Unserem Schmerz zu begegnen und ihn zu überwinden, macht uns stärker

· 9. November 2018

Schmerzen sind Teil unserer Existenz. Von dem Moment an, in dem wir geboren werden, sind wir der Unbeständigkeit ausgesetzt, die das Leben mit sich bringt, sowie der Frustration, die aus der Unzufriedenheit entsteht, das unsere Wünsche nicht immer erfüllt werden. Daher ist es wichtig zu wissen, wie wir mit Schmerzen umgehen und sie überwinden können, um uns in einem Rahmen zu bewegen, in dem das Ausmaß des Leidens akzeptabel bleibt.

In erster Linie müssen wir zwischen Schmerz, Traurigkeit und Melancholie unterscheiden. Diese Unterscheidung ist wichtig, da diese Begriffe umgangssprachlich oft als Synonyme verwendet werden, obwohl sie nicht gleichbedeutend sind.

„Traurigkeit umfasst viele Zustände, in denen psychische Schmerzen durch die Bedeutung einer bestimmten Situation für das Subjekt ausgelöst werden.“

Hugo Bleichmar

Stimmt es uns traurig oder melancholisch, wenn wir unserem Schmerz begegnen?

Zu wissen, wie wir unserem Schmerzen begegnen sollen, ist entscheidend, um wieder nach vorn schauen zu können.

Sigmund Freud, Vater der Psychoanalyse, verwies auf wichtige Unterschiede zwischen den Konzepten. Denn obwohl sie einander ähneln, oder ihnen zumindest das kollektive Imaginäre gleichkommt, sind sie doch verschieden. Vor allem in seinem Meisterwerk Trauer und Melancholie  versucht der Wissenschaftler, die Punkte auszuführen, in denen sich beide Konzepte unterscheiden.

So erklärte Freud wörtlich: „Trauer ist die Reaktion auf den Verlust einer geliebten Person oder einer Abstraktion, die als Ideal, Freiheit usw. fungierte. Identische Einflüsse lösen bei vielen Menschen aber Melancholie statt Trauer aus.“

In gewisser Weise versicherte Freud, dass Trauer eine Gemütsbewegung sei, die nicht pathologisch sein müsse und unter der das Subjekt leide, das ein geliebtes Objekt verloren habe. Allerdings sei Trauer ein Gefühl, das auf ganz normale Parameter reagiere. Melancholie hingegen hänge eher mit etwas Pathologischem zusammen.

Traurige Frau legt ihre Hand an Fensterscheibe

Beide psychische Prozesse würden ähnliche Merkmale aufweisen, mit Ausnahme eines grundlegenden Punktes. Bei beiden Zuständen werde Schmerz empfunden, das Interesse an der Außenwelt fehle und man sei nicht offen für ein neues Objekt der Liebe. Bei Melancholie trete jedoch eine Störung des Schmerzgefühls auf, die das eigene Ich beeinträchtige, was bei gesunder Trauer nicht geschehe und die eigene Integrität verarmen lasse.

Unserem Schmerz zu begegnen ermöglicht uns, uns ganzheitlich kennenzulernen

Das emotionale Leben ist direkt mit der menschlichen Psyche verbunden. Somit wirkt es sich direkt oder indirekt auf das körperliche oder biologische Wohlbefinden aus. In der Regel unterschätzt die heutige Gesellschaft, und insbesondere das Individuum, die Bedeutung von Emotionen.

Sobald ein Mensch ein Symptom, wie Schlaflosigkeit oder Depressionen aufweist, will er, dass das Symptom wie von Geisterhand verschwindet, und greift dafür auf ein Medikament zurück, das ihm sein Leben erleichtern soll. Es ist jedoch sehr schwierig, solche Symptome dauerhaft verschwinden zu lassen, wenn eine ganzheitliche psychoanalytische Arbeit ausbleibt.

Gerade die Medizin, genauer gesagt die Psychiatrie, bestärkt die Verhaltenstheorie der Reizreaktion, um jede Art von Symptomatik zu beseitigen. Die Idee ist, dass jeder Patient mit dem richtigen Medikament zu seinem gewohnten Alltag zurückkehren kann, da das Symptom, zumindest für eine Weile unterdrückt oder deutlich abgeschwächt wird. In vielen Fällen ist eine Medikation jedoch nur ein dicker Teppich, unter den das Symptom, die Manifestation der Krankheit, gekehrt wird, sodass die eigentliche Ursache des Krankheitsbildes bestehend bleibt.

Wenn das Medikament eines Tages abgesetzt wird, erscheint das Symptom wieder. Und selbst wenn weiterhin Medikamente eingenommen werden, kann die Krankheit andere Formen des Ausdrucks finden, um sichtbar zu werden, was der Lebensqualität des Menschen schadet.

Die Begegnung mit unserem Schmerz hilft uns, uns selbst kennenzulernen.

Frau mit geschlossenen Augen

Ein Symptom ist in jedem Fall ein informatives Element. Dieses Element gibt Aufschluss darüber, dass im Seelenleben des Subjekts etwas passiert, das so nicht gut ist. Indem wir diese Stimme zum Schweigen bringen, verlieren wir Informationen darüber, was geschieht. Dadurch wird es schwieriger, hinsichtlich der Erkrankung gezielt zu intervenieren. Deshalb ist eine angemessene klinische Bewertung so wichtig, bevor mit einer Intervention begonnen wird.

Dahingehend bietet die Psychotherapie die Möglichkeit, neue Parameter zu setzen, um die Welt aus einer anderen Perspektive zu betrachten. Eine neue Sichtweise zu entdekcen, die weniger den Schmerz und mehr Zufriedenheit und Dankbarkeit kennt.

Wir sollten daran denken, dass unser Leiden etwas sehr Subjektives ist, weshalb es nur der Mensch selbst ist, der wissen kann, was ihn wirklich verletzt. Ein Psychologe wird aufgrund der Geschichte des Patienten verstehen können, welches unbefriedigte Verlangen die Quelle seines Unbehagens darstellt.