Sich von jemandem verabschieden, der gehen wird

25. März 2017 en Emotionen 0 Geteilt

Es ist schwer, Worte zu finden, um sich zu verabschieden, wenn du weißt, dass jemand sterben wird, den du liebst. Inmitten all des Schmerzes sprudeln sie aber auch manchmal empor wie ein Wasserfall. Doch nichts, was du sagst, kann die Leere, die in dir regiert, füllen. Du weißt, dass auch ein bunter Garten, der einst in dir geblüht hat, sterben wird und dass ihn niemand sonst zum Wachsen bringen kann.

Das sind die Geliebten: blumige Gärten, die dein Leben mit Duft füllen, Regen in deine Wüsten und Farbe in deine grauen Nachmittage bringen sowie Schatten, wenn die Sonne brennt. Manchmal vergisst du, dass kein Garten ewig blühen kann, dass der sture Winter immer kommen und dich dazu zwingen wird, dich zu verabschieden.

Das Leben ist endlos und deine Kleider abzulegen ist nicht das Gleiche, wie zu sterben.

Bis vor nicht allzu langer Zeit war der Tod ein seltsamer Besucher, der ohne Ankündigung vorbeikam. Aber jetzt ist das anders. Die Wissenschaft ist dazu fähig, dich am Leben zu erhalten, wenn du nur ein Körper ohne Bewusstsein bist, der atmet und ein schlagendes Herz in sich trägt. Die Wissenschaft hat uns auch die Möglichkeit gegeben, den Schmerz hinauszuzögern oder zu verlängern, selbst wenn keine Hoffnung besteht, Erleichterung zu finden.

Auf der anderen Seite ist es jetzt auch möglich, sich den Tag, die Zeit und die Art, auf die du sterben willst, auszusuchen. Das ist eine bedeutsame Errungenschaft. Euthanasie ist die Art von programmiertem Tod, die uns die Kontrolle wieder in die Hand gibt, da sie vorhersehbar ist.

Sich verabschieden, ohne zu wissen wie

In der Sekunde, in der wir geboren werden, sind wir bereits dazu verdammt, zu sterben. Aber dadurch, dass wir nicht wissen, wann der Tod zu uns kommen wird, beginnt eine große Unsicherheit, die gleichzeitig ermutigend und beängstigend ist. Wenn der Tod allerdings den Monat, den Tag und die Zeit festgelegt hat, dann beginnt die Zeit, im Rhythmus der Angst zu fliegen. Eine Minute mehr ist eine Minute weniger. Und so wird jede geteilte Erfahrung zu einem anderen Weg, sich zu verabschieden.

Euthanasie ist eine kontrovers diskutierte Angelegenheit, die Betroffene vor ein schmerzhaftes Paradoxon stellt. Auf der einen Seite willst du den Willen der anderen Person respektieren und du solltest dazu bereit sein, dich mit Dankbarkeit in deinem Herzen zu verabschieden. Aber auf der anderen Seite fühlst du dich ein bisschen verzweifelt, wenn du dir vorstellst, wie die Welt ohne diesen Menschen sein wird. Wie es sein wird, wenn du nach ihm suchst und ihn nicht findest. Wenn es nur noch die trockenen Spuren deiner eigenen Tränen gibt.

Niemand verabschiedet sich vom Leben, ohne traurig zu sein. Niemand entscheidet sich für die Euthanasie, ohne zuvor viele schlaflose Nächte damit verbracht zu haben, nach Lösungen zu suchen, die niemals auftauchen. Der körperliche und seelische Schmerz muss ein Ende haben.

Die Entscheidung wird dann getroffen, wenn derjenige weiß, dass er die Schwelle überschritten haben, dass es niemals mehr wie früher sein wird. Aber dass das Leiden jede Sekunde jeder Minute befallen hat und dass er auch keine individuelle Freiheit mehr besitzt. An diesem Punkt wird der Tod zu einer Flucht vor dem Schmerz.

Ich gehe, aber die Vögel werden weitersingen

Es ist nicht leicht, zu verstehen, dass sich jemand dazu entschieden hat, zu sterben. Du weigerst dich, dich zu verabschieden, nicht nur von deinem geliebten Menschen, sondern auch von der Idee, dass Menschen die Kontrolle über ihr Schicksal haben, indem sie den Moment bestimmen, an dem ihr Leben enden soll.

Es tut weh, sich diese Wahrheiten einzugestehen, denn du weißt, dass ein Teil von dir mit diesem Menschen sterben wird. Sich zu verabschieden ist der Beginn einer ungewissen Reise, die dich überallhin und nirgendwohin bringen kann.

Jedes Mal, wenn du die Person siehst, wirst du von Panik überkommen, wenn du daran denkst, dass sie jetzt hier ist, du sie aber in einer Woche nie mehr sehen wirst. Dies sind die letzten Lächeln, die letzten Worte, die du mit ihr teilen wirst. Und dann niemals wieder.

Und du weinst innerlich, sodass der mutige Mensch, der vor dir steht, deine Tränen nicht sehen kann. Schließlich musst du dich einmal verabschieden, und er unzählige Male. Du willst diesen Menschen umarmen und niemals loslassen, aber du weißt, dass es deine Aufgabe ist, loszulassen.

Die Angst wird größer, wenn du realisierst, dass er sterben wird, aber dass die Liebe, die du für ihn empfindest, das nicht tut. Sie wird überleben und sich zunächst in einen stillen Schmerz verwandeln. Wenn du über seine Abwesenheit nachdenkst, wenn du sein Lächeln vermisst, wenn du ihn fragen willst, was er wusste und was nicht, wenn du seine Güte statt der Kälte, die über dir liegt, brauchst. Du verstehst, dass du dich oft von ihm verabschieden musst, auch wenn er schon gegangen ist.

Nachdem dieser erste große Moment von Schmerz vorübergegangen ist, wirst du zurück in den Garten gehen, der jetzt unbewohnt ist und du wirst mit Überraschung feststellen, dass die Blumen nicht mehr da sind, aber ihr Duft immer noch in der Luft schwebt. Und auch der Gesang der Vögel ist noch da, der jetzt zu einer Musik geworden ist, die dein Herz beschützt. Du wirst verstehen, dass manche Samen zu einer ewigen Ernte führen und du wirst zusammen mit dem Poeten Renseki sagen: „Ich habe den Spiegel meines Herzens gesäubert… jetzt spiegelt sich der Mond in ihm wider.“

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