Um zu helfen, ist es manchmal nötig, nicht einzugreifen

Das größte Problem ist das kollektive Unbewusste, das Untätigkeit oder Passivität als Zeichen dafür interpretiert, dass wir Dingen keine Wichtigkeit beimessen. Trotzdem ist es manchmal besser, nicht zu helfen, einfach zu beobachten, zu schweigen und sich zurückzuhalten.
Um zu helfen, ist es manchmal nötig, nicht einzugreifen
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 21. Dezember 2022

“Wenn du mir wirklich helfen willst, respektiere meinen Freiraum. Sag mir nicht, dass du mich gewarnt hast, dass ich immer in denselben Fehler verfalle, dass ich hoffnungslos bin… verstärke mein Leiden nicht noch mehr. Verstehe, dass es manchmal besser ist, nicht zu helfen. Zeige mir dein Mitgefühl, dein Verständnis, aber halte dich zurück.”

Theodore Roosevelt äußerte einmal, dass es zwischen dem Richtigen und dem Falschen etwas viel Schlimmeres gibt: nichts zu tun. Diese Sichtweise entspricht zweifellos dem klassischen Ansatz der politischen Denkweise, die immer Angst vor Unbeweglichkeit hat, vor dem Wähler, der nicht Partei ergreift, oder vor dem vermeintlichen Verbündeten, der nicht zur Seite steht. In Wahrheit kann jedoch nicht einzugreifen eine hilfreiche dritte Option sein, manchmal sogar die beste.

“Jede unnötige Hilfe ist ein Hindernis für die Entwicklung.”

Maria Montessori

Das größte Problem ist das kollektive Unbewusste, das Untätigkeit oder Passivität als Zeichen dafür interpretiert, dass wir Dingen keine Wichtigkeit beimessen. Trotzdem ist es manchmal besser, nicht zu helfen, einfach zu beobachten, zu schweigen und sich zurückzuhalten.

In der Psychologie heißt es oft, dass der Verstand uns in den komplexesten Momenten dazu treibt, die einfachsten Antworten zu geben, wobei die Heuristik, die faszinierende mentale Abkürzungen des menschlichen Denkens ermöglicht, manchmal am erfolgreichsten ist.

Wenn du also siehst, dass eine Freundin unsicher ist, weil sie nicht weiß, ob sie ihren Job aufgeben soll oder nicht, oder wenn ein Geschwister wütend ist, nachdem es eine Enttäuschung erlebt hat, hörst du vielleicht deine innere Stimme: “Lass diese Person jetzt in Ruhe, gib ihr Raum zum Nachdenken, um selbst zu entscheiden oder die Situation zu akzeptieren.”

Wenn wir Menschen ihre eigenen Kämpfe vorenthalten, berauben wir sie manchmal einer wertvollen Gelegenheit zum Lernen und zum persönlichen Wachstum.

Um zu helfen, ist es manchmal notwendig, nicht einzugreifen

Es gibt Menschen, die es nicht nötig haben, gerettet zu werden

Eine orientalische Geschichte erzählt von einem Mann, der einen Seidenraupenkokon in einem Park fand. Da er sich Sorgen um das kleine Wesen machte und befürchtete, dass jemand darauf treten oder ein Tier es fressen könnte, beschloss er, es zu retten, indem er den Kokon in einer Schachtel aufbewahrte, um sich geduldig und aufmerksam um ihn zu kümmern.

Zu Hause angelangt, wurde er sich bewusst, dass der Kokon bereits ein Loch hatte. Aufgeregt sah er sogar, dass der kleine Schmetterling um seine Befreiung kämpfte. Er wollte ihm helfen und nahm eine Schere, um den Kokon aufzuschneiden und dem Insekt so die Arbeit zu erleichtern. Der Mann hatte edle Absichten, daran besteht kein Zweifel. Doch dies bedeutet nicht, dass die Ergebnisse unbedingt vorteilhaft sein müssen.

