"Terminal lucidity": geistige Klarheit kurz vor dem Tod

Es ist bekannt, dass manche Demenzkranke kurz vor ihrem Tod plötzlich wieder geistige Klarheit erreichen und sich an alles erinnern. Erfahre heute mehr über dieses faszinierende Thema.
"Terminal lucidity": geistige Klarheit kurz vor dem Tod

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 14. Oktober 2022

Die geistige Klarheit kurz vor dem Tod ist ein Phänomen, über das bereits der griechische Arzt Hippokrates sprach, der vier Jahrhunderte vor unserer Zeitrechnung lebte. Trotzdem sind diese Klarheitsmomente, die in englischer Sprache als “terminal lucidity” bezeichnet werden, noch kaum erforscht.

Manche Patienten mit Demenz, insbesondere mit Alzheimer, können kurz vor dem Tod geistige Klarheit erleben und sich an alles erinnern, was sie bereits vergessen hatten. Sie verhalten sich so, als hätten sie nie Gedächtnisprobleme gehabt.

Dieses Phänomen ist von großer Bedeutung, denn es wäre ein Hinweis darauf, dass Demenzerkrankungen reversibel sein können. Das Problem wäre nicht der Verlust der Informationen, sondern im Zugang oder Abruf der Erinnerungen. Es gibt bis jetzt jedoch keine Erklärung dafür, warum es kurz vor dem Tod zu geistiger Klarheismomenten kommen kann.

“Ich sage, wir sollten es genießen. Der Patient spricht. Lass ihn sagen, was er sagen will, lass ihn hören, was sie ihm zu sagen haben. Weil dieser Moment das Leben verändert. Es ist fast ein Geschenk. Wenn morgen der Tod oder die Verbesserung kommt, wir werden morgen leben.”

Suelen Madeiros

Geistige Klarheit kurz vor dem Tod: Erfahrungsberichte

Geistige Klarheit kurz vor dem Tod: Erfahrungsberichte
Geistige Klarheit im Endstadium tritt manchmal bei Menschen mit Demenz auf.

Es gibt viele Erfahrungsberichte von Angehörigen, die bei Demenz-Patienten kurz vor ihrem Tod geistige Klarheitsmomente erlebt haben. Auch in Pflegeheimen kann dies immer wieder beobachtet werden. So erlangte beispielsweise eine Frau mit Alzheimer eines Tages eine erstaunliche geistige Klarheit zurück. Sie sagte ihrer Tochter, dass am 31. August alles in Ordnung sein würde. Genau am 31. August starb diese Frau, nachdem sie zwei Tage lang mit ihrer Familie gesprochen hatte, die froh war, sich von ihr verabschieden zu können.

Ein anderer bekannter Fall berichtet über eine todkranke Frau, die kurz vor ihrem Tod sehr schläfrig wirkte. Die Familie wartete auf zwei Enkelkinder, die sich verabschieden wollten. Als die Enkelkinder eintrafen, öffnete die Frau überraschenderweise die Augen, sprach für jedes von ihnen ein Gebet und starb dann.

Warum kehrt die geistige Klarheit zurück?

Es gibt keine Gewissheit darüber, warum manche Menschen vor ihrem Tod geistige Klarheit experimentieren. Auch die Häufigkeit dieses Phänomens ist nicht bekannt, da viel mehr Menschen zu sterben scheinen, ohne diesen Zustand des wiedererlangten Bewusstseins erlebt zu haben.

Einige Forscher glauben, dass es zu einer intensiven Ausschüttung von Hormonen, wie Adrenalin und anderen, kommt, wenn der Körper dem Tod nahe ist. Diese Überproduktion könnte sich so stark auf das Gehirn auswirken, dass sie Neuronen aktiviert und dadurch die geistige Klarheit ermöglicht.

Es gibt jedoch ein Problem mit dieser Hypothese. Forscher gehen davon aus, dass bei Krankheiten wie Alzheimer bestimmte Neuronen irreversibel geschädigt sind. Wie kommt es, dass sie plötzlich funktionieren? Eine Regeneration solcher Neuronen ist ausgeschlossen. Wie ist also diese geistige Klarheit möglich?

Der Geist und das Gehirn

geistige Klarheit kurz vor dem Tod
Die Aktivierung bestimmter Neuronen scheint an den geistigen Klarheitsmomenten beteiligt zu sein.

Eine andere Hypothese ist, dass Geist nicht gleich Gehirn ist. Wir sprechen von zwei verschiedenen Dimensionen. Der Neuropsychiater Peter Fenwick, Autor des Buches “Die Kunst des Sterbens, schlägt vor, dass der Geist eine Realität ist, die Teil eines universellen Bewusstseins ist.

Das Gehirn hingegen ist mit einem Fernseher vergleichbar. Es ist wie ein Gerät, das die Signale des universellen Bewusstseins auffängt, aber es hat nicht die Fähigkeit, sie zu produzieren. Und genau wie ein Fernsehgerät zeigt es diese Signale so an, als kämen sie von ihm, obwohl das nicht so ist.

Wenn das Gehirn nicht richtig funktioniert, sendet es die Signale also verzerrt. Kurz vor dem Tod verbindet sich das Gehirn mit dem universellen Bewusstsein und hört dann auf, die Signale zu verzerren. Auf diese Weise entsteht die sogenannte “terminal lucidity”, die geistige Klarheit, die Gehirn und Geist verbindet.

Der Punkt ist, dass keine dieser Hypothesen vollständig bewiesen werden kann, zumindest im Moment nicht. Die geistige Klarheit ist normalerweise sehr kurzlebig, es bleibt keine Zeit, sie zu beobachten oder zu analysieren. Das wäre auch nicht ethisch vertretbar, da die betroffene Person nicht in der Lage ist, ihre Zustimmung zu geben. Ebenso könnte die Forschung den fast “heiligen” Moment stören, in dem eine Person kurz vor dem Tod sich von den geliebten Menschen verabschiedet.

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