Wie der Bindungsstil den Sexualtrieb beeinflusst

In der Kindheit entwickeln wir bestimmte Bindungsmuster, die uns auch im Erwachsenenalter prägen.
Wie der Bindungsstil den Sexualtrieb beeinflusst

Geschrieben von Redaktionsteam

Letzte Aktualisierung: 30. Juni 2022

Sex ist Teil unseres natürlichen Ökosystems. Die Tatsache, dass der Sexualtrieb in unserer Natur liegt und wir über ausgeklügelte Mechanismen verfügen, die diese Funktion ermöglichen, bedeutet jedoch nicht, dass immer alles reibungslos funktioniert.

Aus Studien geht hervor, dass Probleme oft in ungesunden Bindungsstilen wurzeln, die das Vertrauen und die Komplizenschaft in der Entwicklung der sexuellen Beziehungen sowie die Erwartungen oder die Interpretation des Geschehens direkt angreifen.

Die Bindung ist ein angeborenes Bedürfnis, Beziehungen zu Menschen aufzubauen. Der Sexualtrieb ist ein Impuls, ein bereits bei der Geburt angelegtes Verlangen nach sexuellen Erlebnissen. Beide Konzepte sind eng miteinander verbunden, was wir in unserem täglichen Leben beobachten können: zum Beispiel, wenn ein Mensch in einer schädlichen Weise von einer anderen Person abhängig ist oder bei sexuellen Beziehungen vortäuscht, Zufriedenheit zu erreichen.

“Es gibt keine Liebe ohne Sexualtrieb. Die Liebe nutzt diesen Instinkt wie eine brutale Kraft, so wie eine Brigantine den Wind nutzt.”

Ortega y Gasset

Wie der Bindungsstil den Sexualtrieb beeinflusst
Der Bindungsstil beeinflusst sexuelle Beziehungen.

Die verschiedenen Bindungstypen

Die Art der Bindung hängt unter anderem von den Lebenserfahrungen und den persönlichen Charaktermerkmalen ab. John Bowlby, ein englischer Psychoanalytiker, entwickelte die Bindungstheorie und betonte, dass es verschiedene Typen gibt, die für das Verhalten und die Entwicklung des Menschen wesentlich sind.

Mary Ainsworth, eine amerikanische Psychologin, trug ebenfalls zu dieser Theorie bei, indem sie im Labor untersuchte, wie die Interaktion zwischen der primären Bezugsperson des Kindes und einer fremden Person im familiären Umfeld abläuft.

So entstand die Bindungstheorie aus der Analyse der Beziehung eines Kindes zu seiner Bezugsperson. Es gibt einen gewissen Konsens über die folgenden Arten von Bindung:

  • Sichere Bindung. Das Kind lernt, vertrauensvolle Beziehungen zu anderen aufzubauen.
  • Ängstliche und ambivalente Bindung. Das Kind lernt, dass es keinen Einfluss auf das Verhalten anderer hat. Die Eltern sind aufmerksam oder gleichgültig, ohne dass das Kind einen Zusammenhang mit ihrem Verhalten herstellen kann.
  • Vermeidende Bindung. Die Eltern sind nicht verfügbar und das Kind lernt, dass es sich nicht auf andere verlassen kann.
  • Desorganisierte Bindung. Es handelt sich um eine Mischung aus ängstlicher und vermeidender Bindung. Sie entsteht durch unsicheres oder vernachlässigendes elterliches Verhalten.

Bindung und Sexualtrieb: der Zusammenhang

Attaky & Dewitte (2021) untersuchten bei 100 Paaren den Zusammenhang zwischen Bindungstyp und Sexualtrieb. Dabei kamen sie zu dem Schluss, dass das sexuelle Verlangen höher ist, wenn die Ausprägung der vermeidenden Bindung geringer ist. Umgekehrt war das Verlangen bei einem ängstlichen Bindungsstil größer.

