Stillschweigen oder Schreien: das dramatische Pendel der Emotionen

· 2. Januar 2019

Es ist nicht übertrieben, wenn wir sagen, dass wir, was Emotionen anbelangt, ein wenig ungebildet seien. Uns werden Regeln und Werte vermittelt, aber nicht, wie wir mit unseren Gefühlen umgehen sollen. Man geht einfach davon aus, dass uns unser Verständnis für Moral und Ethik leiten und dass das ausreichen werde. Deshalb kommt es manchmal vor, dass wir im Erwachsenenalter immer noch nicht wissen, wie wir unsere Emotionen regulieren können. Genau das ist beim „Pendel der Emotionen“ der Fall.

Dieses Thema hat mit der Verarbeitung von Wut, einem der am meisten missverstandenen Gefühle, zu tun. Das Pendel der Emotionen zeichnet sich dadurch aus, dass sich ein Mensch dazu entschließt, gegen ihn gerichtete Anfeindungen herunterzuschlucken oder etwas, das ihm im Umgang mit einer anderen Person missfällt, stillschweigend hinzunehmen. Nach einer gewissen Zeit ist das Fass im wahrsten Sinne des Wortes voll und der Betroffene platzt wie eine Bombe. Er verhält sich also wie ein Pendel, das von einem Extrem zum anderen schwingt, zwischen Stillschweigen und Schreien hin und her.

„Es ist schwieriger, mit Anmut und Sanftmut zu antworten, als mit Verachtung zu schweigen. Schweigen ist manchmal eine schlechte, eine sehr bittere Antwort.“

Gar Mar

Das Pendel der Emotionen wird oft denjenigen zuteil, die sich vor ihren eigenen Gefühlen, insbesondere vor ihrer Wut, fürchten. Aus diesem Grund wissen sie nicht genau, wie sie dem Grenzen setzen, wie andere mit ihnen umgehen. Das führt dazu, dass sie von einem Extrem zum anderen wechseln und sie ihre aggressiven Emotionen nicht richtig handhaben. Aber hier ist nicht Hopfen und Malz verloren, denn man kann immer lernen, auf andere, effektivere Weise mit seinen Gefühlen umzugehen.

Das Pendel der Emotionen und Selbstbeherrschung

Was mit Selbstbeherrschung gemeint ist, wird nicht immer richtig verstanden. Schnell wird dieser Begriff mit der Unterdrückung von Gefühlen verwechselt, obwohl das zwei sehr unterschiedliche Realitäten sind. Im ersten Fall geht es um das Ergebnis unseres Bewusstseins, im zweiten Fall um das Ergebnis unserer eigenen Konditionierung oder Angst.

Schiff und Leuchtturm auf einer Hand

Der erste große Unterschied besteht darin, dass ein Mensch, der sich selbst beherrscht, eine Einstellung entwickelt hat, die ihm in emotional sehr intensiven Situation hilft. Mit anderen Worten wird bei dieser Haltung hart an dem Ziel gearbeitet, nicht die Gelassenheit zu verlieren. Dabei handelt es sich um einen Lebensstil, der das Ergebnis einer bewussten Selbstachtung ist. Menschen mit solch einer Einstellung zeichnen sich dadurch aus, dass eine Situation sie nur selten dazu bringt, aus ihrer Haut zu fahren.

Wenn man seine Gefühle allerdings unterdrückt, werden diese nicht reguliert. Gefühle werden auf eine sehr intensive Weise empfunden, aber sie werden nicht zum Ausdruck gebracht. Hier entsteht ein Ungleichgewicht zwischen dem, was empfunden und dem, was ausgedrückt wird.

Natürlich müssen wir manchmal auch etwas herunterschlucken, um zu verhindern, dass eine Situation eskaliert. Doch wer sich die Unterdrückung von Gefühlen zur Gewohnheit gemacht hat, betreibt mehr als nur Deeskalation: Im Grunde genommen möchte er in vollem Maße ausdrücken, wie er sich fühlt, aber aus irgendeinem Grund kann er das nicht tun.

