Rückkehr zur Normalität nach einer traumatischen Erfahrung?

Vergiss das alte Sprichwort "Die Zeit heilt alle Wunden". Normalerweise werden sie im Laufe der Zeit nur größer und es wird schwerer, sie zu heilen. Aber wie kann dir eine Rückkehr zur Normalität gelingen, nachdem du eine traumatische Erfahrung gemacht hast? Hier findest du einige Schlüsselaspekte.
Rückkehr zur Normalität nach einer traumatischen Erfahrung?

Letzte Aktualisierung: 18. März 2021

Ist die Rückkehr zur Normalität möglich, nachdem du eine traumatische Erfahrung gemacht hast? Die alarmierende Antwort lautet nein. Zuerst einmal, weil dich dieses Trauma für immer begleiten wird, wenn du keine Bewältigungsmechanismen hast, um damit umzugehen. Aber es geht nicht nur um das Trauma selbst, sondern auch um den Stress, die Ängste und Depressionen, die damit einhergehen.

Selbst wenn du die negativen Auswirkungen dieser traumatischen Erfahrung überwinden kannst, wirst du nicht mehr derselbe Mensch sein wie zuvor. Du wirst ein anderer Mensch sein und dies ist deine neue Normalität. Das bedeutet aber nicht, dass alles schlechter sein wird oder dass deine Lebensqualität in irgendeiner Art und Weise beeinträchtigt ist.

Die Erfahrung erschafft eine neue Version deines Selbst, welches mit neuen Ressourcen für den Umgang mit Leiden und Schmerz ausgestattet ist. Darüber hinaus wirst du mehr Selbstbewusstsein haben und besser dazu in der Lage sein, dein eigenes Glück zu erschaffen und Hoffnung zu schöpfen. Dennoch solltest du dich möglicherweise auch von der klassischen Vorstellung verabschieden, dass Widrigkeiten dich “stärker” machen.

Warum? Heilung und die Überwindung eines komplexen und möglicherweise dramatischen Erlebnisses hat nichts mit Stärke zu tun. Es geht vielmehr um Fähigkeiten, Ressourcen und Strategien und darum, flexibel, resilient und dazu in der Lage zu sein, Schmerz zu akzeptieren und damit zu leben.

All dies ist nicht einfach. Aber wenn es dir gelingt, wirst du eine neue Normalität erlangen. Es geht also nicht unbedingt um die Rückkehr zur Normalität, wie du sie bisher kanntest. Die posttraumatische Phase deines Lebens ist genauso wertvoll und lebenswert, wie das Leben, das du zuvor hattest.

Rückkehr zur Normalität - traurige Frau

Rückkehr zur Normalität nach einer traumatischen Erfahrung: Einige Schlüsselaspekte

Die meisten Menschen wissen nach wie vor nicht genau, was eine posttraumatische Belastungsstörung ist. Viele glauben beispielsweise, dass sie nur Soldaten betrifft, also Menschen, die einen bewaffneten Konflikt erlebt haben, oder Opfer von Terroranschlägen wurden. Aber die traurige Wahrheit ist, dass es sich um eine Störung handelt, mit der Millionen von Menschen auf der ganzen Welt leben müssen.

Vielleicht kämpft jemand, der dir sehr nahe steht, im Stillen mit einer posttraumatischen Belastungsstörung. Missbrauch in der Kindheit, häusliche Gewalt, Mobbing in der Schule oder bei der Arbeit, das Überleben eines schweren Autounfalls oder eine schwere Krankheit – all dies hinterlässt Spuren im Gehirn. Und diese können für immer dort verbleiben.

Warum ist es so schwer, sich von einem Trauma zu erholen?

Jeder Mensch erlebt Situationen auf eine andere Art und Weise. Zum Beispiel kann ein Mensch durch den Verlust eines Haustieres traumatisiert werden. Im Gegensatz dazu ist diese Erfahrung für einen anderen Menschen nicht übermäßig dramatisch und er oder sie kauft sich ein paar Tage später wieder ein neues Haustier.

Ebenso gibt es Menschen, die mit den Nachwirkungen eines Überfalls oder Raubes verhältnismäßig gut umgehen können. Andere wiederum entwickeln nach einer derartigen Erfahrung eine lähmende und panische Angst. Mit anderen Worten, den meisten Menschen gelingt nach einem traumatischen Erlebnis die Rückkehr zur Normalität. Bei manchen Menschen geht dies einfach etwas schneller, weil die emotionale und psychische Erfahrung, die sie gemacht haben, nicht so intensiv war.

