationen, in denen wir einen Teil unseres Lebens gefährden könnten, entscheiden wir uns demnach für indirektere Verhaltensweisen.

Sobald wir all unsere Wut auf jemanden projiziert haben, macht sich normalerweise ein Gefühl von Schuld breit. Wenn wir über jene Situation nachdenken, fühlen wir uns oft schuldig, weil wir erkennen, dass wir zu weit gegangen sind. Auf diese Weise bezwecken unsere Schuldgefühle, dass wir hinterfragen, ob unsere Reaktion angemessen war.

Zu guter Letzt möchten wir noch auf jenen Typ Mensch eingehen, der immer wütend zu sein scheint. In diesem Fall könnte man von einer wütenden Persönlichkeit sprechen. Das bedeutet, dass diese Menschen ihre Wut zu einer Lebensweise gemacht haben. Ihre mentalen Muster sind so programmiert, dass sie nicht anders als auf diese Weise reagieren können. Diesbezüglich gibt es verschiedene Fragebögen und Tests zur Messung der Wut, wie z. B. das STAXI-2, das State-Trait Anger Expression Inventory 2. Das State-Trait-Ärgerausdrucks-Inventar 2 ist die deutschsprachige Adaptation des STAXI-2 von Charles D. Spielberger.

Mann haut gegen eine Wand

Wie können wir unsere Wut kontrollieren?

Um unsere Wut zu dämpfen, gibt es nichts Besseres, als zuerst ein paar dir tiefe Atemzüge zu nehmen. Gleichzeitig sollten wir darüber nachdenken, ob jene Personen, die wir für unseren Gemütszustand beschuldigen wollen, tatsächlich die Absicht hatte, uns anzugreifen.

Oftmals reagieren wir so, weil wir zu hohe Erwartungen haben. Vielleicht weil wir einen schlechten Tag hatten und uns alles emotional aufwühlt. Deshalb sollten wir verstehen, oder zumindest die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass unsere Mitmenschen auch schlechte Tage haben können. Das hilft uns dabei, ihre Reaktionsweisen zu verstehen und sie uns nicht so sehr zu Herzen zu nehmen.

Wenn uns unser Chef für etwas rügt, dass wir getan haben, hat er vielleicht auf dieselbe Weise auch mit einem anderen Mitarbeiter gesprochen. Deshalb sollten wir seine Kritik nicht persönlich nehmen, sondern als eine Reaktionsweise eines anderen Menschen verstehen, die an uns ausgelassen wurde.

Auch wenn es den Anschein hat, dass andere über unsere emotionalen Zustände bestimmen könnten, liegt es doch in unseren Händen, wie wir mit unserer Wut umgehen. Wir selbst entscheiden, ob wir verärgert sind oder nicht. Etwas so Wertvolles, wie unser Glück, fremdbestimmen zu lassen, ist zweifellos ein zu hoher Preis, den wir zahlen.

Zum Schluss wir dich noch dazu einladen, dich angesichts einer Beleidigung als aktiver Akteur zu sehen und nicht als passives Wesen, das einfach nur reagiert. Es liegt in deiner Macht, was du daraus machst.