Simon Baron-Cohen: ein außergewöhnlicher Autismusforscher

Der britische klinische Psychologe und der Direktor des Autismus-Forschungszentrums (ARC) in Cambridge ist für seine gewagten und umstrittenen Theorien bekannt.
Simon Baron-Cohen: ein außergewöhnlicher Autismusforscher
Cristina Roda Rivera

Geschrieben und geprüft von der Psychologin Cristina Roda Rivera.

Letzte Aktualisierung: 30. März 2023

Der kognitive Neurowissenschaftler Dr. Simon Baron-Cohen ist Leiter des Autismus-Forschungszentrums (ARC) an der Universität Cambridge. Er ist für seine “exzentrischen” Ideen – wie er sie selbst nennt – bekannt, die Aufmerksamkeit erregen, jedoch umstritten sind. “Der einsame Wolf der Autismusforschung”, “kreativer Rebell”, “populärwissenschaftlicher Held”… Diese und andere Etiketten beschreiben diesen Autismusforscher, der versucht, relevante Daten zu liefern, die zum Verständnis von Autismus-Spektrum-Störungen beitragen.

Simon Baron-Cohen und seine Theorien

Gedankenblindheit und Theory of Mind

Autisten haben oft Schwierigkeiten dabei, Gesehenes in einen räumlichen, zeitlichen oder sozialen Kontext einzuordnen. Mitte der 1980er-Jahre versuchte Baron-Cohen, dieses Phänomen mit seiner Theorie der Gedankenblindheit (Mind-Blindness) zu erklären. Anders als neurotypische Menschen haben seiner Meinung nach Personen im Spektrum Schwierigkeiten damit, sich in die Lage anderer zu versetzen und deren Gedanken, Gefühle, Wünsche, Emotionen und Verhaltensweise zu verstehen oder vorherzusagen.

Diese Fähigkeit wird als Theory of Mind (ToM) bezeichnet. In diesem Zusammenhang führten Baron-Cohen und Uta Frith eine Studie mit einer Gruppe vierjähriger Kinder durch. 20 Kinder hatten die Diagnose Autismus, 14 Down-Syndrom und 27 wurden als nicht beeinträchtigt eingestuft. Den Kindern wurde folgende Szene vorgespielt: Sally versteckt eine Murmel in ihrem Korb und verlässt dann den Raum. Anschließend kommt Anne, nimmt die Murmel aus Sallys Korb und legt sie in ihren eigenen. Danach wurden die Kinder gefragt, wo Sally ihre Murmel suchen wird.

Die richtige Antwort lautet: Sally glaubt, dass sich die Murmel in ihrem eigenen Korb befindet und wird sie da suchen. Dies deutet darauf hin, dass das Kind fähig ist, die Situation aus Sallys Perspektive zu beurteilen. In diesem Test antworteten 23 der 27 nicht beeinträchtigten Kinder und 12 der 14 Kinder mit Down-Syndrom die Frage richtig. Doch nur vier der 20 autistischen Kinder bestanden den Sally-Anne-Test. Baron-Cohen begründete dieses Ergebnis mit einem Mangel an Theory of Mind.

Simon Baron-Cohen: ein ganz besonderer Autismusforscher
Forscher gehen davon aus, dass die neuronalen Netze, die Emotionen und Sprache verarbeiten, bei autistischen Kindern weniger aktiv sind als jene Bereiche, die Objekte verarbeiten.

Extreme Male Brain Theory: der Einfluss der männlichen Geschlechtshormone

Baron-Cohen wurde durch seine umstrittene Extreme Male Brain Theory bekannt, die von einem Zusammenhang zwischen dem Testosteronspiegel im Mutterleib und der Entwicklung von Autismus ausgeht. Nach einer Untersuchung des Testosteronspiegel an 58 schwangeren Frauen stellte der Wissenschaftler fest, dass Kinder, die erhöhten Werten ausgesetzt waren, einen kleineren, jedoch hochwertigeren Wortschatz entwickelten und Probleme mit dem Blickkontakt hatten. Ihre sozialen Fähigkeiten waren geringer. Sie waren jedoch überdurchschnittlich gut in der Erkennung von Mustern und der Analyse von Systemen.

