Stress und persönlicher Raum – wenn andere deine Privatsphäre verletzen

· 23. November 2018

Dein persönlicher Raum ist ein privates, intimes und exklusives Terrain, das niemand erobern oder beanspruchen kann. Der Begriff „persönlicher Raum“ bezieht sich dabei nicht auf etwas rein Körperliches. Es geht dabei auch um ein anderweitiges invasives Eindringen in diesen Raum, zum Beispiel über laute Geräusche oder Gefühle, die andere Menschen aussenden. Dazu gehören auch stetige Unterbrechungen von privaten, stillen Momenten, in denen wir ganz für uns sein wollen.

Manchmal treffen wir auf Leute, die sich wie Dickhäuter durch das Leben bewegen. Sie benehmen sich wie große Elefanten, die in die persönlichen Räume anderer Menschen eindringen, auf ihren Rechten herumtrampeln und ihre Privatsphäre verletzen. Das passiert häufig am Arbeitsplatz und wirkt sich zweifellos auf die Produktivität aus. Dieses Verhalten erzeugt zudem hochgradigen Stress und ein Gefühl des Unbehagens.

Menschen brauchen einen sicheren persönlichen Raum, um sich geschützt zu fühlen, ihren Stress abbauen und fokussiert bleiben zu können.

Ein Aspekt zum Thema verdient besondere Beachtung: Der persönliche Raum bezieht sich nicht nur auf die Distanz, unter der wir die körperliche Anwesenheit von anderen Menschen tolerieren können. Sondern auch auf jene, unter der wir uns unwohl und sogar bedroht fühlen – sei es von der Stimme, dem Atem oder der Körperwärme einer anderen Person. Den persönlichen Raum kannst du als eine Blase verstehen, die jegliche Art von psycho-sensorischer Stimulation zum Platzen bringen kann.

Anders ausgedrückt können folgende Dinge gleichfalls Stress erzeugen: Möbel, Dekoration, mangelnde Beleuchtung oder der Geruch einer bestimmten Umgebung. Außerdem stellt es eindeutige Eingriffe in unsere Privatsphäre dar, wenn wir keine Pause machen können oder wenn wir kontinuierlich überwacht oder kontrolliert werden.

Ein surrealer Irrgarten mit Rose im Zentrum

Persönlicher Raum und Stress

Anne und Paul sind gerade Eltern geworden und fühlen sich überfordert. Der Stress, den sie gerade erleben, hat mit ihrem Baby nichts zu tun. Wohl aber mit ihrem Umfeld, der Familie, den Freunden und den Kollegen. Seitdem die werdende Familie ins Krankenhaus ging, wird ihr persönlicher Raum konstant von anderen, eigentlich geliebten Menschen betreten. Alle sind sie freudig erregt und hegen durchaus gute Absichten. Sie wechseln sich ab, um das neugeborene Kind zu sehen, nehmen es auf den Arm und verpassen den jungen Eltern unzählige gute Ratschläge.

Dieses kurze Beispiel zeigt, wie das persönliche Umfeld manchmal diese private Blase stürmen kann, die wir nur für uns selbst reserviert haben. Wir müssen nicht erst in einen überfüllten Aufzug steigen, um ein gewisses Unbehagen zu verspüren. Alltägliche „Aggressionen“ kommen oft von den Menschen, die uns am nächsten stehen. Hier entsteht unser dringendes Bedürfnis, zu lernen, wie wir Grenzen setzen können.

Dies erleben Psychologen demnach sehr häufig in ihren Beratungsgesprächen. Ihre Klienten fühlen sich bereits ihr halbes Leben nicht dazu in der Lage, ihre Privatsphäre zu schützen. Diese Unfähigkeit oder auch Unbeweglichkeit, mit den persönlichen Grenzen umzugehen, verursacht hohe emotionale Kosten. Die tiefsten Fundamente der eigenen psychologischen Architektur werden dadurch beschädigt und geschwächt.

Denke jedoch daran, dass ein immens wichtiger Schlüssel zum Überleben in folgenden Aktionen besteht: Du definierst deinen persönlichen Raum, du steckst Grenzen ab und du beschützt deine Privatsphäre. Das ist gleichzeitig auch eine Übung zur Selbsterkenntnis. Wir müssen begreifen, dass wir alle unsere Grenzen haben. Diese sollte niemand überschreiten, denn sonst betrifft das unser Selbstwertgefühl, unser seelisches Gleichgewicht und unsere kostbare Identität.

Frau wehrt mit deutlichen Handzeichen ein Näherkommen ab

Kümmere dich um dich selbst und deinen persönlichen Raum

Zwei Neurologen an des California Institute of Technology (Kalifornien, USA), Ralph Adolph und Daniel P. Kennedy, entdeckten, dass es eine besondere Gehirnstruktur gibt, die uns mitteilt, wo die Grenzen unseres persönlichen Raums liegen. Diese Struktur ist der Mandelkern, auch Amygdala genannt, ein kleiner Bereich unseres Gehirns, der mit Angst und unserem Überlebensinstinkt zu tun hat.

Das Gehirn definiert also die persönlichen Grenzen eines jeden Individuums. Wir können uns das wie ein persönliches Alarmsignal vorstellen, das uns informiert, wenn uns etwas oder jemand belästigt. Wenn etwas soweit in unsere Privatsphäre eindringt oder unsere Integrität verletzt, dass unser Wohlbefinden bedroht ist. Diese Grenzen liegen bei jeder Person woanders. Manche Menschen fühlen sich bereits durch einen minimalen Reiz so richtig gestresst und überfordert. Andere haben da einen größeren Toleranzbereich.

Die Wissenschaft der Distanz im Raum bei verbaler und nonverbaler Kommunikation nennt sich Proxemik, und sie erinnert uns an eine unserer größten Angstquellen: Wir können Tag für Tag bezeugen, dass wir auf jede erdenkliche Weise immer weiter eingeengt werden. Damit nicht genug, dass wir für alles immer weniger körperlichen Raum zur Verfügung haben. Nein, dazu kommt, dass so viele Reize gleichzeitig auf uns einprasseln, dass der Druck so hoch ist und dass um uns herum so viel Interaktion stattfindet. Da ist dann so viel los, dass wir gar nicht dazu kommen, persönliche Filter festzulegen. Wir lassen zu, dass alles auf uns einstürmt. Dann werden wir davon eingefangen und regelrecht umzingelt …

Frau im blauen Kleid trägt einen Wasserbehälter über den Kopf gestülpt

Du bist aufgerufen, dich zu schützen

Wir müssen mit unseren persönlichen Grenzen umgehen können. Wir müssen lernen, wie wir eine körperliche als auch eine psychologische Entfernung von allen äußeren Dynamiken festlegen können. Wir meinen damit die Dynamiken, die unsere Privatsphäre angreifen und als machtvolle Stressquellen fungieren. Manchmal dringen unsere Kollegen in unseren persönlichen Raum ein. Eine Umgebung, die sehr geräuschvoll, übermäßig farbig, winzig oder bedrückend ist, kann auch zu Problemen führen.

In anderen Fällen geht es darum, unseren persönlichen Raum zu schützen. Da hilft es uns, nein zu sagen und klarzumachen, was wir tolerieren und was wir nicht „verstoffwechseln“ können. Wenn wir dies offen aussprechen und zeigen, wo unsere persönliche Grenzen liegen, dann können wir mit anderen um einiges besser interagieren. Wenn wir das beherzigen, werden wir dazu in der Lage sein, ein angenehmeres soziales Umfeld zu generieren. Ein Umfeld, in dem es respektvoll zugeht, das fruchtbar und vor allem gesund ist.