Tik Tok: Die psychologischen Auswirkungen dieser Plattform

30 September, 2020
Obwohl Tik Tok-Videos nur wenige Sekunden lang sind, sind sie kreativ und sogar bewegend. Für eine bestimmte Altersgruppe sind sie zu etwas beinahe Unverzichtbarem geworden. Aber welche psychologischen Auswirkungen hat diese berühmte App auf junge Menschen?

Die Generation Z (junge Menschen, die zwischen 1997 und 2015 geboren wurden) ist besessen von Tik Tok. Wenn du diese soziale Medien-App nicht kennst, solltest du wissen, dass es einem Tik Tok-User kürzlich gelang, einen Boykott von Donald Trumps Wahlkampfveranstaltung in Tulsa, Oklahoma, zu planen und zu realisieren. Alles, was er tat, war, Menschen dazu aufzufordern, sich einen Platz für die Veranstaltung zu reservieren und dann nicht hinzugehen.

Diese Kampagne war ausgesprochen erfolgreich. 14.000 der 20.000 Sitze am Veranstaltungsort blieben am Abend der Veranstaltung leer. Trump musste seinen Wahlkampf in einem beinahe leeren Stadion absolvieren. Das war eine sehr kraftvolle Botschaft an Trump und seine Anhänger. Darüber hinaus war es aber auch ein Beweis dafür, wie beliebt Tik Tok geworden ist. Die Popularität hat vermutlich auch aufgrund des zunehmenden Misstrauens gegenüber Twitter, Instagram und Facebook so stark zugenommen.

Aber was ist eigentlich so besonders an dieser chinesischen App, die gerade einmal vier Jahre alt ist? Nun, sie ist dynamisch, schnell und kreativ. Außerdem passt sie sich perfekt an das so vergängliche Zeitalter an, in dem wir leben und in dem nichts von Dauer ist. Tik Tok ist genau für diese Art von Konsum entwickelt. Er basiert auf Bildern und unmittelbarer Verfügbarkeit.

Kurz zusammengefasst, Tik Tok ermöglicht es dem Nutzer, einzigartige Videos zu erstellen, die zwischen 15 und 60 Sekunden lang sind. Es werden Hashtags verwendet, du kannst Personen markieren (taggen), Kommentare und Likes abgeben usw. Aber das Attraktivste ist wohl, dass auch das Video eines Nutzers, der nur wenige Follower hat, viral werden kann.

Tik Tok - Frau mit Smartphone

Tik Tok ist die neue Social-Media-Sucht

Wenn du Tik Tok für eine einfache App zum Abspielen von Videos hältst, dann liegst du völlig falsch. Sie unterscheidet sich stark von YouTube und hat auch wenig gemein mit anderen bekannten Apps wie beispielsweise Instagram. Es ist ein Fenster in eine Welt, in der es nur schwer verständlich ist, was gerade passiert. Denn alles bewegt sich unglaublich schnell. Aber dennoch ist Tik Tok sehr faszinierend. Du wirst beinahe unverzüglich in ihren Bann gezogen.

Die Videos werden automatisch abgespielt, ohne dass du sie anklicken musst. Tik Tok gibt dir keine Zeit, etwas anderes zu tun. Das Design ist natürlich strategisch. Denn die Macher wollen, dass du ein Video nach dem anderen ansiehst. Anders als bei Facebook oder anderen Social-Media-Plattformen gibt es keine statische Startseite. Sobald du dein Profil auf diesem Netzwerk aktivierst, werden die Videos automatisch abgespielt. Außerdem beginnt sofort ein neues Video, wenn das bisherige beendet ist.

Es ist ein wahrer Wirbelwind an Inhalten. Du siehst originelle Tänze, Partys, Sportübungen, Witze, niedliche Tiere, Sänger, Menschen, die etwas erklären und Filmszenen. Tik Tok ist all das und noch viel mehr. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt und alles hängt nur von der Kreativität und Originalität jedes einzelnen Nutzers ab.

Dennoch fragen sich viele Menschen, welche Auswirkungen dieses Format auf den Nutzer hat. Eltern, die nicht genau wissen, welche Apps gerade besonders angesagt sind, sind angesichts der extremen Popularität von Tik Tok unter Jugendlichen besonders besorgt. Daher wollen wir uns einige psychologische Auswirkungen ansehen, die die Nutzung von Tik Tok nach sich zieht.

Tik Tok - Mutter spricht mit Tochter, die Smartphone in der Hand hat

Extrem kreative Produkte, die einen verborgenen Preis fordern

Diese App fördert und maximiert die kreativen Fähigkeiten ihrer Nutzer, so viel wissen wir ganz sicher. Denn du kannst originelle Videos drehen, sie mit Musik unterlegen und Filter, Spezialeffekte usw. verwenden. Die App ermöglicht Playback, Slow Motion und schnelle und einfache Bearbeitung.

