Tetrachromatie: Kannst du 100 Millionen Farben sehen?

Wie viele Arten von Farben kannst du sehen? Manche Menschen haben die unglaubliche Fähigkeit, eine Million verschiedener Farbtöne zu differenzieren. Es handelt sich um eine genetische Mutation, die als Tetrachromatie bezeichnet wird.
Tetrachromatie: Kannst du 100 Millionen Farben sehen?
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 19. Dezember 2022

Concetta Antico ist eine Kunstlehrerin mit einer ganz besonderen Fähigkeit: Sie hat einen ungewöhnlich ausgeprägten Farbsinn. Sie wurde sich im Unterricht bewusst, dass ihre Schüler die Realität auf sehr begrenzte Weise darstellten und stellte schließlich fest, dass sie Tetrachromatie hat. Ihre Netzhaut differenziert Farben, die für die meisten Menschen unsichtbar sind.

Wenn die australische Künstlerin auf einem Weg mit kleinen Kieselsteinen spaziert, nimmt sie eine ganze Symphonie von Tonalitäten wahr. Die Steine funkeln in faszinierendem Glanz von Rosa bis Violett, von Gelb bis Silber. Die Welt, die diese Frau jeden Tag mit ihrem Blick genießt, ist wie ein faszinierendes farbiges Kaleidoskop.

Deshalb ist Concetta Antico nicht nur eine außergewöhnliche Malerinsondern auch für die Wissenschaft von großem Interesse. Die einzigartige genetische Mutation der Tetrachromatin ermöglicht es ihr, mehr als 100 Millionen Farben zu sehen.

“In den Supermarkt zu gehen, kann für mich sehr anstrengend sein, weil es dort Berge von Farben gibt, die in jedem Winkel auftauchen.”

Concetta Antico

Concetta Antico hat Tetrachromatie
Concetta Antico ist eine australische Künstlerin mit Tetrachromatie. Sie ist auch als “The Color Queen” bekannt.

Was ist Tetrachromatie?

Forschungen der Universität Princeton weisen darauf hin, dass der Kolibri (wie auch einige andere Vögel) fähig ist, Nichtspektralfarben zu sehen, da er vier Zapfenarten aufweist und deshalb ein Tetrachromat ist. Diese Fähigkeit erleichtert dem kleinen Vogel die Nahrungssuche. Viele Tiere haben einen vierten Farbrezeptor und können deshalb ein weitaus differenziertes Farbspektrum wahrnehmen als Menschen.

Die meisten von uns sind Trichromaten: Wir haben drei verschiedene Arten von farbempfindlichen Fotorezeptoren (Zapfen), die es uns ermöglichen, etwa eine Million Farben zu sehen. Es gibt jedoch auch Menschen mit Tetrachromatie. 

Gabriele Jordan von der Universität Newcastle geht davon aus, dass rund zwölf Prozent der europäischen Frauen retinale Tetrachromaten sind. Sie unterscheidet Frauen mit vier Sehzapfen, die auf Gelb- und Orangetöne empfindlich sind (retinale Tetrachromatie), und Frauen, die zusätzliche Signale in neue Farbtonalitäten umwandeln können (funktionale Tetrachromatie) und deshalb eine unglaubliche Farbenwelt wahrnehmen.

Es gibt viel mehr Frauen mit Tetrachromatie als wir denken. 

Wie wir Farben wahrnehmen

Die Farben, die wir wahrnehmen, existieren eigentlich nicht – sie entstehen in unserem Gehirn. Wenn das weiße Licht, das alle Farben integriert, auf einen Gegenstand fällt, wird ein Teil davon reflektiert und ein Teil absorbiert. Die Blätter eines Baumes scheinen grün zu sein, da sie alle Lichtanteile außer Grün absorbieren. Unsere Augen nehmen deshalb nur die Wellenlängen der grünen Farbe wahr, sobald sie auf die Farbrezeptoren in der Netzhaut treffen.

Die drei Arten von Farbrezeptoren reagieren auf bestimmte Lichtwellen und leiten die aufgenommenen Informationen schließlich über den Sehnerv an unser Gehirn weiter, das diese Informationen interpretiert und uns verschiedene Farben sehen lässt: Erhält es Signale des “roten Zapfens”, sehen wir die Farbe Rot. Unser Gehirn ist jedoch auch in der Lage, Schattierungen zu interpretieren, die durch die unterschiedliche Erregung der verschiedenen Farbzapfen entstehen. Aus den Primärfarben Blau, Grün und Rot stellt es alle anderen Farben her.