Der Mann wusste nicht, dass die Natur ihr eigenes Tempo hat, ihre eigenen Zeiten und unantastbare Prinzipien. Es war ihm nicht bewusst, dass es Prozesse gibt, die keine Hilfe erfordern und diese vielmehr schädlich ist. Die Flügel des Schmetterlings waren nach seiner Befreiung verklebt und der Mann wartete vergeblich darauf, dass er sie entfalten würde, um davonzufliegen. Das kleine Insekt krabbelte im Kreis, bis es schließlich innehielt. Es war gestorben.

Schmetterling

Es gibt Menschen, die nicht gerettet werden müssen, weil sie nicht in Gefahr sind. Manche Erfahrungen müssen wir ohne Hilfe bewältigen, um aufzublühen. Wir müssen in der Abgeschiedenheit unseres Kokons, in der Sanftheit der Traurigkeit, in der Tiefe des Zweifels und der Enttäuschung selbst erkennen, welche Schritte uns auf den richtigen Weg führen.

Es gibt Reisen, die wir alleine machen müssen, ohne Hilfe, ganz unabhängig davon, ob andere gute Absichten haben oder sinnlose Opfer bringen möchten.

Wann ist es wichtig zu helfen und wann nicht?

Maria Montessori wiederholte vermehrt, dass unnötige Hilfe die Entwicklung nur behindert. Diese Idee steht offensichtlich im Zusammenhang mit dem Konzept der “Zone der nächsten Entwicklung“, das Lev Vygotskis im Rahmen seiner soziokulturellen Theorie entwickelte. Ein Konzept, das zwar in erster Linie für den Bildungsbereich gilt, aber auch auf viele unserer alltäglichen Umgebungen und Beziehungen ausgeweitet werden kann.

Die “Zone der nächsten Entwicklung” besagt, dass wir die Fähigkeiten eines Menschen nur dann verbessern können, wenn wir ihm das richtige Maß an Unterstützung geben, damit er sein eigenes Potenzial entwickeln kann. Dazu gehört zum Beispiel, dass wir keine Verantwortung übernehmen, die uns nicht zusteht, und dass wir herausfinden, an welchen Stellen und in welchem Ausmaß unsere Hilfe wirklich ein Lernanreiz ist.

“Hilf deinen Mitmenschen, die Last zu tragen, aber halte dich nicht für verpflichtet, sie zu tragen.”

Pythagoras

Wir sind uns bewusst, dass es nicht immer einfach ist zu wissen, wo die Grenzen liegen, wo nicht zu helfen zulässig oder ratsam ist. Es tauchen sofort Gedanken auf, die uns an unsere Verantwortung erinnern, wenn nahestehende Menschen schlechte Zeiten erleben. Das Gehirn fällt aus physiologischer Sicht keine Urteile, doch unser Gewissen kümmert sich darum.

Frau mit Regenschirm in Form eines Daches weiß, dass es nicht immer gut ist, zu helfen

Zuhören ist manchmal die beste Hilfe

Wir sollten uns also in erster Linie darüber im Klaren sein, dass es nicht gut ist, ständig und unbegrenzt aufopferungsvolle Hilfe zu leisten. Das Ergebnis könnte katastrophal sein: Diese Menschen könnten passiv und egoistisch werden und eine starke Abhängigkeit entwickeln. Der Schlüssel ist, zu erkennen, wann eine Situation echter Verletzlichkeit vorliegt. Wir müssen uns darüber bewusst sein, was die Person wirklich braucht.

Manchmal ist die beste Hilfe, ein guter Zuhörer zu sein oder einfach nur zu “sein”, ohne laut zu werden. Lass die Person wissen, dass du für sie da bist, wenn sie das Bedürfnis hat, sich an deiner Schulter auszuweinen oder wenn sie ein vertrauliches Gespräch möchte. Respektiere jedoch Distanz und Einsamkeit, wenn sie diese in einer bestimmten Situation braucht.

Du kannst in einem flüchtigen Moment Licht ins Dunkel bringen, damit die betroffene Person selbst ihre Flügel entfalten kann und aufhört, sich im Kreis zu drehen. Nicht einzugreifen ist jedoch eine Option, die in manchen Situationen notwendig und therapeutisch vorteilhaft sein kann.

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Daría Petrelli

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