Daher können die Ergebnisse faszinierend und erstaunlich sein. Darüber hinaus kann jedes Video viral werden, unabhängig davon, wie viele Follower du hast. Und das ist auch das neue Ziel vieler Jugendlicher: Sie wollen ein Tik Tok-Star werden.

Aber welche Auswirkungen hat all dies auf die psychische Gesundheit der Nutzer? Nun, die Antwort ist weitaus komplexer und tiefergehender als du vermuten würdest.

Tik Tok und die Auswirkungen auf die psychische Gesundheit

  • Weil jeder ab einem Alter von 12 Jahren auf diese App zugreifen kann, sehen wir zunehmend hypersexualisierte Videos junger Mädchen, die hoffen, dadurch mehr Follower zu gewinnen und Aufmerksamkeit und Bewunderung zu erhalten.
  • Allerdings wissen viele Eltern noch nicht einmal, dass diese App überhaupt existiert. Folglich wissen sie natürlich auch nicht, dass ihr Kind Stunden damit verbringt, Tik Tok anzusehen und eigene Videos zu drehen. Und all das ist eine große Ablenkung von jeder anderen Aktivität, insbesondere von schulischen Aufgaben.
  • Darüber hinaus wurde bei vielen Jugendlichen bereits ein Suchtverhalten in Bezug auf Tik Tok beobachtet. Sie sind regelrecht besessen davon, öffentliche Aufmerksamkeit und Likes zu bekommen und viral zu werden. Allerdings liegt es in der Natur von Tik Tok, dass der Ruhm nur von kurzer Dauer ist, wenn sie ihr Ziel erreichen sollten. Die extrem hohe Geschwindigkeit, mit der Inhalte platziert werden, bedeutet, dass nach wenigen Sekunden bereits ein neues Video erscheinen wird. Und jeder die alten sehr schnell wieder vergisst.
  • Wenn es eine ganze Gruppe junger Menschen gibt, deren primäres Ziel darin besteht, Likes und Interaktionen für ihre Social-Media-Inhalte zu erhalten, dann stimmt etwas in unserer Gesellschaft nicht.
  • Eine der psychologischen Konsequenzen durch übermäßige Tik Tok-Nutzung ist, dass der Jugendliche damit beginnt, sein Selbstwertgefühl und seine Identität nur noch darauf zu begründen, was er oder sie in dieser App macht.

Tik Tok ist die perfekte Plattform, um Süchtige zu erschaffen

Jede Technologie, jede App, jedes Programm oder virtuelle Plattform bietet sowohl unglaubliche Vorteile als auch gefährliche Nachteile. Alles hängt letztendlich davon ab, wie du sie benutzt. Soziale Netzwerke wie Tik Tok ziehen durch unglaublich clevere künstliche Intelligenz immer mehr junge Menschen in ihren Bann und erschaffen so beinahe eine ganze Generation von Süchtigen.

Die Strategie besteht darin, den Nutzer förmlich zu hypnotisieren, um sie für Stunden auf der Plattform zu halten. Vielleicht beginnst du damit die Cover-Version eines Liedes von deinem Lieblingssänger zu hören, dann siehst du eine tanzende Katze, einen Lehrer, der ein wissenschaftliches Experiment vorführt und danach tanzende Zwillinge. Später zeigt dir die App ein Kochvideo, ein lustiges Baby und eine Gruppe von Freunden, die jemandem einen Streich spielen.

Der Fluss an Videos ist unendlich und du musst nie nach etwas suchen. Die Algorithmen und die künstliche Intelligenz der Plattform erledigen alles für dich. Wie du dir vorstellen kannst, erschafft all das passive und abhängige Nutzer. Infolgedessen haben sie dann Probleme damit, etwas zu planen, sich auf etwas zu konzentrieren oder überhaupt an irgendetwas anderes als an Tik Tok zu denken.

Abschließende Gedanken

Wir sind an einem Punkt angelangt, an dem junge Menschen ihre Welt und ihre Realität durch diesen Bildschirm entdecken und verstehen. Es ist eine sehr dynamische Welt, die sich permanent verändert. Allerdings vermittelt sie den Jugendlichen einen Tunnelblick. Sie interessieren sich nicht für das, was um sie herum geschieht. Und manchmal bemerken sie es noch nicht einmal mehr. Und genau darin liegt die eigentliche Gefahr.

In der angemessenen Nutzung dieser Technologie liegt der entscheidende Unterschied. Hier wird die Linie zwischen einer originellen, gesunden Unterhaltung und Abhängigkeit, Leiden und Sucht gezogen. Dies sollten wir uns alle vor Augen halten, denn niemand ist immun dagegen. Darüber hinaus sollten Eltern ganz besonders achtsam sein, wie ihre Kinder die sozialen Medien nutzen.