Schweigen ist der beste Komplize des Missbrauchs

· 8. Juli 2017

Schweigen wird immer der beste Komplize des Missbrauchs sein. Im Schweigen findet der Täter seinen idealen Zufluchtsort, jenen Ort, an dem all seiner erniedrigenden Aggressionen und Schläge verdeckt bleiben. Diese werden später mit einem „Ich verspreche dir, dass das das letzte Mal war, dass so etwas passiert“  entschuldigt.

Derartige Versprechen sind allerdings nur Schall und Rauch, wenn sich der Täter erneut irritiert fühlt. Oder wenn du nicht mit ihm einer Meinung bist oder wenn er sonst das Gefühl hat, seine Macht validieren zu müssen. Kurz gesagt: Der, der missbraucht, leidet unter chronischer Unsicherheit.

Er wird demnach auch immer um Vergebung bitten. Aber er wird nicht zögern, den gleichen Missbrauch, die gleiche Schikane erneut anzuwenden. Der einzige Ausweg aus diesem Teufelskreis ist es, ihm seinen besten Komplizen zu nehmen: das Schweigen.

Virginia Wolf hat in ihren Tagebüchern geschrieben, dass nur wenige Dinge so gefährlich sein könnten wie ein Haus, wie ein Zuhause. Von dem Moment an, in dem Türen, Fenster und Vorhänge geschlossen werden, kann niemand mehr sehen, was drinnen passiert. Das Drama, die Aggressionen und der Schmerz, die sich innerhalb der Wände und Herzen ausbreiten, bleiben ungeahnt. Genauso wie auch niemand die Kissen sieht, die von den Tränen des Opfers vollgesogen sind.

Schweigen ist und wird immer der beste Zufluchtsort für jemanden sein, der angreift, der verletzt. Du musst das Schweigen brechen und dem Opfer eine Stimme geben.

Die Verbündeten des Täters

Versteckte Gewalt ist sehr verbreitet in unserer Gesellschaft. Sei es der öffentliche Angriff auf eine Frau oder ein versteckter Angriff im Haushalt eines Paares. Laut einer Studie, die in den USA durchgeführt wurde, hat etwa ein Drittel aller Frauen weltweit Erfahrung mit Missbrauch. Das ist eine Zahl, über die wir mal nachdenken sollten.

Wer Missbrauch ausübt, kann durchaus gebildet sein und einen guten Job haben. Er kann jung oder alt und natürlich auch weiblich sein. Soziologische Muster nützen Experten leider nur wenig, wenn es darum geht, sie zweifelsfrei zu identifizieren. Die Situation wird noch komplizierter, wenn du dir einen essenziellen Aspekt vor Augen führst: der Täter ist meist gesellschaftlich hoch angesehen. Tatsächlich ist er für andere Leute oft ein „guter Mensch“.

Das Problem ergibt sich erst, wenn sich die Türen eines Hauses schließen und niemand mehr sieht, was drinnen geschieht, mit diesem „guten Menschen“, wie Virginia Wolf gesagt hat. Denn der, der Gewalt anwendet, lässt sie an jenen aus, zu denen er eine tiefe Bindung hat, an seinem Partner, seinen Kindern.

Missbrauch ist Aggression und eine Form der Machtdarstellung. Die Täter sind nicht dazu fähig, ihr Opfer als eine Person mit Rechten oder Bedürfnissen zu sehen. Als jemanden, der es verdient, respektiert zu werden. Denn sie sind „ihr Eigentum“, ein Teil ihrer selbst. Versucht das Opfer, der Abhängigkeit zu entkommen, sind es die Täter, die sich misshandelt fühlen. Sie fühlen sich in ihrer Würde und Macht verletzt.

Der Partner entscheidet sich dann häufig, nachzugeben, zu schweigen und eine untergeordnete Rolle einzunehmen. Das ist der Grund, warum psychologischer Missbrauch und manchmal auch körperliche Misshandlung Wunden hinterlässt, die nicht offensichtlich sind.

Der Schritt, den Täter anzuzeigen, das Schweigen zu brechen, ist nicht immer einfach zu gehen. Denn das Opfer fühlt sich oft unverstanden. In vielen Fällen müssen sie sich dem Unverständnis zunächst im engen Kreis der Familie und Freunde stellen. Und diese vertrauten Personen zweifeln nicht selten an, was gesagt wird, vor allem dann, wenn der Missbrauch keine physischen Spuren hinterlässt.

In Sozialämtern und Beratungsstellen für Opfer weiß man auch, dass sich viele Menschen aus Angst vor möglicher Vergeltung nicht melden.

Das sind zweifellos sehr heikle Situationen, die das Schweigen erklären, in dem sich der Täter wohlfühlt. Es ist ihr bester Zufluchtsort. Es ist jedermanns Verantwortung, sich an die Welt zu wenden und Denkmuster zu ändern. Wir müssen die Opfer aus diesen versteckten Orten der Folter und Erniedrigung ans Licht holen. Denn kein Opfer sollte sich jemals allein fühlen. Denn jeder hat einen Platz in dem Puzzle, das unsere Gesellschaft ist.

Sei mutig, brich das Schweigen.