Die Ergebnisse dieser Studie deuten darauf hin, dass Menschen mit einer ausgeprägteren vermeidenden Bindung weniger Interesse an Sex haben, um Intimität zu vermeiden, während Menschen mit einer ängstlichen Bindung Sex für mehr Nähe oder Trost nutzen.

Andere Studien unterstützen diese Idee ebenfalls und schlagen vor, dass die vermeidende Bindung mit Intimitätsproblemen und Selbstgenügsamkeitsverhalten zusammenhängt, was zu sexuellen Problemen in der Beziehung und geringerem sexuellen Verlangen führt. Deshalb sind Menschen mit dieser Bindungsform möglicherweise stärker von Masturbation und Pornografie abhängig.

Personen mit einem ängstlichen Bindungsstil hängen von der Bestätigung ihres Partners oder ihrer Partnerin ab, da sie ein starkes Bedürfnis nach Anerkennung haben. Sie haben deshalb oft mehr sexuelles Verlangen, um dieses Bedürfnis zu stillen. Menschen mit vermeidender und ängstlicher Bindung können also Probleme in sexuellen Beziehungen haben.

Menschen mit einem sicheren Bindungsstil

Sie wissen, dass jeder andere Perspektiven und Grenzen hat, deshalb neigen sie dazu, ihren Instinkten zu vertrauen und mit dem Sexualtrieb selbstbewusster umzugehen. So können sie weniger oder mehr sexuelles Verlangen entwickeln, indem sie ihre eigenen Absichten und die ihres Partners oder ihrer Partnerin berücksichtigen.

Paar im Bett - Sexualtrieb
Sicher gebundene Menschen entwickeln ihr sexuelles Verlangen, indem sie sich selbst, aber auch andere berücksichtigen.

Bindung und Sexualtrieb: ein gesunder Weg

Wenn wir behaupten, dass Bindungsmuster, die wir in der Kindheit zu unserer primären Bezugsperson entwickeln, unser sexuelles Verlangen bestimmt, kann das den Eindruck erwecken, dass wir dadurch dazu bestimmt sind, toxische oder ungesunde Beziehungen einzugehen. Das ist jedoch nicht immer der Fall.

Die gute Nachricht ist, dass wir Möglichkeiten haben, mit denen wir auf diese potenzielle Beziehung reagieren können. Einige davon sind:

  • Gefühlsmanagement. Wenn du eher vermeidend bist, kann es hilfreich sein, die Intensität der Gefühle zu steigern. Bei Ängstlichkeit ist es besser, die emotionale Intensität zurückzuschrauben.
  • Impulsivitätskontrolle. Lerne, mit dem Handeln zu warten und innezuhalten, bevor du Sex initiierst oder ihm zustimmst.
  • Kommunikation. Stelle Fragen, um die Perspektive und das Verständnis für die Sichtweise der anderen Person zu gewinnen.
  • Emotionen. Trenne deine Emotionen und Wahrnehmungen von denen deines Partners oder deiner Partnerin.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Art der Bindung den Sexualtrieb bestimmen kann. Menschen mit unsicherer Bindung haben meist mehr Probleme. Personen mit ängstlichen Bindungsmustern, die sich vor dem Verlassenwerden fürchten, wollen vollständig mit ihrem Partner verschmelzen, was häufig zu einem größeren sexuellen Verlangen führt.

Menschen mit vermeidender Bindung, die sich vor Ablehnung fürchten, haben wiederum oft Schwierigkeiten, ihre Gefühle auszudrücken und deshalb einen schwächer ausgeprägten Sexualtrieb.

Wenn du deinen Bindungstyp kennst, kannst du eventuelle Muster erkennen und sie mit Willenskraft verändern. Selbstkenntnis ist nötig, um gesunde Beziehungen aufzubauen und sowohl die eigenen Bedürfnisse als auch die des Partners oder der Partnerin zu erkennen.

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