Studie: Augenbewegungen verraten, wie du Entscheidungen triffst

Unsere Augen sind faszinierend. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse über unser Sehorgan bringen uns immer wieder zum Staunen.
Studie: Augenbewegungen verraten, wie du Entscheidungen triffst
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 11. Januar 2023

Gehörst du zu denen, die impulsive Entscheidungen treffen, oder benötigst du mehr Zeit, Ruhe und Raum zum Nachdenken? Was auch immer dein Stil ist: Deine Augenbewegungen verraten, wie du denkst. Die Augen sind das Spiegelbild der Seele, das wissen wir schon lange, doch es gibt auch immer mehr wissenschaftliche Studien und objektive Daten, die uns Erstaunliches über unser Sehorgan verraten.

Die University of Colorado Boulder in den Vereinigten Staaten hat kürzlich eine Studie in der Zeitschrift Current Biology veröffentlicht, die erstaunliche Resultate preisgibt. Wenn wir vor einer Entscheidung stehen, kann unser Blick einen objektiven Hinweis darauf geben, wie wir sie treffen. Das geht so weit, dass Wissenschaftler erkennen können, wer eine Entscheidung eher rational oder emotional trifft.

Außerdem ist diese Forschung der Ausgangspunkt für ein neues Forschungsgebiet: Augenbewegungen könnten Hinweise darauf geben, wer an Depressionen oder Anzeichen von Parkinson leidet. Die Wissenschaft schreitet voran und wir verstehen die Geheimnisse des menschlichen Gehirns und unserer Augen immer besser.

“Langsamere Augenbewegungen können nach Ansicht von Experten ein Symptom für Parkinson, Depressionen oder Schizophrenie sein.”

Frau beobachtet ihre Augenbewegungen im Spiegel
Die Augen spiegeln unsere Emotionen und auch psychische Problem wider. 

Die Geheimnisse unseres Blicks

Die Augen haben schon immer die Aufmerksamkeit der Wissenschaft, der Parawissenschaft und des Aberglaubens auf sich gezogen. Im 19. Jahrhundert versuchte die Optographie, das letzte Bild zu fixieren, das ein Mensch vor seinem Tod sieht. Diese Idee basiert auf einer Beobachtung, die der Jesuiten-Mönch Christoph Scheiner im 17. Jahrhundert gemacht hatte: Er beobachtete ein Bild auf der Netzhaut eines Frosches und interpretierte es als den letzten Blick des Tiers vor seinem Tod.

Mit dem Aufkommen der Fotografie im Jahr 1840 wurde diese Idee aufgegriffen und auf den Bereich der Kriminologie übertragen. Leider fand die Polizei, die 1888 die Verbrechen von Jack the Ripper untersuchte, keine Hinweise durch die Analyse der Augen der Opfer.

Im 20. und 21. Jahrhundert setzte sich das Interesse an unserem Blick und seinen Geheimnissen fort, die Wissenschaftler konzentrierten sich jedoch insbesondere auf die Pupillen. Im Jahr 2014 erklärte das Leiden Institute for Brain and Cognition in einer Studie, dass sich unsere Pupillen erweitern können, wenn wir Emotionen empfinden.

Es wurden auch wenig stichhaltige und unzuverlässige Theorien entwickelt, beispielsweise wurde behauptet, dass die Augenfarbe mit der Persönlichkeit zusammenhängt. Eines ist heute jedoch klar: Unsere Augen spiegeln viele Prozesse wider, die im Gehirn ablaufen, vorwiegend diejenigen, die mit Gedanken und Emotionen zu tun haben.

Im Marketing weiß man, dass es wichtig ist, auf die Bewegung der Augen zu achten, um das Interesse einer Person an einem Produkt zu erkennen.

Augenbewegungen und Entscheidungen

Stell dir vor, du wirst in ein japanisches Restaurant eingeladen und erhältst eine abwechslungsreiche und köstliche Speisekarte mit endlosen Sushi-Sorten angeboten. Du würdest es nicht merken, aber deine Vorlieben würden sich in deinen Augen widerspiegeln. Eine intensivere Augenbewegung bei Menschen spiegelt die Entscheidungen wider, die für sie von Interesse sind.

Genau das erklärt die erwähnte Studie der University of Colorado Boulder. Die schnellen Augenbewegungen, die zu beobachten sind, wenn wir eine Entscheidung treffen, werden Sakkaden genannt. Wir vertiefen uns etwas mehr in dieses Thema.

Unwillkürliche Augenbewegungen

Wir verraten mit unserer Körpersprache viele Daten: Die Kommunikation erfolgt nicht nur durch Worte, sondern auch durch Bewegungen, Gesten, Körperhaltungen und Augenbewegungen. Die sakkadischen Augenbewegungen erfolgen jedoch unbewusst. Sie geben preis, was im Gehirn vor sich geht.

Nehmen wir ein Beispiel. Wenn du online zwei Kopfhörer zum gleichen Preis miteinander vergleichst und den einen ohne Versandkosten erhältst, entstehen bei diesem intensivere Sakkaden. Bedenke, dass es sich um äußerst schnelle Bewegungen handelt, die weit weniger als eine Millisekunde und einen Wimpernschlag dauern.

Depressionen und Parkinson

Colin Korbisch, der Autor dieser Studie, liefert eine weitere, nicht weniger relevante Tatsache. Menschen mit verlangsamten Sakkaden korrelieren mit Patienten, die an Depressionen und auch an der Parkinsonschen Krankheit leiden. Außerdem ist diese Besonderheit charakteristisch für verschiedene psychische Störungen wie Schizophrenie.

Diese Informationen eröffnen ein neues Forschungsfeld. So hätten wir zum Beispiel eine weitere Variable, um genauere Diagnosen zu stellen.

Augenbewegungen verraten viel über uns
Wenn wir Entscheidungen treffen sind die Sakkaden intensiver.

Ein Feld, das es zu entdecken gilt

Unsere Augen sind mehr als nur das Fenster zur Seele, sie sind das Spiegelbild unserer Gefühle, unserer Entscheidungen und sogar unserer Krankheiten. Die direkte Verbindung zum Gehirn ermöglicht es uns nicht nur, alles zu sehen und zu genießen, was uns umgibt. Die Augen spiegeln auch unsere Vorlieben und sogar unsere Verarbeitungsgeschwindigkeit wider.

Wenn wir es mit einer depressiven Störung oder einer neurologischen Erkrankung zu tun haben, verlangsamen sich ihre Bewegungen, und das eröffnet der Wissenschaft neue Forschungsbereiche. Wir sind zuversichtlich, dass wir in den nächsten Jahren neue Erkenntnisse haben werden, die es uns ermöglichen, die Kraft unseres Blicks viel besser zu verstehen.

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  • Colin C. Korbisch, Daniel R. Apuan, Reza Shadmehr2 and Alaa A. Ahmed (2022) The vigor paradox: saccade velocity during deliberation encodes utility of effortful actions. Current Biology | VOLUME 32, ISSUE 24, P5374-5381.E4, DECEMBER 19, 2022.  DOI:https://doi.org/10.1016/j.cub.2022.10.053
  • Murphy PR, Vandekerckhove J, Nieuwenhuis S. Pupil-linked arousal determines variability in perceptual decision making. PLoS Comput Biol. 2014 Sep 18;10(9):e1003854. doi: 10.1371/journal.pcbi.1003854. PMID: 25232732; PMCID: PMC4168983.

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