Substanzielle Sexualwissenschaft

· 8. Mai 2019

Die substanzielle Sexualwissenschaft bezeichnet diejenige Wissenschaft, die die Geschlechter untersucht. Dabei ist zu berücksichtigen, dass in dieser Definition von Geschlechtern und nicht von Sexualität die Rede ist.

Es wird nicht nur „der Sex, den wir haben“, untersucht, was auf intime Beziehungen anspielt. Auch nicht nur „das Geschlecht, das wir haben“, was sich auf die Genitalien bezieht. Diese Disziplin untersucht die Geschlechter als eine intrinsische Eigenschaft des Menschen.

Es wird über die Geschlechter im Plural gesprochen und man bezieht sich auf Männer und Frauen. Die Geschlechter sind zwei, aber die Möglichkeiten, sich als Mann oder Frau zu fühlen und zu leben, sind unendlich. Die  substanzielle Sexualwissenschaft ist also eine Disziplin, die die Geschlechter als eine diversifizierende Tatsache betrachtet.

Warum ist sie „substanziell“?

Es gibt weitreichende Literatur für diejenigen, die das Thema interessiert. Es gibt auch ausreichende Erkenntnisse und Theorien, um von der Sexualwissenschaft als eigenständiger Disziplin zu sprechen und nicht als Zweig oder Spezialisierung anderer. Unser sexologische Wissen ist jedoch fragmentiert und degradiert.

Dieselbe Fragmentierung wird in allen Disziplinen wahrgenommen, die das Geschlecht als Teil des Menschen betrachtet, nicht als vollkommenes Ganzes. Wir beziehen uns auf die Sexualpsychologie, Sexualanthropologie, Sexualmedizin usw. Diese Fragmentierung führt zu einer Verschleierung des sexologischen Wissens.

Paar küsst sich im Bett

Weiterhin wird die Sexualwissenschaft gemeinhin mit dem assoziiert, was Menschen in ihren Betten tun, und nicht mit Tatsachen über deren Geschlechter. Sie ist allerdings viel umfangreicher und umfasst nicht nur intime Beziehungen, sondern alle Fragen, die mit Menschen als geschlechtlichen Wesen zu tun haben.

Die substanzielle Sexualwissenschaft erhält diesen Namen, weil sie als die Sexualwissenschaft steht, die all dieses Wissen vereint, strukturiert, harmonisch und stimmig in einer eigenen Disziplin zusammenfasst.

Dabei unterscheidet sie sich von jenen Bereichen, die durch das Kompositionsglied „Sexual-“ definiert werden, das einen (manchmal allzu kleinen) Zweig bezeichnet. Sie wird stattdessen zur Wissenschaft, zu eben jener Disziplin, die die Geschlechter untersucht.

Die Vorteile der substanziellen Sexualwissenschaft

Eine eigene Einheit zu sein, mit eigener Geschichte, Episteme, Methodik und spezifischen Werkzeugen, ermöglicht es der Sexualwissenschaft, Schwierigkeiten und Probleme effektiver und vollständiger zu behandeln. Hier sind eine Reihe von Vorteilen dieser Neuformulierung:

  • Besser ausgebildete Fachleute. Die substanzielle Sexualwissenschaft garantiert, dass Fachleute über ein breites Wissen zum menschlichen Sexualakt verfügen und nicht bloß über ein bestimmtes Teilgebiet informiert sind.
  • Förderung der Vielfalt. Die Untersuchung des Geschlechts nicht nur als Unterscheidungsmerkmal, sondern auch als Quelle der Vielfalt, gewährleistet das Verständnis aller Nuancen der sexuellen Bandbreite. Gleichzeitig ermöglicht es einen ganzheitlichen Ansatz, mit den Problemen und Schwierigkeiten von Männern und Frauen umzugehen.
  • Akademischer Protagonismus. Der einheitliche Diskurs der substanziellen Sexualwissenschaft ermöglicht es, dass in dieser Disziplin Abschlüsse gemacht werden können. Die Formel, das gesamte sexologische Wissen zu vereinen und in einer Disziplin zu harmonisieren, ist an sich schon eine hohe Motivation, das Ziel zu erreichen.
  • Eine Disziplin im Dienste der Gesellschaft. Dieses Wissen kann Zweifel in weitverbreiteten Fragen klären. Begriffe wie Jungfräulichkeit, Verlangen, Verführung oder Praktiken, die weniger gut sichtbar sind, werden von Vorurteilen und Stereotypen befreit. Und dies wird durch die Experten der substanziellen Sexualwissenschaft erreicht, durch eine bessere Qualität der Sexualkunde.
Paartherapie

Die substanzielle Sexualwissenschaft ist also diejenige, die die sexuelle Vielfalt am besten beschreibt. Darüber hinaus integriert sie sämtliche Diskurse über die Geschlechter und alles, was sie beinhalten. Der Begriff substanziell als Rechtfertigung dafür, was Sexualwissenschaft ist und zu sein hat, muss seine Aufgabe dabei nur vorübergehend erfüllen: Wenn die Sexualwissenschaft die Bedeutung und das Wesen erlangt, das sie verdient, wird es nicht länger nötig sein, sie so zu nennen, denn sie wird dann bereits substanziell sein.