Synästhesie: Geräusche sehen und Farben hören

· 11. Juli 2016

Stelle dir vor, dass du, während du eine Katze streichelst, den Geschmack von Karamell auf der Zunge hast. Oder du hörst eine Symphonie von Beethoven und beginnst, alles in blau zu sehen. Du stellst es dir eigentlich nicht nur vor, sondern du schmeckst wirklich Karamell und siehst überall die Farbe blau.

Das ist die erstaunliche Welt all derer, die als Synästheten bezeichnet werden. Synästhesie beschreibt eine Kopplung mehrerer Sinnesorgane, wenn verschiedene Bereiche der Wahrnehmung gegenüber einem einzigen Reiz gleichzeitig arbeiten. Beispielsweise können Synästheten Geräusche sehen, eine weiche Oberfläche berühren und einen süßen Geschmack im Mund haben oder eine Farbe riechen.

Es handelt sich hierbei nicht nur um eine einfache Verknüpfung oder darum, dass es ihnen so vorkäme, als würden sie etwas sehen, hören oder schmecken – sie fühlen es wirklich. Auch wenn ein Mensch einen seiner Sinne verliert, kann die Synästhesie weiterhin bestehen bleiben. Wer zum Beispiel Farben sieht, kann sie noch immer sehen, auch wenn er komplett erblindet ist.

All diese Wahrnehmungen geschehen unfreiwillig, so als würden wir eine weiße Wand ansehen, sie ist für uns weiterhin weiß, ob wir wollen oder nicht. Das ist etwas vollkommen Spontanes, das man nicht kontrollieren kann und deren Thematik sowohl Wissenschaftler als auch Künstler seit Jahren fasziniert. In der Kunst hat diese „Sinnesmischung“ die Paletten der Maler, die Sonetten der Poeten und die Pentagramme der Musiker miteinander vermischt. Der beeindruckende Maler Kandinsky sah beispielsweise Farben, wenn er Musik hörte und malte Symphonien. Auch der  begeisterte Poet Rimbaud schrieb Gedichte, die in Zusammenhang mit Vokalen und Farben standen. Das ist die wahrscheinlich weitverbreitetste Art der Synästhesie: die Assoziation von Buchstaben oder Nummern mit bestimmten Farben.

Bei denjenigen, die dieses Phänomen erleben, kommt es zu einer „Kreuzung der Sinneswege“. Laut wissenschaftlichen Studien wird die Synästhesie durch eine „sich kreuzende“ Aktivität verschiedener Gehirnareale, die für die Verarbeitung der Sinneswahrnehmungen verantwortlich sind, hervorgerufen. Diese Gegebenheit kann genetisch bedingt sein, sich während der Entwicklung des Fötus zeigen oder eine Folge von Drogenkonsum wie von LSD, Pilzen oder anderen psychedelischen Substanzen sein. Auch bei Autisten und Menschen, die bestimmte Arten der Epilepsie haben, ist diese Wahrnehmungsweise zu beobachten. Wenn Synästheten depressiv verstimmt sind, erleben sie diese Sinneserfahrungen noch intensiver.

Man geht davon aus, dass einer von 2000 Menschen eine ausgeprägte Vermischung der Sinne erlebt und einer von 20 diese Erfahrungen in abgeschwächter Form macht. Doch bis heute konnten noch keine eindeutigen Daten gesammelt werden, und das aus einem einfachen Grund: Wer diese Sinneserfahrungen macht, bemerkt das manchmal sogar jahrelang nicht, weil es seine Art ist, sein Umfeld wahrzunehmen und erst wenn diese Personen sich über ihre Wahrnehmungen mit anderen austauschen, fällt ihnen auf, dass sie dies auf eine andere Weise tun. So erging es auch mir persönlich, als ich diesen Artikel schrieb.

Die Synästhesie ist keine Krankheit oder eine Störung, sie ist nur eine besondere Möglichkeit, die Welt zu erfahren. Einige Studien haben gezeigt, dass sie im Bezug auf die Kreativität oder das Gedächtnis gewinnbringend sein kann. Wenn auch du demnach ein Synästhet bist, erfreue dich daran, wie Geräusche schmecken, in welche Farbe jener Duft gehüllt ist und genieße deine farbenfrohe Welt.

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung von Lucy Nieto