Thomas Szasz, der revolutionäre Psychiater

· 25. September 2018

In der Welt der Psychiatrie weckt der Name Thomas Szasz weckt alle möglichen Leidenschaften. Er wird geliebt und gehasst, verehrt und hinterfragt. Es ist kein Wunder. Seine Postulate stießen in den 1960er Jahren eine wahre Revolution an.

Thomas Szasz wurde 1920 in Budapest (Ungarn) geboren. Als er 18 Jahre alt war, zog seine Familie nach New York (New York, USA), weil sie jüdischen Glaubens war und der Verfolgung durch die Nazis entgehen wollte. Er war immer ein hervorragender Schüler. Er erwarb zunächst einen Bachelor-Abschluss in Physik und schloss sein Studium der Medizin an der University of Cincinnati (Ohio, USA) ab.

„Die Plage der Menschheit ist die Angst und Ablehnung der Vielfalt: Monotheismus, Monarchie, Monogamie. Der Glaube, dass es nur einen richtigen Weg zu leben gebe, nur einen Weg, um religiöse, politische und sexuelle Rechte zu regeln, ist die Hauptursache der größten Bedrohung für den Menschen: die Mitglieder ihrer eigenen Spezies, die sich für ihre Rettung, Sicherheit und Vernunft einsetzen.“

Thomas Szasz

Im Alter von 30 Jahren erhielt Thomas Szasz schließlich ein Diplom als Psychoanalytiker und wurde Professor für Psychiatrie an der Syracuse University (New York, USA). Er wurde auch zum Mitglied der American Psychiatric Association ernannt.

Thomas Szasz und der Mythos der Geisteskrankheit

Was Thomas Szasz zu internationalem Ruhm in den Verhaltenswissenschaften verhalf, war die Veröffentlichung seines Buches Geisteskrankheit – ein moderner Mythos?.  Seit diese Arbeit veröffentlicht wurde, ist sie Gegenstand einer tiefgreifenden Kontroverse, die immer noch andauert.

Menschen betreten einen Kopf

Thomas Szasz begann mit der Kritik an der Bibel der Psychiatrie, dem DSM. Das ist das Handbuch, in dem seit jeher anerkannte psychische Erkrankungen nach dem Konzept der American Psychiatric Association definiert werden. Darüber hinaus werden sie klassifiziert, beschrieben und hinsichtlich möglicher Behandlungen diskutiert.

Ältere Versionen des DSM nannten „Krankheiten“ wie Homosexualität, Scheidung und Kriminalität und viele weitere mehr, die nur lächerlich wäre, wenn nicht Millionen von Menschen auf der ganzen Welt aufgrund einer entsprechenden „Diagnose“ einer medizinischen Behandlung unterzogen worden wären. Thomas Szasz hat dieses Handbuch also scharf kritisiert. In der Tat hielt er es für eine Erfindung ohne wissenschaftliche Grundlage.

Psychiatrie als Mittel der sozialen Kontrolle

Thomas Szasz‘ umstrittenste These ist, die Psychiatrie nicht als Wissenschaft, sondern als Mittel zur Steuerung der Gesellschaft zu betrachten. In seinem zentralen Werk und sein ganzes Leben lang wiederholte er dieses Postulat immer wieder. Er argumentierte, dass psychische Erkrankungen selbst als solche nicht existierten.

Er behauptete, dass der Geist nichts Körperliches sei und nicht krank werden könne. Was passiere, sei, dass es einige Verhaltensweisen gebe, die die Gesellschaft nicht toleriere. Und diese Verhaltensweisen würden „Krankheiten“ genannt. Dann würden alle Anstrengungen, um sicherzustellen, dass sich der Einzelne nicht auf originelle Weise verhalte, sondern wie die meisten – dieser Prozess erfolge in einer „Therapie“ und ende im Idealfall mit der „Normalität“.

Thomas Szasz machte auch deutlich, dass die Psychiatrie nicht diagnostiziere, sondern stigmatisiere. Er war ein heftiger Kritiker der „Erfindung“ von Kinderkrankheiten wie Aufmerksamkeitsdefizit oder Hyperaktivität.

Eine Revolution in Psychiatrie und Politik

Ein weiterer Schwerpunkt der Kritik von Thomas Szasz war die Drogenpolitik. Er wies darauf hin, dass der Staat der Gesellschaft vorschreibe, welche Psychopharmaka Menschen konsumieren dürften und welche nicht. So legalisiere er Psychopharmaka und verbiete Substanzen wie Marihuana. Und das, obwohl wissenschaftlich erwiesen sei, dass der Konsum und Missbrauch von Psychopharmaka schlimmere Folgen habe als der verbotener Substanzen wie eben Marihuana.

Mann legt Medikamente in ein Gehirnlabyrinth

So schloss sich Thomas Szasz der als „Antipsychiatrie“ bekannten Bewegung an. Sie wurde Ende der 1950er Jahre von David Cooper und Ronald Laing ins Leben gerufen. Zu ihren Anhängern gehörten auch große Intellektuelle wie Michel Foucault, Franco Basaglia und Ramón García. Aber ohne Zweifel hat Thomas Szasz ihr einen viel größeren Spielraum gegeben.

Schließlich war Thomas Szasz ein außergewöhnlicher Verfechter der individuellen Freiheit. Ihm ging es um die Rechte der Bürger, die für diejenigen, die als “ geistig krank “ bezeichnet werden, oft eingeschränkt seien. Im Laufe der Geschichte wären sie allen Arten von Ausgrenzung und Demütigung ausgesetzt gewesen, um scheinbar behandelt zu werden und ein „normaleres“ Leben führen zu können.

Thomas Szasz‘ Überlegungen sind nach wie vor aktuell. Die nordamerikanische Schule um das DSM hat sich weltweit etabliert. Und gleichzeitig erweisen sich die Methoden der biologischen Psychiatrie bei der Behandlung der im DSM definierten Störungen nach wie vor als sehr begrenzt. Ob er nun richtig oder falsch lag, seine Ansätze sollten nicht übersehen werden.