Schmerzasymbolie: das Fehlen schmerzbezogener Reaktionen

Diese Störung der Schmerzempfindung kann ernste Folgen haben. Erfahre heute mehr darüber.
Schmerzasymbolie: das Fehlen schmerzbezogener Reaktionen
Valeria Sabater

Geschrieben und geprüft von der Psychologe Valeria Sabater.

Letzte Aktualisierung: 18. Dezember 2021

Die Schmerzasymbolie führt dazu, dass betroffene Personen nicht fähig sind, in normaler Weise auf physische Schmerzen zu reagieren. In der Regel empfinden sie keine Beschwerden, was zu riskanten Situationen führen kann. Der Ursprung dieser Veränderung ist neurologisch und obwohl diese Störung selten auftritt, ist sie dennoch sehr auffällig.

Die Neurologen und Psychoanalytiker Paul Schilder und Erwin Stengel beschrieben 1927 einen Fall, um diesem medizinischen Begriff eine Bedeutung zu geben. Es handelt sich um die Geschichte einer Frau, die verstehen wollte, was mit ihr geschah und sich nur deshalb verletzte. Als sie zur ärztlichen Untersuchung kam, war ihr Körper von Wunden übersät.

Die Patientin war sich darüber bewusst, dass dies keine normale Situation war. Und genau dieses Bewusstsein ließ sie verzweifeln. Die Ärzte untersuchten die Gehirnverletzung, die sie erlitten hatte, und ihre sensorische Aphasie als mögliche Ursachen. Die Tatsache, keine Schmerzen zu empfinden, ist eine ernsthafte Veränderung, die sehr schwerwiegende Folgen haben kann.

Schmerz dient in der Biologie einem ganz bestimmten Zweck. Er macht uns auf ein Problem, Risiko oder einen Reiz aufmerksam, um uns reagieren zu lassen. Schmerzen sind überlebenswichtig.

Die Schmerzasymbolie ist mit der Unfähigkeit verbunden, auf physisch schädigende Situationen zu reagieren. Die betroffene Person reagiert auch nicht auf emotionaler Ebene. Das heißt, es fehlt die Angst vor Risiken oder Schmerzen.

Mann mit Schmerzasymbolie

Was ist Schmerzasymbolie?

Schmerzen zählen zu den großen Geheimnissen der Medizin, der Neurowissenschaften und der Psychologie. Zunächst einmal erleben wir sie nicht alle auf die gleiche Weise. Es gibt widerstandsfähigere Menschen und es gibt solche, die eine größere Sensibilität zeigen. Wir wissen zum Beispiel, dass sich die Art und Weise, wie wir Schmerzen verarbeiten, mit zunehmendem Alter ändert; wir werden verletzlicher.

Der Ursprung ist neurologisch. Die Schmerzasymbolie stellt eine wissenschaftliche Herausforderung dar, die es Forschern ermöglicht, die Realität des menschlichen Schmerzes besser zu verstehen. Patienten mit dieser Erkrankung wissen, dass bestimmte Objekte und Phänomene schmerzhaft sein können, wie z. B. Feuer.

Sie empfinden jedoch weder Schmerz noch Angst. Ein Mensch mit dieser neurologischen Störung zum Beispiel hätte keine Skrupel, seine Finger in eine Steckdose zu stecken, obwohl er weiß, dass dies sein Leben gefährden würde. Dies ist zweifellos der ungewöhnlichste, merkwürdigste und auffallendste Aspekt dieser klinischen Störung.

Welche Symptome sind zu beobachten?

Die Spanische Gesellschaft für Schmerz hat eine sehr interessante Studie zu Schmerzreaktivitätsstörungen durchgeführt, darunter diese klinische Realität. Wir erinnern daran, dass seit der Beschreibung der Neurologen Paul Schilder und Erwin Stengel zu Beginn des 20. Jahrhunderts nicht viel darüber geforscht wurde.

