Sensorische Entwicklung bei Ungeborenen und Neugeborenen

Bei einem Menschen beginnt die sensorische Entwicklung bereits im Mutterleib. In unserem heutigen Artikel erfährst du, wie dieser faszinierende Prozess der Sinnesentwicklung verläuft.
Sensorische Entwicklung bei Ungeborenen und Neugeborenen

Letzte Aktualisierung: 14. April 2021

Während der 40 Wochen, in denen ein Baby in der Gebärmutter heranwächst, schreitet auch seine sensorische Entwicklung auf Hochtouren voran. Das Ungeborene ist nicht nur damit beschäftigt, sich körperlich zu entwickeln, damit es in der Außenwelt “funktionieren” kann. Bereits in einem sehr frühen Stadium beginnt es damit, auch die Welt um sich herum wahrzunehmen.

Dieser faszinierende Prozess bildet die Grundlage für die frühe Bindung des Babys an seine Mutter. Es überrascht nicht, dass die Gebärmutter der perfekte Ort für die Entwicklung des Fötus ist.

Die sensorische Entwicklung während der Schwangerschaft spielt eine entscheidende Rolle bei der Entwicklung des Gehirns. In unserem heutigen Artikel erfährst du, welche Sinne sich bei einem Fötus zuerst entwickeln. Vermutlich wirst du überrascht sein, wenn du mehr über diesen faszinierenden Prozess erfährst!

Sensorische Entwicklung - Babyhand

Der Tastsinn

Der Tastsinn ist der erste Sinn, den ein Fötus entwickelt. Dieser Prozess beginnt ab der achten Schwangerschaftswoche und zunächst bilden sich die sensorischen Rezeptoren im Gesicht, vor allem im Bereich der Lippen und der Nase.

In den folgenden Monaten entwickeln sich allmählich auch die taktilen Rezeptoren in anderen Körperteilen. Etwa in der 12. Schwangerschaftswoche bilden sie sich in den Handflächen und Fußsohlen und in der 17. Woche folgen die Rezeptoren im Bauch.

Nach ungefähr 12 Wochen kann der Fötus am ganzen Körper taktile Empfindungen spüren. Allerdings gibt es eine Ausnahme, die Oberseite des Kopfes. Denn diese bleibt bis zur Geburt unempfindlich für Berührungen.

Interessanterweise deuten Gehirnscans darauf hin, dass Feten erst etwa ab der 30. Schwangerschaftswoche Schmerzen verspüren können. Das ist der Zeitpunkt, an dem die somatosensorischen Nervenbahnen voll entwickelt sind. Trotzdem kann ein Ungeborenes in der Mitte des dritten Trimesters eine Vielzahl von Empfindungen wahrnehmen, einschließlich Wärme, Kälte oder Druck.

Der Geruchs- und Geschmackssinn

Geschmack und Geruch sind eng miteinander verbunden, denn der Geschmackssinn wird eigentlich zu 90 Prozent vom Geruchssinn bestimmt. Studien zeigen, dass einige Aromen wie Vanille, Karotte, Knoblauch, Anis und Minze tatsächlich über das Fruchtwasser übertragen werden.

Sensorische Entwicklung: Der Geschmackssinn

Bei einem Fötus entwickeln sich die Geschmacksknospen nach etwa acht Wochen. Zwischen der 13. und 15. Schwangerschaftswoche haben Feten bereits ähnliche Geschmacksknospen wie Erwachsene. Das bedeutet, dass alles, was die Mutter während der Schwangerschaft isst, über das Fruchtwasser auch zu ihrem ungeborenen Kind gelangt.

Geruchssinn

Der Geruchssinn entwickelt sich zusammen mit dem Geschmackssinn. Daher kann ein Baby ab dem Zeitpunkt seiner Geburt seine Mutter alleine durch ihren Geruch identifizieren. Darüber hinaus kann das Neugeborene auch leicht den einzigartigen Geruch der Muttermilch erkennen.

Wenn du ein Baby direkt nach der Geburt auf seine Mutter legst, wird es sich tatsächlich zappelnd zur Brustwarze vorarbeiten, geleitet durch den Geruch des Kolostrums. Dieser Vorgang wird als “Brust-Kriechen” bezeichnet.

Sensorische Entwicklung: Das Gehör

Das auditorische System ist ab der 20. Schwangerschaftswoche vollständig entwickelt. Darüber hinaus kann ein Baby ab der 23. Woche auf laute Geräusche reagieren.