Der Teufelskreis des Pendels der Emotionen

Menschen, die ihre Emotionen unterdrücken, haben häufiger mit diesem Pendel der Emotionen zu kämpfen, bei dem sie entweder absolutes Stillschweigen bewahren oder es aus ihnen unerwartet herausplatzt. Für gewöhnlich haben sie das Gefühl, dass sie nicht wissen, wie sie ihr Unbehagen zum Ausdruck bringen sollen. Sie sind davon überzeugt, dass man Unstimmigkeiten oder Unbehagen nur durch Wut ausdrücken könne. Und daraus folgt zwangsläufig ein Konflikt, obwohl es genau das ist, was sie vermeiden wollen.

Frau versucht, den Weg in der Dunkelheit zu finden

Auch kommt es häufig vor, dass sie glauben, nicht das Recht zu haben, Uneinigkeiten oder Beschwerden zum Ausdruck zu bringen. In gewisser Weise denken sie, dass ihre Gefühle es nicht wirklich wert oder gerechtfertigt seien, um ausgedrückt und von anderen beachtet zu werden. Sie schweigen und schlucken sie herunter, weil etwas oder jemand sie hat glauben lassen, dass sie nicht sagen sollten, was sie empfinden.

Dieses angehäufte Unbehagen erreicht irgendwann einen Höhepunkt. An diesem Punkt wird die Person jenes Gefühl urplötzlich überkommen und es wird aus ihr herausbrechen. Was sie die ganze Zeit mit sich herumträgt, ist in Wahrheit eine Zeitbombe, die früher oder später explodieren muss. Die Folgen können so verheerend sein, dass sie im Nachhinein zu einem weiteren Grund werden, sich selbst zu hemmen und diesen Teufelskreis von vorn zu beginnen.

Weniger unterdrückte Emotionen und mehr Selbstbestimmtheit

Im Grunde genommen gibt es nur eine einzige Lösung, um nicht in diesen Teufelskreis des Pendels der Emotionen, das von einem Extrem zum anderen schwingt, abzurutschen. Die Lösung liegt auf der Hand: Wir müssen so bald wie möglich sagen, was wir fühlen. Wir dürfen weder den besten Moment dafür abwarten noch auf die besten Begründungen dafür warten. Wenn wir augenscheinlich zum Ausdruck bringen, was wir zu sagen haben, ist unsere emotionale Last wesentlich geringer, als wenn wir abwarten und noch mehr Wut anhäufen.

Wenn wir unsere Gefühle unterdrücken, stellen wir uns selbst eine Falle. Irgendwann kommen wir an einen Punkt, an dem es uns unmöglich ist, selbstbestimmt zu sein, weil es schlichtweg zu viele angehäufte Emotionen gibt. Die Selbstbestimmtheit beschreibt die Fähigkeit, etwas auf eine Weise zu sagen, sodass unser Gegenüber das Gesagte richtig verstehen kann. Gleichzeitig müssen wir eindeutig und respektvoll ausdrücken, was wir sagen wollen. Vor allem aber müssen wir kohärent sein: Wir müssen ganz genau sagen, was wir denken oder fühlen.

Frau steht in brennendem Kleid am Strand

Sobald wir viel Wut angesammelt haben und es zu solchen explosiven Situationen kommt, ist es eigentlich unmöglich, selbstbestimmt aufzutreten. Wut und Groll machen uns blind. Sie machen es unmöglich, dass wir mit uns selbst kommunizieren können. Sie bringen uns dazu, andere zu verletzen, um auf diese Weise auf ihre Anfeindungen, die wir erhalten und bisher unterdrückt haben, zu reagieren. Unsere Gefühle zu unterdrücken führt daher nirgendwohin. Ganz im Gegenteil, es vergiftet uns von innen heraus und wir schaden dadurch nicht nur uns, sondern auch anderen.