Optographie: die makabre Wissenschaft des 19. Jahrhunderts

Im 19. Jahrhundert entdeckte die Rechtsmedizin eine neue Methode, um Mörder zu finden. Eine düstere, mysteriöse Alternative und bis heute voller Fragen.
Optographie: die makabre Wissenschaft des 19. Jahrhunderts

Letzte Aktualisierung: 10. August 2021

Das 19. Jahrhundert war eine der interessantesten Epochen der Zeitgeschichte. Das Aufkommen sozialer Bewegungen, die Industrialisierung, zunehmende Schulbildung und wissenschaftliche Verbesserungen führten zu einer Reihe von Innovationen, aber auch zu den unterschiedlichsten Überzeugungen, einschließlich der Optographie.

In einer Zeit, die von einem der berühmtesten Serienmörder (Jack the Ripper), einer Leidenschaft für das Jenseits und Sherlock-Holmes-Romanen geprägt war, überrascht es nicht, dass bestimmte unkonventionelle forensische Strömungen auftauchten. Eine der berühmtesten und umstrittensten war der Versuch, die abscheulichsten Verbrechen auf eine wirklich moderne Weise zu lösen: durch das letzte Bild, das eine Person vor ihrem Tod sieht.

Auch wenn es heute etwas absurd erscheinen mag, müssen wir bedenken, dass die Fotografie am Ende des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt erlebte. Sie wurde auch von einem Großteil der Gesellschaft als etwas Exotisches, Mysteriöses und sogar Magisches angesehen. Daher ist es nicht verwunderlich, dass einige Spezialisten auf die eigenartige Idee kamen, eine Wissenschaft basierend auf dieser Disziplin zu schaffen: die Optographie.

Was bedeutet Optographie?

Der etymologische Ursprung dieses Wortes beruht auf zwei griechischen Begriffen: opto- ὀπτός (sehen) und grapho- γράφω (schreiben). Es wurde 1877 offiziell an der Deutschen Universität Heidelberg verbreitet.

Der Name Optographie wurde von Wilhelm Friedrich Khüne, Professor der Physiologie, geprägt. Dieser Universitätsprofessor interessierte sich für eine originelle Theorie, die von einem anderen Kollegen, Franz Christian Boll, entwickelt worden war. Der Physiologe behauptete, dass sich in der Netzhaut ein Pigment befindet, das sich bei Licht verfärbt… und bei Dunkelheit wieder auftaucht.

Eine solche Entdeckung eröffnete eine neue Welt von Hypothesen und Theorien, die versprachen, die forensische Wissenschaft zu revolutionieren. Khüne war sich sicher, dass es dank dieser Studie möglich sein würde, die Identität eines jeden Mörders allein durch die Analyse der Netzhaut der Leiche herauszufinden. Das letzte von der toten Person gesehene Bild würde es ermöglichen, den Täter zu finden. Sie mussten nur die Netzhaut extrahieren und versuchen, das letzte im Auge gespeicherte Bild mit Chemikalien zu erhalten.

Die Optogramme (wie diese Bilder genannt wurden) waren bereits mehr als hundert Jahre zuvor analysiert worden. Der Verantwortliche, der Ordensbruder Christopher Schiener, entdeckte beim Sezieren eines Frosches die letzte Vision, bevor er starb. Dieses Bild hat ihn tief geprägt und legte den Grundstein für das Studium dieser umstrittenen Praxis.

Die Grausamkeit der Innovation

Zwar waren Khünes Absichten gut, doch nicht so seine Methoden. Diese waren moralisch fragwürdig und grausam, was ihn nicht zu stören schien. Die Optographie sollte die Welt verändern!

Seine Analysen bestanden in der (offensichtlich unfreiwilligen) Unterwerfung bestimmter Tiere wie kleine Frösche und Kaninchen. Er zwang sie, lange Zeit auf extrem helle Objekte zu schauen, und als die eingestellte Zeit verstrich, enthauptete er sie.

Danach stach er ihnen die Augen aus und entfernte in der Dunkelheit jenen Teil der Netzhaut, der theoretisch das berühmte Pigment enthielt. Dieses fixierte er anschließend in einer chemischen Lösung, um es konservieren zu können.

Die Wissenschaft löst nie ein Problem, ohne 10 weitere zu schaffen.

George Bernard Shaw

Solche Gräueltaten wären weniger verbreitet gewesen, wenn sie nicht in einigen Fällen funktioniert hätten. Konkret war eines der bekanntesten Experimente von Khüne ein Kaninchen, dessen letzter Blick auf ein Fenster (angeblich) erfolgreich eingefangen wurde.

Die Zahl der Tiere, die für diese Art von Experimenten verwendet wurden, ist sehr groß. Heute werden solche Praktiken schnell angeprangert, doch in einer so wichtigen Zeit für Medizin und Biologie war das Leid der Tiere kein Thema.

1880 wurden die größten Wünsche des Physiologen erfüllt. Die Enthauptung eines Häftlings, der des Mordes an seiner Familie beschuldigt wurde, ermöglichte ihm zum ersten Mal, mit der menschlichen Netzhaut zu experimentieren.

Das Ergebnis der Pigmentanalyse zeigte laut Khüne das letzte Bild, das der Gefangene gesehen hatte: die Guillotine-Klinge. Einige Zeitgenossen lehnten diese Annahme ab und schlugen vor, dass es sich um ein anderes Bild handeln könnte, aber schließlich setzte sich die ursprüngliche Idee durch.

Ein Jahr später veröffentlichte Khüne ein Buch mit dem Titel Beobachtungen zur Anatomie und Physiologie der Retina, in dem er erneut den Erfolg seines Experiments versicherte. Es gibt jedoch keine wissenschaftlichen Beweise dafür.

Evolution der Optographie

Im Laufe der Jahre haben Gerichtsmediziner und die Polizei diese Art der Analyse als unbegründet abgelehnt. Trotzdem verbreitete sich diese Theorie in Form einer urbanen Legende, die noch lange in der kollektiven Vorstellung überleben sollte.

Viele Bücher, Filme und Serien nutzen weiterhin den Mythos der Optographie. Besonders berühmte Schriftsteller wie Rudyard Kypling oder Jules Verne fanden in diesen Geschichten Inspiration, ebenso wie einige Fernsehformate wie Dr. Who.

Das schuldige Vergnügen des Makabren verlockt auch heute noch viele Menschen. Die Wissenschaft birgt noch viele Geheimnisse, die wir zu entdecken wünschen. Doch Verantwortung und Menschlichkeit stehen an erster Stelle, um solche schrecklichen Versuche zu vermeiden.

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