Wie viele Photorezeptoren haben wir?

Wir haben drei Arten von Zapfen, die uns das Sehen von Farben ermöglichen: S-Typ (Blaurezeptor), M-Typ (Grünrezeptor) und L-Typ (Rotrezeptor). Zusätzlich haben wir noch eine andere Art von Photorezeptoren: Die Stäbchen, die für das Hell- und Dunkelsehen verantwortlich sind.

Die Anzahl der Zapfentypen weicht bei verschiedenen Wirbeltieren ab: Manche haben nur zwei, viele sind jedoch Tetrachromaten und weisen zusätzlich zu den Blau-, Grün- und Rotrezeptoren auch einen UV-Zapfen aus, der sehr kurzwelliges, ultraviolettes Licht aufnimmt. 

Auch Menschen können vier Zapfentypen aufweisen – allerdings tritt diese genetische Besonderheit bei Frauen weitaus häufiger auf. Die genetische Information für die Bildung von Zapfen zur Wahrnehmung des Grün- und Rotsprektrums liegt auf dem X-Chromosom. Frauen erhalten diese Zapfen im Doppelpack (vom Vater und von der Mutter). Mutiert eines dieser Gene, können sie eine Tetrachromatie entwickeln. Diese genetische Abweichung ermöglicht es ihnen, eine Vielzahl von Farbtönen zu differenzieren, die wir ohne diese Mutation nicht sehen.

Es gibt eine breite Palette von Farbtönen, die nur Vögel, Fische und einige Reptilien wahrnehmen, da sie vier Zapfentypen aufweisen. Es gibt jedoch auch Menschen mit dieser Fähigkeit.

Tetrachromatie lässt dich eine Vielzahl an Farben erkennen
Das Sehvermögen braucht Reize, um sich optimal zu entwickeln. Deshalb ist es gut, wenn wir uns in der Natur aufhalten, um unser visuelles Unterscheidungsvermögen zu beobachten.

Habe ich Tetrachromatie?

Allen, die sich für dieses Thema interessieren, empfehlen wir die umfassende Forschungsarbeit “Human Color Vision and Tetrachromacy” (2020). Es ist nicht bekannt, wie häufig dieses genetische Merkmal in der Allgemeinbevölkerung vorkommt. Schätzungsweise haben zwischen 12 und 50 % der Frauen und 8 % der Männer Tetrachromatie. Sehr viele Menschen wissen nicht, dass sie diese besondere Fähigkeit der Farbwahrnehmung haben. Sie glauben, dass alle die Welt so bunt und farbenprächtig wahrnehmen wie sie selbst.

In Gesprächen stellen manche Menschen zufällig fest, dass sie beispielsweise viele unterschiedliche Blautöne des Meeres erkennen, während ihre Mitmenschen nur Blau oder Türkis unterscheiden. 

Experten gehen davon aus, dass Tetrachromatie häufiger vorkommt, als wir denken. Concetta Antico wurde sich erst während des Unterrichts über ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten bewusst, da ihre Schüler nicht so viele Farben unterscheiden konnten. Vielleicht hast auch du diese Fähigkeit, ohne es zu wissen? Du kannst deine Augen und deine Sehfähigkeit auf jeden Fall schulen. Genieße Spaziergänge in der Natur und beobachte dabei die Farbtöne des Sonnenuntergangs oder die vielen Nuancen des Meeres. Achte auf die Helligkeit der Sterne oder die Farben des Vollmondes.

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  • Jameson, K., Satalich, T., Joe, K., Bochko, V., Atilano, S., & Kenney, M. (2020). Human Color Vision and Tetrachromacy (Elements in Perception). Cambridge: Cambridge University Press. doi:10.1017/9781108663977
  • Stoddard MC, Eyster HN, Hogan BG, Morris DH, Soucy ER, Inouye DW. Wild hummingbirds discriminate nonspectral colors. Proc Natl Acad Sci U S A. 2020 Jun 30;117(26):15112-15122. doi: 10.1073/pnas.1919377117. Epub 2020 Jun 15. PMID: 32541035; PMCID: PMC7334476.

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