Sakura, eine japanische Legende über die wahre Liebe

· 19. November 2018

Die Legende von Sakura nahm vor Hunderten von Jahren im alten Japan ihren Anfang. Damals führten die Feudalherren schreckliche Schlachten, in denen viele bescheidene Kämpfer starben und die das ganze Land mit Traurigkeit und Trostlosigkeit füllten. Momente des Friedens waren selten. Kaum endete ein Krieg, begann auch schon der nächste.

Dennoch gab es einen schönen Wald, den selbst der Krieg nicht berühren konnte. Er war voller Laubbäume, die zarte Düfte verströmten und die gequälten Bewohner des alten Japan trösteten. Egal wie heftig gekämpft wurde, keine der Armeen wagte es, dieses Wunderwerk der Natur zu beflecken.

In diesem schönen Wald gab es jedoch einen Baum, der nie blühte. Er sah etwas trocken aus, seine Rinde war rissig. Aber er war nicht abgestorben, schien lediglich dazu verdammt, die Farbe und das Aroma der Blüten nicht genießen und teilen zu können.

„Alles, was wir über die Liebe wissen, ist, dass Liebe alles ist, was es gibt.“

Emily Dickinson

Ein Hauch von Magie

Der Baum blieb einsam. Die Tiere näherten sich ihm nicht, aus Angst, sich mit seinem seltsamen Übel anzustecken. Aus den gleichen Gründen wuchs kein Gras um ihn herum. Die Einsamkeit war seine einzige Gesellschaft. Die Legende von Sakura erzählt, dass eine Fee des Waldes sich seiner annahm, als sie diesen Baum sah, der alt wirkte, obwohl er jung war.

Eines Nachts erschien die Fee am Baum und ließ ihn mit edlen Worten wissen, dass sie ihn schön und strahlend sehen wollte. Sie sei bereit, ihm dabei zu helfen, erklärte sie. Dann machte sie ihm einen Vorschlag: Sie würde mit all ihrer Kraft einen Zauber aussprechen, der 20 Jahre dauern sollte. Während dieser Zeit sollte der Baum fühlen können, was das menschliche Herz fühlt. Vielleicht würde er dann erregt und blühe wieder.

Die Fee fügte hinzu, dass er dank des Zaubers sowohl als Pflanze als auch als Mensch leben könnte, wenn er es denn so wollte. Wenn er jedoch auch nach 20 Jahren seine Vitalität und seinen Glanz nicht wiedererlangen könnte, müsste er sofort sterben.

Kirschblüten

Die Begegnung mit Sakura

Der Baum versuchte lange Zeit, als Mensch zu leben, um zu sehen, ob menschliche Emotionen ihm in seiner Absicht halfen, zu wachsen und zur Blüte zu kommen. Der Anfang war jedoch eine Enttäuschung. Egal, wie sehr er sich auch bemüht, alles, was er sehen konnte, waren Hass und Krieg.

Die Monate vergingen und die Jahre auch. Der Baum mischte sich weiter unter die Gesellschaft, fand unter den Menschen aber nichts, dass ihn aus seinem Zustand hätte befreien können. Doch eines Nachmittags ging er zu einem kristallinen Strom und sah dort eine schöne junge Frau, Sakura. Beeindruckt von ihrer Schönheit, näherte sich der Baum in Menschengestalt.

Sakura war sehr nett zu ihm. Um es ihr zu danken, half er ihr, das Wasser zu ihrem nahegelegenen Haus zu bringen. Sie führten ein lebhaftes Gespräch, in dem sie ihre Trauer über den anhaltenden Krieg in Japan sprachen und ihre Illusionen von einer friedlicheren Welt teilten. Als das Mädchen fragte, wie er heiße, kam es dem Baum gerade in den Sinn, „Yohiro“  zu sagen, was „Hoffnung“ bedeutet.

Das Wunder der Liebe

Je besser er Sakura kennenlernte, desto mehr verspürte der Baum das Bedürfnis, an ihrer Seite zu bleiben. Er zählte die Minuten, die ihm fehlten, um sich wieder mit ihr zu treffen. Die beiden pflegten ihre Freundschaft und kamen sich näher. Jeden Tag trafen sie sich, um zu reden, zu singen und Gedichte und Bücher mit wunderbaren Geschichten zu lesen.

Blühende Kirschbäume in Japan

Eines Tages konnte Yohiro es nicht länger für sich behalten und gestand Sakura seine Liebe. Er bekannte sich auch zu dem, was er wirklich war: ein gequälter Baum, der bald sterben sollte, weil er es nicht geschafft hatte, zu blühen. Sakura war sehr beeindruckt und schwieg zunächst.

Die Zeit verging und die 20-jährige Frist stand kurz davor, erfüllt zu werden. Yohiro, der wieder die Form eines Baumes annahm, wurde zusehends trauriger. Eines Nachmittags, als er es am wenigsten erwartet hatte, kam Sakura an seine Seite. Sie umarmte ihn und sagte ihm, dass sie ihn auch liebe. Sie wolle nicht, dass er sterbe, sie wolle überhaupt nicht, dass ihm etwas Schlimmes passiere.

Da erschien die Fee und bat Sakura, zu wählen, ob sie ein Mensch bleiben oder ob sie sich mit Yohiro in Form eines Baumes zusammenschließen wolle. Sie sah sich um und erinnerte sich an die vom Krieg zerstörten Felder. Dann entschied sie sich, sich für immer mit Yohiro zu verbinden. Und das Wunder geschah. Die beiden wurden eins. Daraufhin blühte der Baum auf.

Das Wort Sakura bedeutete „Kirschblüte“, aber der Baum wusste das nicht. Seitdem parfümiert die Liebe der beiden die Felder Japans.