Aber manchmal sind Traumata ganz besonders ernsthaft (zum Beispiel Kindesmissbrauch). In diesen Fällen sind die Auswirkungen immer sehr schwerwiegend. Peter Levine, ein Wissenschaftler am Rotman Research Institute und Psychologie-Professor an der University of Toronto, hat diese Fälle untersucht.

In seinem Buch Trauma und Gedächtnis erklärt er, dass diese Erfahrungen Momentaufnahmen des Traumas erzeugen. Mit anderen Worten, Bilder und gelebte Empfindungen, die sich auf sehr intensive Weise in das emotionale Gedächtnis einprägen.

Dabei spielt es keine Rolle, wie viele Tage, Wochen, Monate oder Jahre bereits vergangen sind. Diese Erinnerungen infiltrieren alles. Sie hemmen dein Potenzial, beeinträchtigen dein Glück und deine Entscheidungsfähigkeit und ebenso deine Fähigkeit, gesunde Bindungen einzugehen.

Rückkehr zur Normalität - trauriger Mann im Bett

Wie kann die Rückkehr zur Normalität nach einer traumatischen Erfahrung gelingen?

Wie wir bereits erwähnt haben, wirst du nach einer traumatischen Erfahrung ein anderer Mensch sein, unabhängig davon, wie hart du an einer Rückkehr zur Normalität arbeitest. Aber du kannst heilen. Einige Skalen können die Auswirkungen von Traumata messen, wie beispielsweise die, die von Tedeschi und Calhoun im Jahr 1996 entwickelt wurde.

Dieses Instrument hat Psychologen zu der Erkenntnis geführt, dass Frauen die Überwindung eines Traumas im Durchschnitt besser gelingt. Sie tun dies, indem sie eine neue Wertschätzung für ihr Leben entwickeln und sich einen neue, positive Perspektive schaffen. Um an diesen Punkt zu gelangen, musst du aber dennoch verschiedene Phasen durchlaufen:

  • Nach einer traumatischen Erfahrung brauchst du Zeit. Eine sofortige Rückkehr zur Normalität ist nicht möglich.
  • Danach musst du dich dieser Realität stellen. Rufe dir alles Geschehene im Detail in Erinnerung und achte darauf, was du über diese Erfahrung denkst und fühlst. Du musst in diesen Schmerz gehen.
  • Allerdings solltest du dir darüber bewusst sein, dass du dein Trauma nicht alleine bewältigen kannst. Dazu benötigst du Hilfe und Unterstützung.
  • Daher solltest du eine Therapie machen. Es gibt verschiedene Ansätze und Strategien, die sich exzellent für die Behandlung von Traumata eignen.
  • Wenn du nach dem traumatischen Ereignis versuchst, wieder in die “Normalität” zurückzukehren, solltest du dir keine neuen Routinen erschaffen, denn dein Gehirn braucht Gewohnheiten, um sich sicher zu fühlen.
  • Stattdessen kannst du dir neue Projekte vornehmen. Das Gefühl, das Alte hinter sich zu lassen und neue Herausforderungen anzunehmen, gibt dir ein Gefühl von Kontrolle. Darüber hinaus stärkst du so deinen Optimismus und bekommst neue Zukunftsperspektiven.

Abschließende Gedanken

Zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Überwindung einer traumatischen Situation oder Erfahrung für niemanden einfach ist. Für viele Menschen ist sie sogar so schwer, dass sie an einer posttraumatischen Belastungsstörung erkranken.

Daher ist es wichtig, dass du diesen Schmerz bearbeitest, damit du wieder in dein Leben zurückfindest. Du musst dich von diesen Fesseln befreien, um wieder glücklich zu sein.

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  • Tedeschi, R. G., & Calhoun, L. G. (1996). The posttraumatic growth inventory: Measuring the positive legacy of trauma. Journal of Traumatic Stress9(3), 455–471. https://doi.org/10.1002/jts.2490090305
  • Yehuda, R. (2002, January 10). Post-traumatic stress disorder. New England Journal of Medicine. https://doi.org/10.1056/NEJMra0129
  • Levine, P (2015) Trauma And Memory. North Atlantic Books