Außerdem können Ungeborene lernen, die Stimmen zu identifizieren, die sie in der Gebärmutter hören. Wenn sich der Gehörsinn normal entwickelt, erschrickt sich ein Fötus bei lauten Geräuschen. Des Weiteren scheinen Neugeborene höhere Stimmen (wie die ihrer Mütter) tieferen Stimmen (wie die ihrer Väter) vorzuziehen.

Eine Studie mit Frühgeborenen aus dem Jahr 2014 zeigte, dass das Abspielen einer Aufnahme der Stimme der Mutter, während die Babys an einem Schnuller nuckelten, ausreichte, um die orale Fütterungsfähigkeit zu verbessern und den Krankenhausaufenthalt zu verkürzen.

Die Stimme der Mutter beruhigt das Baby in Stresssituationen, senkt den Cortisolspiegel (das Stresshormon) und erhöht den Oxytocinspiegel (das emotionale Bindungshormon).

Sehvermögen

Obwohl das Leben in der Gebärmutter größtenteils dunkel ist, dringt durch die menschliche Haut dennoch etwas Licht hindurch. Forscher haben herausgefunden, dass Feten die Bewegung von Lichtmustern, die wie menschliche Gesichter aussehen, doppelt so häufig verfolgen. Darüber hinaus haben sie das gleiche Muster und die gleiche Präferenz auch bei Neugeborenen beobachten können.

Dies deutet darauf hin, dass die Präferenz für menschliche Gesichter angeboren sein könnte und nicht nur das Ergebnis von Erfahrungen ist, die nach der Geburt gemacht werden. Außerdem ist dies ein deutliches Anzeichen dafür, dass der Fötus aktiv auf die Außenwelt reagiert – lange bevor er den Mutterleib verlässt.

Sensorische Entwicklung: Das Sehvermögen von Neugeborenen

Neugeborene sind extrem kurzsichtig. Daher können sie nur Dinge sehen, die maximal ungefähr 20 Zentimeter von ihrem Gesicht entfernt sind.

Darüber hinaus können sie Farben nicht so wahrnehmen, wie wir sie als Erwachsene sehen. Und sie können Formen erst im Alter von sechs Monaten identifizieren. Da die Augen von Neugeborenen sehr empfindlich auf helles Licht reagieren, schließen sie ihre Augen, um dies zu vermeiden. Obwohl Neugeborene in einem Alter von einem Monat Farben sehen können, ziehen sie es häufig vor, zunächst Schwarzweißbilder und Spielzeug zu betrachten.

Im Alter von etwa sieben Monaten hat sich der Sehsinn bei den meisten Babys gut entwickelt. Darüber hinaus verfügen sie nun auch über die Hand-Auge-Koordination und eine Tiefenwahrnehmung. Diese Fähigkeiten sind erforderlich, um an Spielzeug zu gelangen, das sich außerhalb ihrer unmittelbaren Reichweite befindet. Ihr Fokus verbessert sich im Laufe der nächsten zwei oder drei Jahre, wenn ihre Augen reifen und sie alles klarer sehen können.

Sensorische Entwicklung - Baby beißt in Spielzeug

Sensorische Entwicklung nach der Geburt

Die Erkenntnis, dass die sensorische Entwicklung bereits sehr früh im Mutterleib beginnt, eröffnet die Möglichkeit, den Fötus während der Schwangerschaft zu stimulieren. Die Entscheidungen einer schwangeren Mutter in Bezug auf ihre Ernährung und darüber, welche Art von Musik sie hört, könnten ihr ungeborenes Baby auf überraschende Weise beeinflussen.

Dennoch findet ein großer Teil der sensorischen Entwicklung erst nach der Geburt des Babys statt. Folglich ist die effektivste sensorische Stimulation die, die Babys nach der Geburt erhalten, wenn sie von einer kognitiven Entwicklung begleitet wird.

Es könnte dich interessieren ...
Der Geist eines Babys – wie sieht es darin aus?
Gedankenwelt
Lies auch diesen Artikel bei Gedankenwelt
Der Geist eines Babys – wie sieht es darin aus?

Es lässt sich festhalten, dass der Geist eines Babys wirklich faszinierend ist, weil er nach jeder Lernerfahrung Verbindungen herstellt.