  • Wie wir bereits deutlich gemacht haben, wissen Menschen mit Schmerzasymbolie sehr gut, welche Situationen und Gegenstände für ihre Integrität gefährlich sind, aber trotzdem sind sie ihnen ausgesetzt, ohne Schmerzen oder Unbehagen zu empfinden.
  • In vielen Fällen liegt die Tatsache, dass sie der Selbstverletzung ausgesetzt sind, an ihrer eigenen Fremdheit. Es gibt diejenigen, die versuchen, die extreme Schwelle zu finden, an der sie endlich etwas fühlen können.
  • Andererseits weisen die Autoren dieser Arbeit auf ein weiteres Detail hin. Manche reagieren unangemessen auf riskante Situationen. Sie lachen zum Beispiel, wenn sie ihre Hand in Brand setzen.
  • Ebenso ist es wichtig zu beachten, dass die Schmerzasymbolie von anderen Störungen, Problemen oder Veränderungen begleitet wird. Neurologische Defizite wie Aphasien und Apraxien (Sprachstörungen) oder Hemiparese (motorische Einschränkung oder Lähmung einer Körperhälfte aufgrund von Hirnverletzungen) gehen oft damit einher.
Schmerzasymbolie hat neurologische Ursachen

Was ist der Ursprung der Schmerzasymbolie?

Wie wir gesehen haben, manifestiert sich die Schmerzasymbolie mit multiplen neurologischen Defiziten. So sind unter anderem Anomalien des Körperschemas, Wahrnehmungsprobleme, Schmerzempfinden, aber auch agnostische Defekte und subtile Persönlichkeitsveränderungen zu beobachten.

Welche Ursachen führen zu dieser Störung?

  • Bis in jüngster Vergangenheit wurde angenommen, dass die Ursache in einer Läsion des linken unteren Parietallappens liegen könnte.
  • Nun hat das skandinavische Magazin für Pflegewissenschaften 2017 eine interessante Arbeit veröffentlicht. Darin gehen die Forscher von einer Störung in der Insula aus. In dieser tiefen Hirnstruktur treffen der Temporal-, Parietal- und Frontallappen zusammen.
  • Diese Region hat nicht nur mit der Schmerzverarbeitung zu tun. Sie ist auch der Schlüssel zur Erkennung und zum Ausdruck von Emotionen. Heute zeigt sich beispielsweise, dass viele Menschen mit einer Borderline-Persönlichkeitsstörung auch kleine Veränderungen in dieser Struktur aufweisen.
  • Ebenso weisen Patienten mit Schmerzasymbolie Defizite in der Aktivität der Amygdala auf, einer weiteren Region, die nicht nur emotionale Aspekte reguliert. Sie wacht auch über die Angst.

Abschließend ist noch ein Aspekt zu beachten. In Wirklichkeit ist die Schmerzasymbolie ein weiteres Symptom anderer komplexer Probleme, die diese Patienten normalerweise zeigen. Das fehlende Schmerzempfinden ist immer die offensichtliche Manifestation einer latenten neurologischen Veränderung…



  • Merskey, H., & Spear, F. G. (1967). The concept of pain. Journal of Psychosomatic Research, 11(1), 59-67
  • Pantoula, Eleonora & Bscpsych, & Damigos, Dimitrios & Poulou, Aikaterini & Gouva, Mary. (2017). Original Article ”Symbolism of Pain: An Alternative Approach to Pain Means between Patients and Healthy Individuals”. Scandinavian Journal of Caring Sciences. 10. 1-153.
  • Pilowsky, I., & Spence, N. D. (1976). Pain, anger and illness behaviour. Journal of psychosomatic research, 20(5), 411-416.
  • Kim, S.Y., Kim, Y.Y. (2012). Mirror therapy for phantom limb pain. The Korean journal of pain.
  • Schilder, P., Stengel, E. (1931). Asymbolia for pain. Archives of Neurology & Psychiatry.