“Autismus tritt besonders häufig bei Jungen und Männern auf, aber liegt es daran, dass Jungen mehr an Systemen interessiert sind? Wir haben das mit Neugeborenen getestet. An ihrem ersten Lebenstag haben wir ihnen ein menschliches Gesicht und ein Handy gezeigt und dann gemessen, wie lange sie beide anschauten. Wir fanden heraus, dass Mädchen länger auf das Gesicht und Jungen länger auf das Handy schauten. Das deutet darauf hin, dass etwas, das mit “Männlichkeit” zu tun hat, auch mit Autismus und dem Interesse an Systemen zusammenhängt.”

Viele Experten sind allerdings skeptisch, denn es ist nicht ausreichend erforscht, welche Rolle das fetale Testosteron tatsächlich spielt. “Es ist nicht klar, ob die Theorie vorhersagt, dass
fötales Testosteron ausreicht, um Autismus zu verursachen, oder ob der fötale Testosteronspiegel mit anderen Markern der genetischen Anfälligkeit zusammenwirkt”, so David Skuse, Professor für Verhaltens- und Gehirnwissenschaften am University College London. Skuse erwähnt außerdem, dass die meisten von Baron-Cohen durchgeführten Analysen auf den Wahrnehmungen der Mütter über das Verhalten ihrer Kinder basieren und nicht auf objektiven Messungen.

Synästhesie und Autismus

Das Team um Baron-Cohen forschte auch über Synästhesie und Autismus. Der Begriff Synästhesie beschreibt eine besondere Form der Wahrnehmung, bei der mehrere Sinnesorgane gleichzeitig durch einen Reiz aktiv werden. Die Forscher konnten diese Kopplung von Sinnesempfindungen erstmals durch Neuroimaging nachweisen. Menschen mit dieser Fähigkeit sehen beispielsweise beim Hören von Musik Farben oder verbinden bestimmte Wörter mit Düften oder Geschmacksrichtungen.

Baron-Cohen stellte in einer Umfrage an über 200 Teilnehmenden fest, dass synästhetische Erfahrungen bei Personen mit der Diagnose Autismus-Spektrum-Störung dreimal so häufig wie bei der Restbevölkerung auftreten. Er konnte gewisse Ähnlichkeiten von Gehirnstrukturen feststellen.

“Es gibt viele verschiedene Wege zum Erwachsensein. Das Profil, das wir Autismus nennen, könnte einer dieser Wege sein.”

Simon Baron Cohen

Terapeuta con niña diagnosticada con autismo
Aktuelle Forschungen von Baron-Cohen zielen darauf ab, den beruflichen Charakter der Eltern mit der Wahrscheinlichkeit in Verbindung zu bringen, ein Kind auf dem Autismus-Spektrum zu haben.

Simon Baron-Cohen über Autismus

Baron-Cohen weist darauf hin, dass autistische Kinder Informationen auf eine intelligente, aber andere Art und Weise verarbeiten. Sie achten besonders intensiv auf Details und Muster. Er vergleicht dies mit der Situation von Linkshändern, die früher umerzogen wurden, was sich jedoch als sinnlos und kontraproduktiv erwiesen hat.

Auf der Webseite www.cambridgepsychology.com lädt Baron-Cohen alle Interessierten dazu ein, einen Fragebogen auszufüllen. Er möchte die gesammelten Daten auswerten und unter anderem herausfinden, ob es einen Zusammenhang gibt zwischen dem Studium der Eltern und der Wahrscheinlichkeit, ein autistisches Kind zu haben.

Baron-Cohen vermutet nämlich, dass Absolventen von Fächern wie Mathematik, Ingenieurwesen oder Informatik, die sich mit Systemen und der unbelebten Welt befassen, ein höheres Risiko für autistische Kinder haben. Er stellt sich auch die Frage, ob die Tatsache, dass immer mehr Frauen technische und mathematische Berufe ausüben, einen Zusammenhang mit den steigenden Zahlen von Autismus-Spektrum-Diagnosen haben könnte. Eine gewagte Theorie, doch Baron-Cohen hat keine Angst vor ungewöhnlichen Hypothesen. 


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