Stress und Allostase: Anpassungsmechanismen an chronische Belastungen

Wenn Stress chronisch wird und wir uns ständig anpassen müssen, erschöpfen sich mit der Zeit die Energie, die Konzentrationsfähigkeit und die Produktivität.
Stress und Allostase: Anpassungsmechanismen an chronische Belastungen
Gorka Jiménez Pajares

Geschrieben und geprüft von der Psychologe Gorka Jiménez Pajares.

Letzte Aktualisierung: 22. Januar 2023

Stress entsteht als Reaktion auf starke körperliche oder psychische Belastungen. Damit versucht der Organismus, sich an schwierige Situationen und  Umweltbedingungen anzupassen. Es handelt sich um einen lebenswichtigen Mechanismus. Wir wissen jedoch auch, dass chronischer Stress krank macht und dass es sich nicht um den einzigen Anpassungsmechanismus handelt: Auch die Allostase ist eine Reaktion auf chronische Belastungen – ein aktiver Anpassungsprozess, um den Umgang mit Stressoren zu erleichtern. Erfahre anschließend mehr über diese Anpassungsmechanismen.

Frau schreibt über Stress und Allostase
Die Stressreaktion aktiviert das Nerven- und Hormonsystem und versetzt dich in einen Alarmzustand.

Was ist Stress?

Der Mediziner Hans Selye definiert Stress als eine unspezifische Reaktion auf einen Reiz (Stressor). Das Nerven- und Hormonsystem wird aktiviert und versetzt den Organismus in einen Alarmzustand, um sich an die Situation anpassen zu können. Dieser Mechanismus ist lebenswichtig, doch eine längere Aktivierung ist gesundheitsschädlich.

Es gibt zwei Variablen, die berücksichtigt werden müssen: die Intensität und die Dauer des Stressors.

Das Allgemeine Anpassungssyndrom (AAS)

Das Allgemeine Anpassungssyndrom nach dem Modell von Hans Selye beschreibt das Reaktionsmuster auf anhaltende Stressreize in drei Phasen: Alarmphase, Widerstandsphase und Erschöpfungsphase. Wir sehen uns diese Phasen etwas genauer an.

1. Alarmphase

Sind Stressoren vorhanden, wird der Körper durch die vermehrte Ausschüttung von Hormonen in einen Alarmzustand versetzt. Diese Aktivierung erhöht die Leistungsbereitschaft, um uns auf die Konfrontation oder die Flucht vorzubereiten. Verschiedene Symptome dieser Alarmreaktion sind:

  • Erhöhter Blutdruck, Herzrasen oder Herzklopfen
  • Schweißausbrüche
  • Erhöhte Durchblutung von Muskeln, Herz und Gehirn
  • Freisetzung von Adrenalin, Kortikotrophin und Kortikoiden
  • Hyperglykämie
  • Diurese

“Es gibt Wichtigeres im Leben, als beständig dessen Geschwindigkeit zu erhöhen.”

Mahatma Gandhi

2. Widerstandsphase

Wenn die Stresssituation länger andauert, kommt es in der Widerstandsphase zu einer Gegenreaktion. Der Parasympathikus versucht, die Alarmreaktion abzuschwächen, die Ausschüttung von Adrenalin, Noradrenalin und Cortisol bleibt jedoch aufgrund der Dauerbelastung hoch. Das hat seinen Preis: Die Schilddrüsenfunktion und die Fortpflanzungsorgane werden beeinträchtigt, außerdem kommt es vermehrt zu entzündlichen Prozessen.

Cortisol ist ein Hormon der Nebennierenrinde, das als Stresshormon bekannt ist, da es an verschiedenen Stoffwechselvorgängen beteiligt ist und bei Stress vermehrt freigesetzt wird.

3. Erschöpfungsphase

Lang anhaltender Stress führt schließlich zur Erschöpfung, der der Organismus nicht mehr in der Lage ist, den Widerstand gegen den Stressor aufrechtzuerhalten. In der Erschöpfungsphase erleben Betroffene typische Symptome wie Müdigkeit, verringerte Leistungsfähigkeit oder auch Angst und Depressionen. Der Organismus weist darauf hin, dass er Ruhe und Erholung benötigt, um neue Energie zu tanken.

Homöostase

Homöostase bedeutet Gleichgewicht. Trotz der Veränderungen, die durch widrige Umstände hervorgerufen werden, versuchen wir immer, den Mittelweg zu finden: Frieden, Gleichgewicht, Homöostase. Wir werden immer wieder mit Situationen konfrontiert, die unser Gleichgewicht bedrohen: Krankheiten, beruflicher Stress, finanzielle Schwierigkeiten, Beziehungsprobleme, Kriege…

Es gibt Situationen, in denen wir uns nicht in der Lage fühlen, Lösungen oder Auswege zu finden, da sie unsere Bewältigungskapazität übersteigen. Wir verfügen jedoch über Anpassungsmechanismen, die uns dabei helfen.

Allostase und allostatische Belastung

Die Forscher Peter Sterling und Joseph Eyer entwickelten aus der Theorie der Homöostase das Konzept der Allostase, das sich auf einen aktiven Anpassungsprozess bezieht, der es uns ermöglicht, mit Stressoren umzugehen. Die ursprüngliche Definition lautete “Stabilität durch Veränderung”. Es handelt sich um einen Regulationsprozess, der zur Wiederherstellung der Homöostase führen soll: Der Sollwert wird vom Gehirn angepasst, um dies zu erreichen.

McEwen, ein bekannter Experte auf dem Gebiet der Homöostase, prägte ein weiteres Konzept: Wenn der Sollwert ständig angepasst wird (beispielsweise ein dauerhaft hoher Blutdruck) hat das einen Preis, den dieser Forscher als allostatische Last bezeichnet. Die Konsequenzen einer zu starken allodynamischen Regulation sind vielseitig, denn sie kann die Hirnarchitektur verändern und Krankheiten auslösen.

Gestresste Frau denkt über Allostase nach
Die allostatische Last bezieht sich auf den Tribut, den Stress fordert, wenn er über einen längeren Zeitraum anhält.

Die Konzepte Allostase und allostatische Last erklären die Konsequenzen von chronischem Stress. Unser Ziel sollte immer die Homöostase (Gleichgewicht) sein, auch wenn uns das Leben immer wieder vor Herausforderungen stellt und das Gleichgewicht deshalb nie perfekt sein wird. Du solltest auf jeden Fall versuchen, Stress über einen längeren Zeitraum zu verhindern und Werkzeuge zur Bewältigung zu lernen.

“Denke immer daran, dass es nur eine wichtige Zeit gibt: Heute. Hier. Jetzt.”

Leo Tolstoi

Literaturempfehlung



  • Belloch, A. (2021). Manual de psicopatología, vol I.
  • Barrio, J. A., García, M. R., Ruiz, I., & Arce, A. (2006). El estrés como respuesta. International Journal of Developmental and Educational Psychology, 1(1), 37-48.
  • Pilnik, S. D. (2010). El concepto de alostasis: un paso más allá del estrés y la homeostasis. Rev. Hosp. Ital. B. Aires, 30(1), 7-12.
  • Duval, F., González, F., & Rabia, H. (2010). Neurobiología del estrés. Revista chilena de neuro-psiquiatría, 48(4), 307-318.
  • López, M. J. El estrés, la ansiedad y las emociones en el deporte desde un punto de vista evolutivo: alostasis versus carga alostática.

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