Soziale Dramaturgie: Wie wir Masken erschaffen, um zu interagieren

· 6. März 2019

Es ist möglich, unsere Interaktionen mit anderen zu analysieren, als wären wir in einem Theaterstück. Als ob unser soziales Leben aus einer Reihe von Maskeraden bestünde. Die soziale Dramaturgie ist ein mikro-soziologischer Ansatz, der sich mit der Erforschung des menschlichen Verhaltens und den Regeln beschäftigt, die unsere täglichen Interaktionen bestimmen.

In Platons Symposion  fragt Sokrates, welches Genre des antiken griechischen Dramas, der Komödie oder der Tragödie, dem wirklichen Leben ähnele. Sokrates argumentierte, dass es eine Tragödie sei. Und es war Erving Goffman, der Schöpfer des symbolischen Interaktionismus, der viele Jahre später sagte, das Leben sei wie eine Theaterbühne. Goffman war überzeugt, dass wir in jeder sozialen Interaktion, in der wir uns engagieren, bewusst oder unbewusst versuchen, ein konkretes Bild von uns zu projizieren. Mit anderen Worten, wir versuchen, zu manipulieren, wie andere uns wahrnehmen.

Was ist soziale Dramaturgie?

Laut Goffman sei unsere Persönlichkeit kein inneres Phänomen; stattdessen sei sie die Summe aller verschiedenen „Masken“, die wir im Laufe unseres Lebens angelegt haben. Tatsächlich verfolgen sowohl Theaterschauspieler als auch soziale Akteure das gleiche Ziel: in ihrer Interaktion mit ihren Mitmenschen kongruent zu sein. Um einen guten Eindruck zu vermitteln, müssen wir dramaturgische (soziale) Fähigkeiten und die notwendigen Kostüme und Requisiten haben.

All dies wird jedoch irrelevant, wenn sich die Darsteller auf der Bühne nicht über die Erwartungen und Grenzen ihres Spiels einigen können. Schließlich ist es ihre Interpretation, die impliziert, wie in einem bestimmten Umfeld, einem bestimmten sozialen Umfeld, zu handeln ist.

Paar nimmt sich gegenseitig die Masken ab

Die Bühne und der Backstage-Bereich

In der sozialen Dramaturgie gibt es zwei wichtige Elemente: die Bühne und den Backstage-Bereich. Die Bühne besteht insbesondere aus den Momenten, in denen wir für andere ein Bild von uns projizieren. Demgegenüber geht es im Bereich hinter der Bühne um unser Privatleben, das möglicherweise auch mit einer Maske bespielt werden kann, die wir für uns selbst tragen.

Soziale Dramaturgie besteht darin, zu wissen, wie man sich zwischen der Bühne und dem Backstage-Bereich bewegt. Darüber hinaus sind ein geschickter Wechsel von einem Set zum anderen und ein jederzeit geeignetes Kostüm wesentliche Voraussetzungen für den sozialen Erfolg. Und wer während des Spiels nicht weiß, wie er sich verhalten soll, ist eine Gefahr für die gesamte Besetzung des Ensembles und kann rausgeworfen werden.

Während wir unsere Handlung vollziehen, prägen unsere Kommentare und Äußerungen von Überraschung, Zustimmung oder Ablehnung die Meinungen der anderen über uns. Wir sind uns dessen bewusst, weshalb wir zu kontrollieren versuchen, was wir sagen, oder über unsere Gesten nachdenken und unsere instinktiven Reaktionen unterdrücken. Wir handeln jedoch immer. Darüber hinaus versuchen wir, unsere Rollen anhand der Umgebung, in der wir uns wiederfinden, zu definieren.

Wir passen uns immer an unsere jeweilige Rolle an. Genau wie bei Schauspielern können wir die erste Episode mit unserer Persönlichkeit und unserer Berufs-, Bildungs- oder Beziehungssituation undefiniert beginnen. Wir können dann anfangen, diese Aspekte zu ändern und anzupassen, sobald wir die Reaktion unseres Publikums erfahren. Von dort aus widmen wir unser Leben der Vertiefung des Charakters. Zumindest, bis sie unsere Show absetzen oder wir kündigen und die Maske wegwerfen müssen. Zum Beispiel könnten wir unseren Job aufgeben, uns von unserem Ehepartner scheiden lassen oder auf andere Weise einen Neuanfang wagen.

Bild und Verschleierung

Nach Goffman versuchen die Menschen in dieser sozialen Dramaturgie jedes Mal, wenn sie miteinander interagieren, ein ideales Bild von sich zu präsentieren. Das liegt daran, dass wir glauben, dass es von Vorteil sei, weniger schöne Seiten von uns zu verbergen:

  • Wir verbergen beispielsweise den Prozess des Probens für unsere Rolle: Wir sind wie ein Lehrer, der sich stundenlang auf seinen Unterricht vorbereitet, nur um in der eigentlichen Unterrichtsstunde dann so zu tun, als würde er sich schon ewig und bestens mit dem Thema auskennen. Mit anderen Worten, wir möchten lieber nur das Endergebnis unserer einstudierten Handlungen zeigen. Wir zeigen anderen Menschen nicht alle unsere „Outtakes“ oder wie oft wir unsere Gesten, Mimik und Sätze trainiert haben, bis wir sie endlich auswendig konnten. Das sind alles Dinge, die sich hinter den Kulissen abspielen.
  • Wir verbergen auch die ganze schmutzige Arbeit, die nötig war, um dorthin zu gelangen, wo wir jetzt sind. Unsere Rolle kann möglicherweise einen Dissens haben mit der Art und Weise, wie wir an die guten Ergebnisse gekommen sind, die wir nun auf der Bühne zeigen. Stellen wir uns zum Beispiel einen konservativen Politiker vor, der eine politische Kampagne erst durch den Verkauf seiner Integrität gewonnen hat. Er musste kämpfen um jeden Preis, um an die Position zu gelangen, an der er jetzt ist.
  • Außerdem verbergen wir, was uns davon abhalten könnte, mit unserer Rolle fortzufahren. Um das zu erreichen, behalten wir Kritik oft für uns selbst. Außerdem vermeiden wir es, auf Angriffe oder Beleidigungen so zu reagieren, dass das von uns ausgewählte Bild Schaden nehmen könne.

Entsprechend der sozialen Dramaturgie ändern sich unsere Rollen je nach Situation.

Die Händler der Moral

Wie Erving Goffman dazu sagte: „In ihrer Eigenschaft als Darsteller wird es den Einzelnen darum gehen, den Eindruck zu bewahren, dass sie den vielen Standards gerecht werden, nach denen sie und ihre Produkte beurteilt werden. Weil diese Maßstäbe so zahlreich und so durchdringend sind, leben die Individuen, die ja eben Darsteller sind, mehr als wir glauben in einer moralischen Welt. Aber als Darsteller ist der Einzelne nicht mit der moralischen Frage der Umsetzung dieser Standards befasst, sondern mit der amoralischen Aufgabe eines überzeugenden Eindrucks, dass diese Standards verwirklicht werden. Unsere Tätigkeit befasst sich also weitgehend mit moralischen Dingen, aber als Darsteller haben wir keine moralische Sorge mit ihnen. Als Darsteller sind wir Händler der Moral.“

Könnte da etwas Wahres dran sein?