Syndrom der starken Exposition: wenn man dich hasst, weil du hervorstichst

· 3. März 2019

Einer der auffälligsten Widersprüche im menschlichen Verhalten hat damit zu tun, wie schwer es uns fällt, die Tugenden anderer ehrlich anzuerkennen, ohne uns durch sie gestört zu fühlen. Neid ist nicht der richtige Begriff für diesen Umstand, den man auch als „Syndrom der starken Exposition“ bezeichnet.

Dieser Terminus wurde geprägt, um Personen zu beschreiben, die mehr als eine Antipathie einen regelrechten Hass empfinden, wenn ihre Mitmenschen sich durch bestimmte Fähigkeiten und Fertigkeiten hervorheben. Dieser Hass ist etwas anderes als Neid, denn es geht dem Betroffenen nicht darum, dass er jene Talente unbedingt selbst entwickeln möchte. Es ist vielmehr so, dass die Erfolge der anderen die eigenen Schwächen unterstreichen.

„Es gibt etwas viel Selteneres und Präziseres als das Talent. Es ist das Talent, den Talentierten zu erkennen.“

Elbert Hubbard

Das Syndrom der starken Exposition wurde deshalb auch „Syndrom des hochgewachsenen Mohnes“ genannt: Es entsteht das Bedürfnis, jene Pflanzen zu köpfen, die weit über die anderen hinauswachsen, damit diese im Vergleich nicht verlieren.

Erste Hinweise auf das Syndrom der starken Exposition

Einige Autoren weisen darauf hin, dass sich erste Hinweise auf das Syndrom der starken Exposition bereits in den Büchern von Herodot und den Überlegungen von Aristoteles finden lassen. Auch in Livius‘ Erzählung von Lucius Tarquinius Superbus, dem stolzen Tarquinius, wird es erwähnt.

Aristoteles

Eine andere Quelle berichtet wie folgt:

Nach Herodot habe der Kaiser einen Botschafter entsandt, um Trasibulo um Rat zu fragen, wie sich die Kontrolle über das Reich am besten erhalten lasse. Der Botschafter habe seine Frage gestellt, aber Trasibulo mit der Antwort gezögert. Er habe sich abgewandt und begonnen, durch ein Getreidefeld zu streifen. Jedes Mal, wenn er vor einer besonders hohen Ähre gestanden habe, habe er sie abgeschnitten und auf den Boden geworfen. Er habe kein Wort dazu gesagt.

So sei der Botschafter zu seinem Herren zurückkehrt. Verwundert habe er dem Kaiser vom merkwürdigen Verhalten Trasibulos berichtet, aber die haben die Botschaft verstanden. Trasibulo habe ihm empfohlen, all jene zu eliminieren, die hervorstachen, die sich aufgrund ihrer Eigenschaften über den Durchschnitt erhoben. Er dürfe sich niemals mit den Besten umgeben, wenn er nicht riskieren habe wollen, dass sie seine eigene Macht und Überlegenheit jemals infrage stellen.

Das Syndrom der starken Exposition in der modernen Welt

Es scheint offensichtlich, dass Diktatur und Tyrannei auch in der modernen Welt dadurch gekennzeichnet sind, dass sie den Aufstieg all jener, die die Macht der Mächtigen gefährden könnten, verhindern – wenn es sein muss, mit Gewalt. Aber wir müssen gar nicht solche Extreme suchen, denn das Syndrom der starken Exposition findet sich auch in demokratischen Systemen wieder. Hier passiert es oft, dass Politiker sich plötzlich mit gewissen „Altlasten“ auseinandersetzen müssen, etwa mit Verkehrssünden aus der Jugend oder Aussagen, die sie vor Jahrzehnten getroffen haben. Wer leitet solche Skandale ein? Nicht immer kann das geklärt werden, aber es ist sehr wahrscheinlich, dass dahinter Personen stecken, die den hochgewachsenen Mohn kürzen wollen, weil er sie selbst zu überwachsen droht.

Einer über anderen

Nun, die Politik ist bei Weitem nicht das einzige Feld, in dem derjenige, der besonders stark exponiert ist, Gefahr läuft, ins Aus befördert zu werden. Wir erleben im Alltag, wie man uns dazu einlädt, unser Potenzial auszuschöpfen, über uns hinauszuwachsen, wie wir dabei aber immer wieder auf Hürden treffen, die uns jemand absichtlich in den Weg gestellt zu haben scheint. Die Idee ist, dass wir uns an gewisse Vorgaben halten, wenn wir schon erfolgreich sein wollen. Der „Angestellte des Monats“ ist deshalb nur selten derjenige, der sich am meisten hervorgehoben und innovative Vorschläge eingebracht hat, sondern der, der den vom Chef gesteckten Zielen am nächsten gekommen ist.

Kleinere Abweichungen sind selten ein Problem. Wir alle sind Menschen und keine uniforme Masse. Wer ein bisschen höher wächst oder vielleicht sogar unter dem Durchschnitt bleibt, der wird wohl kaum mitsamt seiner Wurzel ausgerissen, schließlich liegt er im Rahmen dessen, was der Gärtner erwartet. Sollte dagegen jemand allzu sehr hervorstechen, und zwar aus Gründen, die der Gärtner – oder Chef – nicht anerkennt, dann weckt das Misstrauen. Und da niemand eine Pflanze im Gewächshaus haben möchte, bei der er nicht weiß, was er von ihr zu erwarten hat, führt solches Misstrauen in der Regel zum Ausschluss aus der Gruppe.

Das Syndrom hat zweierlei Auswirkungen

Das Syndrom der starken Exposition ruft Auswirkungen in zwei verschiedenen Dimensionen hervor. Die erste haben wir bereits angesprochen: Der Mensch hat die Tendenz, eine fast naturgegebene Eigenschaft, misstrauisch zu werden, wenn sich jemand allzu sehr hervorhebt. Das ruft in ihm Unsicherheit und ein Gefühl der Bedrohung durch diesen Jemand hervor. Wer aus der Masse hervorsticht, sieht sich daher häufig mit übermäßiger Kritik konfrontiert. Und mit überhöhten Anforderungen. Oder man versucht, seine Talente und Erfolge kleinzureden.

Die zweite Folge des Syndroms der starken Exposition bezieht sich darauf, dass die negativen Erfahrungen, die mit Erfolg einhergehen können, den Betroffenen lehren, besser nicht aufzufallen. Er mag eine regelrechte Angst davor entwickeln, denn er weiß, dass er sich selbst in Gefahr bringt, wenn er zu hoch wächst. Diese Lektion lernt er eher implizit als explizit, aber sie kann seine Motivation wesentlich beeinflussen. Wer bringt sich schon freiwillig in eine Lage, in der ihn Zweifel, Ablehnung, Kritik und vielleicht sogar Ausgrenzung erwarten?

Ein Schatten kritisiert einen Mann

Es ist verständlich, dass sich daraus die Annahme ergibt, dass wir besser nicht hervorstechen, wenn ein ruhiges und friedliches Leben führen wollen. Nur nicht auffallen – das wird zum Motto des eigenen Handels und wenn dem nicht entsprochen werden kann, kommt Panik auf. Das ist der beste Beweis dafür, dass die Erziehung innerhalb deutlich markierter Grenzen Früchte getragen hat. Bestehende Werte und Normen werden nicht länger herausgefordert. Das ist traurig, denn in diesem Prozess gehen jede Menge Fähigkeiten und ein unglaubliches Potenzial verloren, dass in all diesen Genies steckt, die freiwillig ihr Wachstum begrenzen.