Soziosexualität: Sex ohne Verpflichtung oder emotionale Bindung

Manche Menschen bevorzugen Gelegenheitssex ohne emotionale Bindung. Erfahre heute mehr über dieses sexuelle Verhalten.
Soziosexualität: Sex ohne Verpflichtung oder emotionale Bindung
Michael Schaller

Geprüft und freigegeben von Psychologe Michael Schaller.

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 30. Juli 2022

In Sachen Sexualität gibt es immer weniger Tabus, was sich in der wachsenden Akzeptanz verschiedener sexueller Orientierungen und Praktiken zeigt. Heute vertiefen wir uns in die Bedeutung der Soziosexualität, die körperliches Vergnügen ohne emotionale Bindung sucht.

Der Begriff wurde von dem Biologen und Sexualwissenschaftler Alfred Kinsey in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geprägt, jedoch erst in den 1990er-Jahren populär. Es wurden sogar psychometrische Instrumente entwickelt, um den Grad der Soziosexualität zu messen.

Soziosexualität bezieht sich nicht auf eine neue sexuelle Orientierung. Dieser Begriff bezeichnet ein Verhaltensmuster, das es schon immer gab. In der Vergangenheit waren jedoch Menschen, die Soziosexualität praktizierten, stigmatisiert, insbesondere Frauen. Inzwischen gibt es sogar Apps, die es soziosexuellen Menschen ermöglichen, miteinander in Kontakt zu treten, damit sie intime Begegnungen ohne Verpflichtung genießen können.

Soziosexualität: Sex ohne Verpflichtung oder emotionale Bindung

Was ist Soziosexualität?

Du fragst dich wahrscheinlich, wie sich Soziosexualität bei Menschen manifestiert: Handelt es sich dabei um ein kategorisches Konzept oder kann sich dieses Verhalten in verschiedenen Abstufungen äußern?

Der Psychologieprofessor Lars Penke entwickelte ein Instrument zur Messung dieses Verhaltens, das er Sociosexual Orientation Inventory (SOI-R) nannte. Dieser Test besteht aus einem Fragebogen mit neun Items, die in drei Kategorien eingeteilt sind:

  • Verhalten: gibt die Anzahl der Personen an, mit denen die befragte Person Gelegenheitssex hatte, ohne eine emotionale Bindung einzugehen.
  • Einstellung: bezieht sich auf die Meinung der Person über Soziosexualität.
  • Verlangen: bezieht sich auf den Wunsch der Person nach soziosexuellen Beziehungen.

Die resultierenden Daten ergeben ein Profil, das die Kompatibilität einer Person mit der Soziosexualität aufzeigt.

Geschlechtsspezifische Unterschiede

In der Vergangenheit wurden sexuell offene Frauen weitaus stärker stigmatisiert als Männer. Heute ist dies nicht mehr so zutreffend, dennoch sind noch immer Unterschiede und kulturelle Vorurteile zu beobachten, die das Sexualverhalten maßgeblich bestimmen.

Die Frage über geschlechtsspezifische Unterschiede bezüglich der Soziosexualität ist also berechtigt. Die Forscher betrachteten diese Variable von Anfang an als einen entscheidenden Faktor und nutzten daher das SOI-R, um zu testen, ob es Unterschiede zwischen Männern und Frauen gibt.

Es zeigte sich, dass Männer beim SOI-R höhere Werte erzielten als Frauen. Dieses Instrument zeigt also auf, dass sich Männer mit Soziosexualität wohler fühlen als Frauen. Bei diesen Verallgemeinerungen muss man jedoch vorsichtig sein, denn es gibt individuelle Unterschiede innerhalb eines Geschlechts, die ebenfalls zu berücksichtigen sind.

Die Psychologin Anna Campbell und die Soziologin Paula England haben gezeigt, dass heterosexuelle Männer mit der Soziosexualität zufriedener sind als Frauen. In diesem Fall berichten Frauen eher von Schuldgefühlen nach sexuellen Begegnungen ohne Zuneigung oder von der Enttäuschung darüber, dass die Beziehung nicht über den sexuellen Kontakt hinausgeht.

Es ist jedoch erwähnenswert, dass diese Ergebnisse variieren, wenn die Variable der sexuellen Orientierung eingeführt wird. Frauen, die sich selbst als bisexuell bezeichneten, erzielten zum Beispiel höhere Werte in der Kategorie Soziosexualität als Frauen, die sich als heterosexuell oder lesbisch bezeichneten.

Homosexuelle Männer zeigten in der Kategorie Einstellung ein höheres Maß an Soziosexualität als bisexuelle und heterosexuelle Männer.

Paar bevorzugt Soziosexualität ohne emotionale Bindung

Andere Faktoren, die mit Soziosexualität in Verbindung stehen

Neben dem Geschlecht und der sexuellen Orientierung gibt es weitere Variablen, die die Ausprägung von Soziosexualität maßgeblich beeinflussen. So scheinen die Ergebnisse darauf hinzudeuten, dass Menschen mit bestimmten individuellen Eigenschaften wie Offenheit für Erfahrungen, Extraversion oder Impulsivität höhere Werte im SOI-R haben.

Hingegen weisen Menschen mit stärker ausgeprägter Freundlichkeit, Bescheidenheit und Ehrlichkeit niedrigere Werte für soziosexuelles Verhalten auf.

Zudem entwickeln Menschen mit einem vermeidenden Bindungsstil eher ein soziosexuelles Verhaltensmuster. Im Gegensatz dazu ist die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen mit sicherer Bindung dieses Verhalten entwickeln, am geringsten.

Eine weitere Variable, die mit diesem Sexualverhalten zusammenhängt, ist die Religion. Menschen mit einer intrinsischen religiösen Orientierung – also Religiosität verbunden mit großer innerer Motivation – neigen zu einer geringen Soziosexualität. Probanden mit einer extrinsischen Religiosität – Religion als Mittel zur Erreichung von Zielen – weisen im SOI-R tendenziell höhere Werte auf.

Die Faktoren, die mit Soziosexualität in Verbindung stehen, sind hier nicht erschöpfend dargestellt. Das sexuelle Verhaltensmuster wurde unter anderem auch mit Variablen wie Alter und Psychopathie in Verbindung gebracht. Bei der Soziosexualität handelt es sich jedenfalls um ein sexuelles Verhalten, das nicht isoliert verstanden werden kann. Außerdem wird Soziosexualität von keinem Individuum auf die gleiche Weise oder mit der gleichen Intensität erlebt.

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