Thanatos: Ist der Todestrieb so negativ, wie wir glauben?

2. November 2019
In diesem Artikel wollen wir uns mit Thanatos beschäftigen. Diese Theorie vom Todestrieb wurde von Sigmund Freud entwickelt. Ist dieser Todestrieb wirklich so negativ, wie wir glauben?

Vermutlich wirken nur wenige Begriffe so düster und beängstigend auf uns, wie der von den Psychoanalytikern benannte Todestrieb oder Thanatos. Obwohl dieser Trieb stets destruktiv ist, stellt er keine Bedrohung für unser Überleben dar, solange wir lernen, gut mit ihm umzugehen.

Manche Situationen im Leben können uns tatsächlich beinahe das Herz brechen. Wir fühlen uns vollkommen leer, weil wir das Gefühl haben, dass es keine Hoffnung mehr gibt und alles verloren scheint. In solchen Momenten verstärkt sich der Todestrieb, da er sich offenbar von der Schwerfälligkeit nährt, die uns ins Nichts zu treiben scheint.

In der Psychoanalyse, einem von Sigmund Freund begründeten Forschungsgebiet, das einen besonderen Schwerpunkt auf das Unbewusste legt,  geht man davon aus, dass alle menschlichen Triebe zu einer Handlung führen. Jeder Trieb entstammt einem körperlichen Spannungszustand, der uns dazu veranlasst, auf die eine oder andere Weise zu reagieren. Sein Ziel ist es dabei, die erzeugte Anspannung und Erregung zu befriedigen. Diese Erregung hängt mit einem bestimmten Organ im Körper zusammen und auch mit dem Objekt, welches diese Regung ausgelöst hat.

In diesem Artikel werden wir dir aufzeigen, dass Triebe nicht unbedingt sexueller Natur sein müssen. Wir werden auch erklären, warum wir den „Todestrieb“ für unser Überleben brauchen. Außerdem werden wir erläutern, was der Todestrieb ist, warum er auch Thanatos genannt wird, wie er sich in unserem Leben manifestiert und warum er nicht immer negativ ist.

Thanatos - traurige Frau

Was genau ist Thanatos, der Todestrieb?

Thanatos oder der Todestrieb, ist ein unbewusster Impuls, der uns zur absoluten Ruhe oder anders ausgedrückt, in die Nichtexistenz treibt. Er veranlasst uns zur Selbstzerstörung und zur vollständigen Vernichtung. Dieses Konzept wird ergänzt durch unseren Lebenstrieb, welcher das komplette Gegenteil des Todestriebes darstellt. Er verkörpert unseren Wunsch, uns selber zu erhalten und zu überleben.

Wir brauchen sowohl den Todestrieb Thanatos als auch den Lebenstrieb. Sie kämpfen fortlaufend gegeneinander, um dadurch ein Gleichgewicht zu schaffen. Dieses Gleichgewicht dient unserer Selbsterhaltung und unserem Überleben. Obwohl Thanatos die destruktive Kraft ist, bedeutet das nicht zwangsläufig, dass sie stets negativ ist. Genauso verhält es sich mit unseren Lebenstrieben. Nicht in jedem Fall sind sie positiv.

Thanatos: Wie manifestiert sich der Todestrieb?

In der Psychoanalyse gibt es einige Konzepte, die uns aufgrund ihrer Komplexität abschrecken. Daher werden sie in vielen Fällen nicht angewendet oder schlichtweg verworfen.

Der Todestrieb kann sich auf unterschiedliche Weise manifestieren. Nachfolgend findest du einige Beispiele hierfür:

Aggressivität

Wenn wir aggressiv werden, kann das dazu führen, dass wir andere Menschen, Objekte (natürliche oder künstliche) oder auch uns selber schädigen oder zerstören. Wir versuchen dabei bewusst, Schaden zu verursachen. In seinem Buch Das Unbehagen in der Kultur erläutert Sigmund Freud, dass Aggressivität das größte Hindernis für die Entwicklung einer Kultur ist.

Psychische Erkrankungen

Einige psychische Erkrankungen führen dazu, dass sich die Betroffenen selber verletzen. Ein Beispiel für dieses selbstverletzende Handeln ist die Borderline-Persönlichkeitsstörung.

Projektion

Die Projektion ist ein Abwehrmechanismus, bei dem wir das auf andere projizieren, was in uns selber vor sich geht.

Unzufriedenheit

Wenn uns etwas nicht zufriedenstellt oder in uns Angst oder Unwohlsein auslöst, dann manifestiert sich der Todestrieb.

Weitere Aspekte

Darüber hinaus gibt es noch weitere Aspekte, die mit dem Todestrieb im Zusammenhang stehen. So besteht eine Verbindung zum Prinzip der Realität. Dieses Prinzip ermöglich es uns, unser Leben zu steuern und zu regulieren. Das Prinzip des Vergnügens wiederum hat mit der Befriedigung unserer Wünsche zu tun.

Dadurch können wir uns in der Gesellschaft durchsetzen und behaupten. Freud war jedoch der Auffassung, dass der Todestrieb am meisten mit dem Prinzip des Nirvana verbunden ist, jenem Konzept des Nichts, der vollkommenen Ruhe und des Todes.

Thanatos - trauriger Mann

Der Todestrieb Thanatos birgt auch positive Aspekte in sich

Obwohl Thanatos uns dazu veranlassen kann, uns selber zu schaden oder zu zerstören, ist sein Einfluss dennoch nicht immer negativ. Durch die Situationen, in denen wir versucht haben, uns selber zu zerstören, stärken wir unsere Widerstandskraft.

Darüber hinaus ist der Todestrieb auch eng verknüpft mit Erholung und Ruhe; beide sind für unser Überleben ausgesprochen wichtig. Wenn wir den Todestrieb nun als eine Kraft ansehen, die uns dabei hilft, uns besser an unsere Lebensumstände anzupassen, dann wirkt er auf uns dadurch weniger bedrohlich. Im Gegenteil, wir können sogar erkennen, welchen Nutzen er uns bietet.

Aber wie genau hilft er uns dabei, uns anzupassen? Ganz einfach dadurch, dass wir durch ihn in der Lage sind, uns in vielen Situationen zu verteidigen und notfalls auch zu kämpfen. Freud zeigt außerdem den Zusammenhang auf, den der Todestrieb mit dem Orgasmus hat. Aufgrund unseres Lebenstriebs streben wir nach sexueller Befriedigung. Thanatos wirkt dann in dem Moment, in dem wir den Orgasmus erleben und danach in einen extrem entspannten und gelösten Zustand zurückkehren. In einen Zustand der Ruhe nach großer Anstrengung.

Darüber hinaus ermöglicht uns der Todestrieb, dass wir uns von Objekten und Gegenständen distanzieren und trennen können. Dadurch behalten wir unsere eigene Identität, können authentisch sein und vermeiden eine zu enge Bindung zu diesen Objekten. Zusammenfassend können wir feststellen, dass Thanatos sowohl destruktiv als auch reparierend und aufbauend wirkt.

Er ist für unser Überleben von entscheidender Bedeutung und wirkt gemeinsam mit unserem Lebenstrieb. Diese einzigartige Kraft hilft uns, mehr über uns selbst und über das Leben zu lernen.

  • Freud, S. (1976/1920). Más allá del principio del placer. Obras completasBuenos Aires: Amorrortu.
  • Freud, S. (2016). El malestar en la cultura. (Vol.328). Ediciones Akal.